Die Rolle der Kunsthistoriker Experten für Plünderungen

Während der NS-Zeit halfen Kunsthistoriker der Gestapo, in den Wohnungen jüdischer Familien Wertvolles zu finden.

Von Catrin Lorch

Karl Adler, der Besitzer einer florierenden Bettfedernfabrik in München, hatte einen hervorragenden Geschmack, was Kunst angeht. Während Münchner Großbürger in den Zwanzigerjahren in ihren Wohnungen Landschaftsgemälde aufhängten und Nymphenburger Porzellandoggen aufstellten, rahmte er Zeichnungen von Max Slevogt, Radierungen von Max Klinger oder Alfred Kubins Lithografien, den "Gestiefelten Kater" oder die "Diplomaten". Kurz nach der Reichspogromnacht am 11. November 1938 - in München waren die Scherben der zertrümmerten Schaufenster jüdischer Geschäfte noch nicht aufgekehrt - stand die Gestapo bei ihm vor der Tür und hängte seine Bilder ab. Dafür, dass nichts zu Bruch ging und nichts übersehen wurde, sorgten Experten.

Die Plünderer, die in staatlichem Auftrag täglich zwei bis drei jüdische Kunsthändler oder Sammler aufsuchten, waren gut beraten: "In der Wohnung des Juden Isidor Bach, Mauerkircherstraße 29/1" assistierte Dr. Müller von den Staatsgemäldesammlungen, wie es das Protokoll vermerkt, als antike Möbel, Puttenköpfe und italienische Handzeichnungen in den unter den Straßenbäumen parkenden Lastwagen verladen wurden. Der Direktor des Nationalmuseums, Johann Buchheit, quittierte täglich gleich mehrere Ladungen, welche die Spedition Schmid anlieferte.

Die Forschungsarbeit kam nie als Buch heraus, deswegen steht der Plünderer als Retter in Wikipedia

In solchen Protokollen ist ein Kapitel Geschichte aus München enthalten, an das sich nach dem Ende der NS-Zeit niemand mehr erinnern wollte. Nirgends - außer vielleicht in Berlin - raubte man so effizient und gut beraten wie in der selbsternannten "Hauptstadt der Bewegung". In knapp zwei Wintermonaten holte man den Besitz 70 jüdischer Familien ab. Die Konservatoren der Museen, sogar Direktoren boten ihren Rat an, begleiteten die Gestapo und schacherten hinterher persönlich um die Beute: Dr. Buchner von den Staatsgemäldesammlungen. Dr. Schießl vom Stadtmuseum. Dr. Buchheit vom Nationalmuseum. Mitarbeiter des Lenbachhauses, der Villa Stuck, des Maximilianeums. Die Briefe der beteiligten Kunsthistoriker sparen nicht an Details. Aber kaum jemand hat diese Briefe bislang zu Gesicht bekommen. Denn man muss sich schon im Lesesaal des Stadtarchivs die Akte 104 aushändigen lassen: himmelblau, mit einem Baumwollbändchen verschnürt, hält sie die Beschlagnahmungslisten zusammen, Briefe der Behörden, Schätzpreise.

Die Akte wurde im Jahr 2007 im Stadtmuseum gefunden. Sie sollte längst aufgearbeitet sein. Alle etablierten Münchner Museen beteiligten sich an einem im Jahr 2009 begonnenen Forschungsprojekt, das mit Bundesmitteln gefördert wurde und dessen Federführung bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen angesiedelt war. Deren Provenienzforscherin Andrea Bambi stellte 2012 erste Ergebnisse vor. Damals resümierte Vanessa Voigt, die gemeinsam mit Horst Kessler an dem Projekt arbeitete: "Man kann davon ausgehen, dass Münchner Museumsdirektoren und Kunsthändler Tipps gaben, wo etwas zu holen ist." Das Buch sollte eigentlich ein Jahr später erscheinen und ein Standardwerk werden, ähnlich wie die Studie von Sophie Lillie über jüdische Sammlungen in Wien "Was einmal war", die auch Lebensläufe nachzeichnet.

Doch das "Protokoll eines Kunstraubs", als "Handbuch der 1938/39 beschlagnahmten jüdischen Sammlungen in München" seit Jahren bei Amazon annonciert, ist bis heute nicht erschienen. "Derzeit nicht verfügbar. Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt", steht auf der Seite. Auf Anfrage teilt der Deutsche Kunstverlag mit, dass das Buch nie erscheinen werde. Das Manuskript habe den Anforderungen nicht genügt. Es werde aber, wie es bei den Staatsgemäldesammlungen heißt, "der Forschung zur Verfügung" stehen. Stattdessen hat man - zum selben Thema - im Herbst ein kürzeres Werk im Programm, Autor sei Jan Schleusener. Man hat das Buch einfach neu schreiben lassen, dieses Mal auf nur 200 Seiten.

Dass nun fast zehn Jahre vergehen, bis die Aufarbeitung endlich veröffentlicht wird, gestattet es denen, die sich schuldig gemacht haben, weiter ehrenhaft dazustehen. Im Wikipedia-Eintrag zu Johann Buchheit steht bis heute, er sei den Vorhaben der Nationalsozialisten "mit Entschiedenheit" entgegengetreten: "1939 wandte er sich gegen den Abriss des Hubertusbrunnens und des Reiterstandbildes des Prinzregenten Luitpold." Wie verstrickt der Kunsthistoriker in die Raubzüge der nationalsozialistischen Plünderer war, ahnt, wer dagegen das Dankschreiben der Gauleitung an ihn liest: "Ihre Sachkenntnis und Erfahrung war der Kommission von großem Nutzen. Für die aufgewandte Mühe sage ich Ihnen eindringlichsten Dank. Den Zeitpunkt der Aufteilung der Gegenstände werde ich Ihnen demnächst mitteilen und die Wünsche des Nationalmuseums weitgehendst berücksichtigen. Heil Hitler." Bislang allerdings erfährt man das nur im Lesesaal. Im Original.