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Die Leistungsschau des deutschen Theaters:Schauen, was geht

Maximal einsam, maximal gut: Sandra Hüller als Hamlet in der Bochumer Inszenierung von Johan Simons. Das Stück wurde von 3sat aufgezeichnet.

(Foto: JU Bochum)

Das virtuelle Berliner Theatertreffen stößt an Streaming-Grenzen, setzt aber trotzig ein Zeichen.

Von Christine Dössel

Das 57. Berliner Theatertreffen ist ein virtuelles - und das ist nach erster Sichtung bei allem Goodwill eine doch eher traurige Veranstaltung. Auch eine recht einseitige. Niemand redet von Geschlechtergerechtigkeit und anderen großen Themen; es scheint auch keine Rolle zu spielen, dass es das erste Theatertreffen mit einer Frauenquote ist: 50 Prozent Regisseurinnen mussten es mindestens sein. Es geht jetzt nur noch um Theater und Digitalität. Zehn Inszenierungen hat eine Jury als die "bemerkenswertesten" eines Jahres zur Berliner Best-of-Schau geladen. Sechs davon werden seit letztem Freitag in Aufzeichnungen oder Mitschnitten für jeweils 24 Stunden online gezeigt, gratis abrufbar auf der Streaming-Plattform der Berliner Festspiele. An diesem Mittwoch steht "Chinchilla Arschloch, waswas" auf dem Programm, eine Produktion von Helgard Haug (Rimini Protokoll) mit und über Menschen, die das Tourette-Syndrom haben. Am Freitag folgt als Letztes Toshiki Okadas an den Münchner Kammerspielen inszeniertes Stück "The Vacuum Cleaner" über das japanische Phänomen der Hikikomori. Gemeint sind Menschen, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen und (fast) keine sozialen Kontakte mehr haben. Wenn einem das nicht bekannt vorkommt! Es dürfte das Stück der Stunde sein - schön kontaktfrei gestreamt im sozialen Vakuum, welches die Plattform Nachtkritik.de durch "gemeinsames Gucken" am Freitag um 20 Uhr samt heimeligem Live-Chat anzufüllen gedenkt, bevor am Samstag die Jury-Abschlussdiskussion folgt.

Streamings on demand, Live-Chats während des Zusehens, Podiumsgespräche am PC mit Teilnehmern in Adidasjacken und Zuschauerfragen per Twitter - das sind jetzt so die Formen. Natürlich könne das kein hundertprozentiger Ersatz sein, sagte die Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer in ihrem Videogruß zur Eröffnung. Aber in diesen Zeiten sei es wichtig, "ein Zeichen zu setzen für die Kunst und für die Kultur". Und: "Wenn Theater schon nicht als systemrelevant eingestuft wird, dann doch bitte als demokratierelevant. Als unverzichtbares Regulativ für unsere Gesellschaft."

Die vielen Streamings fördern den analogen Wesenskern des Theaters deutlicher denn je und teils schmerzlich zutage

Der Auftakt mit Shakespeares "Hamlet" aus Bochum ist das vorläufige (wohl schwer zu übertreffende) Highlight dieses Netztheatertreffens - allein schon deshalb, weil die Inszenierung von Johan Simons in einer professionellen 3sat-Fernsehaufzeichnung vorliegt (abrufbar in der 3sat-Mediathek). Aber es ist natürlich auch die wunderbare Sandra Hüller in der Titelrolle, die diesen zwiespältigen "Hamlet" zu einem intensiven Erlebnis und zu jenem Must-see macht, als das er gehandelt wird. Dass sie für diese Rolle mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet wird (was als Event natürlich ebenfalls ins Wasser fällt), ist verdient. Maximal traurig, einsam und berührend klar spielt sie Hamlet als jemanden, der an der Verdrehung der Wahrheit, an der Falschheit der Welt verzweifelt, jedes Wort aus ihrem Innersten wie aus einer Wahrhaftigkeit schöpfend. Auch die erfrischende Gina Haller, die als Ophelia den Kumpel Horatio gleich mitspielt, hat oft eine Leuchtkraft. Insgesamt jedoch bleibt die kühl-konzeptuelle, in ihren Kalkulationen stets durchschaubare Kopfregie von Johan Simons hinter den hohen Erwartungen zurück.

