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Diskurs:Im Dickicht der Metropolen

In "Oratorium" feiern die Performer von "She She Pop" und das Publikum eine Art gemeinsame rituelle Messe der Wohnenden.

(Foto: Benjamin Krieg)

Beim Brechtfestival in Augsburg geht es in diesem Jahr um das Thema Stadt. So untersucht die Performance-Gruppe "She She Pop" in ihrem "Oratorium", welche Auswirkungen eine Immobilienerbschaft auf das Leben hat

Man stelle sich zwei Freundinnen vor, die sich seit ihrer Kindheit kennen. Beide sind Akademikerinnen, beide verheiratet, je zwei Kinder, beide leben und arbeiten in Augsburg. Lang verläuft ihr Leben parallel, Schule, Uni, erster Job, erste Wohnung ähneln sich. Dann passiert etwas, das die eine maßgeblich von der anderen unterscheiden wird: Eine erbt eine Immobilie, die andere nicht. Die eine wird für immer abgesichert sein, die andere bis an ihr Lebensende Schulden zahlen, oder monatlich eine nicht unerhebliche Summe für Miete aufbringen. Das ist ein Aspekt in dem riesigen, drängenden Problem vieler deutscher Großstädte: dem Problem des Wohnraums, besser gesagt, des Mangels an demselben. Dieses sehr reale Szenario und der Plan, etwas zum Thema Eigentum zu machen, war die Grundlage für "Oratorium", eine Performance von "She She Pop", mit der die Gruppe jetzt in Augsburg zu Gast ist. "Für Städtebewohner*innen" steht über dem diesjährigen Brechtfestival, das von Freitag, 22. Februar, bis 3. März in Augsburg stattfindet.

"Ob wir erben oder nicht", sagt Lisa Lucassen von "She She Pop", "hat einen großen Einfluss auf unsere Lebenswirklichkeit. Gerade, ob jemand eine Wohnung besitzt oder nicht, ist im Alltag sehr viel präsenter, als wenn er Briefchen von seinen Aktiendepots bekommt." Die Künstlerinnen der Performancegruppe führten Interviews mit Berlinern, arme, reiche, Erbende, Verschuldete, Alleinerziehende. Daraus strickten sie einen Text, den sie zwischen sich, einem "Chor der lokalen Delegierten" und dem Publikum aufteilen. Das Publikum ist also Teil der Inszenierung, es muss eingeblendete Sätze laut vortragen.

"Das Thema Eigentum ist ein totales Tabu", sagt Lucassen. "Ich verstehe nicht, warum Geld haben oder nicht haben so derart schambehaftet ist. Aber es ist so." Ein Mann verriet der Gruppe, dass er zwei Wohnungen in Berlin besitze. Das wüssten nicht mal alle seine Freunde. "Aber wie immer, wo sich jemand schämt, ist ,She She Pop' nicht weit", sagt Lucassen. So bugsieren sie auch in "Oratorium" das Publikum an den Rand seiner Komfortzone, indem sie beispielsweise erst "die Wohlhabenden" bitten, laut mitzusprechen. Dann die "Mütter ohne Absicherung".

Apropos Publikum: Die formelle Idee zu "Oratorium" haben "She She Pop" von Bertolt Brechts Lehrstücktheorie übernommen, die vorsieht, dass sich das Publikum einbringt. "Brecht war der Meinung, dass man durch das Aussprechen der Worte und das Einnehmen bestimmter Haltungen besser versteht, als wenn man nur zuschaut", sagt Lisa Lucassen. "Das finde ich als Idee sehr attraktiv, dass man Dinge erst einmal durch den Körper lassen muss, um zu sehen, was das mit einem macht." Somit ist "Oratorium" doppelt prädestiniert fürs Augsburger Brechtfestival. Einmal wegen des Themas Wohneigentum und zum anderen wegen Brechts Lehrstückidee.

Dass "Oratorium" nun auch noch zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, zeugt zudem vom guten Gespür des Festivalkurators Patrick Wengenroth. Der kann in seinem letzten Jahr als Spielleiter gleich drei für große Theatertreffen ausgewählte Produktionen vorweisen. Neben "Oratorium" ist auch die Romanadaption "Unendlicher Spaß", eine Koproduktion verschiedener Häuser mit einem All-Star-Ensemble von Regisseur Thorsten Lensing, beim Theatertreffen in Berlin dabei. Und das Kollektiv "Raum+Zeit" wurde gerade eben mit seiner Performance "Antigone::Comeback" zum Schweizer Theatertreffen eingeladen. Wengenroth, der in den vergangenen drei Jahren hin und wieder dafür kritisiert wurde, zu wenig Prominenz nach Augsburg geholt zu haben, dürfte das diesmal also immerhin mit künstlerischer Relevanz wettmachen. In diesem Jahr nämlich versammelt das Festival 36 verschiedene Programmpunkte an 19 Spielorten, darunter traditionsgemäß auch Lyrik- und Leseabende, Konzerte wie die "Lange Brechtnacht", zu der diesmal beispielsweise Dota, die Protestlied-Sängerin Gustav und Gisbert zu Knyphausen kommen.

Das Theater Augsburg steuert ebenfalls wieder eine Produktion bei. Bertolt Brechts "Baal", inszeniert von Mareike Mikat. Außerdem ist die Dachauerin Karen Breece mit dem am Berliner Ensemble produzierten Stück "Auf der Straße", in dem es um das Thema Obdachlosigkeit geht, dabei. Festivalleiter Wengenroth wählte das Thema Stadt, weil es in vielen Texten von Brecht eine Rolle spielt ("Im Dickicht der Städte", der Gedichtzyklus "Aus dem Lesebuch für Städtebewohner"). Er fand das Thema für Augsburg ebenfalls passend, eine boomende Stadt, die vom Mietwahnsinn Münchens gleichermaßen profitiert und bedroht ist. "Für mich geht es auch um die Frage, was eine Stadt heute lebenswert macht", sagt er. "Städte sollen nicht nur Kulissen für Touristen sein". Wengenroth selbst lebt als Regisseur in Berlin, wo man bekanntlich ebenfalls mit explodierenden Immobilienpreisen und verschwindenden Freiflächen zu kämpfen hat.

Dass das Problem um Eigentum und Erbe aber kein Augsburger oder Berliner Problem ist, wissen She She Pop, die mit "Oratorium" nun schon ein Jahr lang in ganz Deutschland und international unterwegs sind. Meist studieren sie den Abend mit Menschen aus der jeweiligen Stadt ein und übertragen den im Text vorkommenden Prenzlauer Berg dann halt ins Münchner Glockenbachviertel oder nach Frankfurt Sachsenhausen, jene gentrifizierten Bezirke eben, in denen die Mieten inzwischen fast unerschwinglich sind. In Augsburg wird es aber tatsächlich ein richtiges Gastspiel mit der Berliner Originaltruppe und Berliner Bezugsorte geben, so viel Abstraktionsvermögen, sagt Lisa Lucassen, könne man dem Publikum ja zumuten.

Brechtfestival , von Freitag, 22. Februar, bis Sonntag, 3. März, diverse Orte, Augsburg