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"Die langen Abende":Tratsch und Drama

Beach house overlooking a foggy sea along the Maine coast. NR H&M H PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xJohnxGre

Die pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge und ihr Ehemann haben gelernt, das man wissen muss, "wann man besser den Mund hält". Der Roman "Die langen Abende" spielt an der Küste von Maine.

(Foto: imago images/Loop Images)

Altern in einer kleinen Stadt an der Küste von Maine: Elizabeth Strout addiert Figuren und Lebensgeschichten.

Von Catrin Lorch

Wie könnte man das Gegenteil eines Pilotfilms nennen? Also einen Film, der einer Serie nicht vorangestellt wird - sondern ihr nachfolgt. Verankerungsfilm? Oder wäre es nicht eher einer, in dem - metaphorisch - alle am Gepäckband stehen und den Flughafen verlassen? Das sind die Gedanken, die man sich beim Lesen der ersten fünfzig bis hundert Seiten von Elizabeth Strouts "Die langen Abende" macht. Schon weil in dem Buch, das wiederum im provinziellen Crosby in Maine angesiedelt ist, gleich im ersten Kapitel Olive Kitteridge wieder auftaucht. Die pensionierte Mathematiklehrerin ist den Lesern Elizabeth Strouts aus zwei Romanen bekannt und seit deren Verfilmung als preisgekrönte HBO-Miniserie überaus populär. Doch ist Olive Kitteridge nur eine von vielen Figuren, die sich in den lose verbandelten Kapiteln vor Holzhäusern, Veranden, Küstenstraßen oder Supermarktkassen tummeln.

Die Stimmung ist allerdings nicht eben weiß lackiert oder flickendeckenkuschlig. Was schon daran liegt, dass Olive, Jack, und Minnie gerade vom Club der "Silberkränzchen" in eine Vereinigung namens "Golden Hour" hinüberwechseln könnten. Sie sind Rentner, verwitwet, dem Tod nahe oder einfach alt. Auch Olive Kitteridge hat sich in einen "seepockenverkrusteten Wal" verwandelt, ist aber dennoch in eine glückliche Ehe mit dem ungefähr gleichaltrigen, ähnlich dicken Jack Kennison gestolpert. Das Geheimrezept? "Wir sind beide so alt, dass wir ein paar Dinge gelernt haben, und das ist gut." Sie wissen, "wann man besser den Mund hält."

Alte Lehrerinnen sind warmherzig, Iren haben Familiensinn

Für eine mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Autorin ist es natürlich keine Option, einfach nur einen etwas überreifen Liebesroman zu schreiben. Und so soll aus dem, was vielleicht nur besserer Kleinstadt-Tratsch ist, ein amerikanisches Gesellschaftsdrama werden. Elizabeth Strout mischt mehr oder weniger gekonnt Figuren wie Kayley unter die Einwohner, ein Mädchen, das an den Nachmittagen, an denen sie das Wohnzimmer ihrer Klassenlehrerin schrubbt, dem dementen Ehemann - gegen Bezahlung mit Zehndollarnoten - ihre Brüste zeigt. Oder die Rechtsanwältin Suzanne, die - aus wohlsituierten Verhältnissen stammend - erst mit dreißig Jahren Verspätung herausfindet, dass ihre Mutter den kleinen Bruder missbraucht hat. Und die als Domina arbeitende Tochter von Fergus mit seinem Schottenrock, der bei der jährlichen Bürgerkriegsparade immer in Soldatenuniform auftritt.

Die Sympathien sind wenig überraschend verteilt. Alte Lehrerinnen sind meist doch warmherzig und lebensklug, Iren haben Familiensinn, lesbische Töchter kümmern sich sehr wohl um ihre Eltern und die Schurken wohnen in den großen Villen. Es ist, als klappe Elizabeth Strout die Fassade von Puppenhäusern auf, die mit dem zeitgenössischen Wissen um Zerrüttung, Kindesmissbrauch, Vernachlässigung und häusliche Gewalt möbliert sind. Und weil es so viele Häuschen sind, in die man schauen darf, bleibt auch auf 349 Seiten nicht viel Zeit. Die lapidaren Dialoge offenbaren schnell den Kern des Elends, was sich vor allem hastig anhört: "Das ergibt sehr viel Sinn, schließlich dachtest du dein Leben lang, du wärst schuld an seinem Tod", antwortet die Schwester eines Depressiven auf dessen Lebensbeichte - "und schlug die Beine andersherum übereinander".

Die Dramen sind verzwergt, die Menschen leben so nebeneinander her und erzählt wird so, wie man beim Bäcker ansteht: einer kommt nach dem anderen dran. Dass der Ton zuweilen ungelenk klingt, muss man vielleicht aber auch der Übersetzerin Sabine Roth anlasten, die stimmungsvolle Begriffe wie Wochenmarkt oder Stofffabrik eigentümlich technisch mit "Bauernmarkt" oder "Textilmühle" übersetzt. Zudem wirkt sie, wie die Autorin selbst, nicht sonderlich an den Geschichten interessiert, was doppelt tragisch ist, weil es sich ja überwiegend um Menschen handeln soll, die an ihrem Lebensende angekommen sind und jenseits aller möglichen Happy Endings.

Es wird viel gestorben in diesem Roman, aber das Existenzielle, auf das unterschwellig unentwegt angespielt wird, reicht insgesamt zu nicht mehr als einer Anekdote. Das Gegenteil von einem Pilotfilm ist die abschließende Erkenntnis von Olive Kitteridge, die klinisch tot eine Ahnung davon hat, wie das Jenseits beschaffen sein könnte. Es sei, heißt es wenig überraschend, "ein himmlischer Ort".

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, München 2020. 353 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 12.05.2020

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