Wenn diese Inszenierung als "wegweisend" gilt, wie angepriesen, dann ist der wegweisende Jürgen Gosch, Gott hab ihn selig, offenbar komplett in Vergessenheit geraten. Geometrische Formen - ein bronzenes Rechteck, eine bleiche Scheibe, silberne Kugeln - beherrschen in diesem "Hamlet"-Planspiel das weiß lackierte Spielbrett in der Bühnengestaltung von Johannes Schütz. Wie einst bei Gosch sind alle Schauspieler stets da und treten aus dem Zuschauerraum heraus auf. Dass dieser sichtbar leer ist, weil die Aufführung ohne Publikum aufgezeichnet wurde, bleibt als erschreckender Eindruck von diesem Online-Auftritt zurück und gibt der eh schon kalten Inszenierung einen noch frostigeren Theaterlabor-Anstrich.

Überhaupt fördern die vielen Streamings, die es derzeit gibt, den analogen Wesenskern des Theaters, sein ureigenstes Vermögen deutlicher denn je zutage. Es entsteht ein Bewusstsein, dass Theater so viel mehr ist, als ein Stück zu spielen oder es gemeinsam auf einer Bühne anzuschauen. Schon der Akt des Hingehens, die Begegnungen im Foyer, die Gespräche in der Pause und danach sind Teil des Vorgangs. Nicht zu unterschätzen das gemeinschaftliche Durchhalten und Aushaltenmüssen, die Konzentration im Raum, die Möglichkeit, dass jederzeit etwas schiefgehen kann. All das wird gerade erkannt und benannt und fließt in vitale Grundsatzdebatten ein, geführt auch von Leuten, die noch nie etwas von der "leiblichen Kopräsenz von Akteuren und Zuschauern" gehört haben und nichts von der "autopoietischen Feedbackschleife", wie man sie in der Theaterwissenschaft bei der neuerdings wieder viel zitierten Erika Fischer-Lichte lernt, und die trotzdem dasselbe meinen.

Dass es unter Zuschauern, Zoom-Teilnehmern, Usern, Chattern einen Austausch gibt über das, was Theater kann und ausmacht und vielleicht zukünftig noch alles können könnte und sollte, ist ein positiver Aspekt an der gegenwärtigen Krise. Von hier aus lässt sich weiter denken. Es ist auch nicht alles schlecht, was Streaming ist. Um historische oder verpasste Inszenierungen nach- und Theaterwissen aufzuholen, bieten die vielen Online-Angebote (gerade auch die aus den Archiven) grandiose Möglichkeiten. Spannend wird es dort, wo Theater eigene Formen für den digitalen Raum entwickeln. Analoges Theater in abgefilmter Form stinkt dagegen meistens ab. Zu erleben war das bei Katie Mitchells sensibler Inszenierung "Anatomie eines Suizids" von Alice Birch, gezeigt in einer Generalproben-Aufzeichnung des Hamburger Schauspielhauses in öder Bildqualität. Die Depression, die das Stück verhandelt, machte sich schnell in einem selbst breit. Oder bei Anta Helena Reckes eigentlich auf raumgreifende Bildbetrachtung ausgelegter Konzeptkunstperfomance "Die Kränkungen der Menschheit": Da war die hilflos rüde Kameraführung die eigentliche Kränkung. Ein Problem solcher Streamings ist auch die Bevormundung durch die Bildregie. Kann man im Theater fokussieren und schauen, wohin man will, wird in der Aufzeichnung der Blick geführt und manipuliert.

Der durchaus netzaffine Alexander Giesche hat gar nicht erst eingewilligt, dass seine Zürcher Inszenierung "Der Mensch erscheint im Holozän" beim Theatertreffen gestreamt wird. "Ich möchte, dass die Leute das wirklich erleben ", sagte er bei einer der Paneldiskussionen zum Thema "Digitale Praxis im Theater". Ähnlich Anne Lenk, die sich erleichtert zeigte, dass es von ihrer "Menschenfeind"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin keine Aufzeichnung gibt. Das Theatererlebnis sei beim Streamen ein anderes, "es hat nicht diese Kostbarkeit".

Dem Regisseur Christopher Rüping fehlt das "atmosphärische Erleben", die "Feinstofflichkeit". So ist die Digitalität des Theatertreffens letztlich doch nur ein Notbehelf, eine wenig befriedigende Ersatzlösung, und nicht - wie viele mehr befürchteten als erhofften - das Einfallstor für das virtuelle Theater der Zukunft. Diese Tür jetzt weiter geöffnet zu haben, um zu schauen, was geht, macht dennoch Sinn. Am besten brachte es der Münchner Kammerspiele-Chef Matthias Lilienthal auf den Punkt: Digitalität sei kein Wert an sich. "Aber wenn wir plötzlich keine Bühne mehr haben, dann gehen wir halt dahin, wo wir eine Bühne haben. Ob das ein Balkon ist oder das Internet."

© SZ vom 06.05.2020
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