Die Zeichen der Architektur Eine Form der Möglichkeit

Die offene Architektur des Mahnmals ist auf zwiespältige Weise bedeutsam.

Von GERHARD MATZIG

Das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" ist der Öffentlichkeit noch nicht übergeben, aber die erste Schmiererei ist bereits inmitten der 2711 Stelen zu sehen: Es ist ein Hakenkreuz. Man musste ja damit rechnen. Falls wir zu hoffen gewagt hatten, dass der Architektur des Berliner Holocaust-Mahnmals ein Moment der Unberührbarkeit innewohnen würde, so ist diese Hoffnung nun ebenso wie die bald zwei Jahrzehnte währende Entstehungsgeschichte des Mahnmals zu Ende gegangen. Als Zeichen ist das Denkmal vollendet -- zugleich aber fängt die Geschichte der Zeichen auf dessen Terrain erst an.

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Das Hakenkreuz ist so groß wie die Hand eines Mannes, befindet sich etwa anderthalb Meter über dem Boden und wurde mit blauem Kugelschreiber offensichtlich in Hast auf die östliche Breitseite einer der größeren, beinahe haushohen Stelen gekritzelt. Es ist auf dem speziell beschichteten, fast samtig sich anfühlenden Grau nicht auf Anhieb zu sehen -- und doch ist es erschreckend einprägsam. Wenn man vom langgezogenen südwestlichen Eck des trapezförmig verformten Areals zwischen Ebertstraße und Hannah-Arendt-Straße ausgeht, dann findet man die solcherart herausragende Betonscheibe in der 19. Reihe in östlicher und in der 22. Reihe in nördlicher Richtung. Die Mahnmal-Architektur der vierundfünfzig mal siebenundachtzig orthogonal organisierten Pfade ist so präzise wie ein Koordinatensystem -- die Frage ist jedoch, wie lange man hier eine solche Stele noch als singulär verorten können wird. Wann wird also auch der Satz "Tom was here" zu lesen sein, wann "Hertha forever"? Wann werden irgendwelche Telefonnummern oder die üblichen obszönen Idiotien das Feld der deutschen Scham beherrschen?

Als Peter Eisenman, der Architekt des Mahnmals, vor einigen Monaten anlässlich seiner Retrospektive befragt wurde, ob das Stelenfeld nicht dazu herausfordere, sich darin zu verewigen, sagte er sinngemäß: Nein, das Mahnmal fordere nicht dazu auf, beschmutzt zu werden, es müsse eher benutzt werden -- als "Spiegel unserer Zeit". Die Aufgabe des Mahnmals sei es, "offen" zu sein, "lesbar". Eisenman hat Recht behalten -- wenngleich das Mahnmal nicht nur lesbar, sondern auch beschreibbar, ja verfassbar ist. Es dient insofern weder dem Mahnen noch dem Gedenken oder wenigstens dem Denken: Es scheint tatsächlich kein Ort der Innerlichkeit zu sein -- sondern einer der Entäußerung. Es ist ein 2711 mal vier Seiten umfassendes Tagebuch aus Beton, das sich ebenso beschmutzen wie benutzen lässt. Und sogar ignorieren kann man es: An der Ecke Behren- und Glinkastraße ist ein Hinweisschild zu sehen: "Komische Oper 50 Meter" -- "Denkmal für die ermordeten Juden Europas 500 Meter". Genau dies ist das Holocaust-Mahnmal: eine Form der Möglichkeit.

Wer in der jahrelangen Debatte befürchtet hatte, dass aus dem Stelenfeld ein gigantisches, hohles Monument werden könnte, darf also beruhigt sein; und wer gehofft hatte, es würde schließlich "erhaben" sein, sieht sich enttäuscht. Das Mahnmal ist nur der -- eigentlich: leere -- Schauplatz im Krieg der Zeichen. Es ist offen, ungewiss, interpretierbar. Was auch immer man darin zu sehen glaubt, ein Feld, eine Nekropole, ein Meer oder eine Stadt -- man kann und darf es darin sehen.

Oberirdisch sind die Stelen unpersönlich und abstrakt, unterirdisch, am "Ort der Information", an den man wie nebenbei gelangt, sind die Stelen personalisiert; oben wachsen sie aus dem Boden, unten schweben sie darüber. Das Stelenfeld ist fast penibel ausgerichtet und geordnet, auch gut einsehbar -- und doch kann man sich darin irritieren lassen und verlieren. Es ist laut und still und so banal wie rätselhaft. Es ist in jeder Hinsicht zeichenhaft. Vor allem aber: paradox. Die Architektur spielt hier so wenig eine Rolle wie die Kunst -- und ein größeres Kompliment kann man dem Mahnmal nicht machen. Ein gefährlicheres aber auch nicht.