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Die Geschichte von Madame Tussaud:Wachs in ihrer Hand

Da wusste Marie schon, wie man Perücken knüpft, den Wachsfiguren Glasaugen einsetzt und aus falschen Diamanten Glitzerschmuck anfertigt. Nicht nur hatte die junge Frau eine besondere Begabung für die Wachsbildnerei, das Wachsmodellieren war auch eine sehr populäre und gern betriebene Mode, getragen von einer langen Tradition, die Tod und Sterben als Teil des Lebens betrachtete.

Tote Figuren in der U-Bahn

Für die Wissenschaft wurde das Wachsbild unentbehrlich: So gründete der aufgeklärte österreichische KaiserJoseph II. 1785 das Institut der "History of Medicine" an der Wiener Universität für die Ausbildung seiner Armeechirurgen, die eine besonders bekannte Sammlung von Wachsmodellen enthielt. Sie ist heute noch zu besichtigen. Auch erotische Wachsfiguren waren sehr begehrt, entfalteten zunehmend ihre Reize des Verbotenen. Heute werden Reize anders erzeugt, die Bedeutung der Wachsbildnerei ist zurückgegangen.

Skurriles Detail aus der Wachs-Historie: Im Zweiten Weltkrieg wurden die Wachsfiguren von Verstorbenen, die in der Westminster Abbey das Andenken an berühmte Zeitgenossen verkörperten, in die U-Bahn-Haltestelle Picadilly Circus verlagert - auf dieses tote Figurenarsenal trafen die verschreckten Scharen der Lebenden, die wegen der Luftangriffe in der Station untertauchen mussten.

Die Geschichte von Tussaud's geht zunächst in Paris weiter: Der Lerneifer Maries und ihr sicherer Geschäftsinstinkt zahlten sich aus. Das Renommee der dortigen Ausstellungen wuchs, trotz manch finanzieller Durststrecken.

Vive la revolution! - mit den Turbulenzen dieses Umbruchs musste auch Marie Grosholtz fertig werden: Für die Demoiselle mit den strahlenden Augen und dem kastanienbraunen Haar, das sie, um größer zu wirken, zu einer hohen Frisur auftürmte, waren die Entwicklungen durchaus nicht ungefährlich, sie hatte schließlich die Figuren oder die Büsten der königlichen Familie geformt und war bei Hofe als Kunsterzieherin wohlgelitten.

Kriselnde Ehe

Als die Revolution ausbrach, verließ Maries alter Lehrmeister Curtius Paris, der Boden wurde ihm, dem Freund des Adels, zu heiß. Marie aber blieb, in der Annahme, dass nun das Publikum, die Herrscher, die zu Feinden des Volkes geworden waren, erst recht sehen wollte: traurige Karikaturen ehemaliger Glorie. Als Königsanhängerin, heißt es, hätten die Revolutionäre Marie Grosholtz zunächst in den Kerker gesteckt, und sie habe froh sein müssen, der Guillotine zu entgehen.

Es rettete sie der Überlieferung nach die Erinnerung an ihren Vorfahren, den rechtschaffenen Henker, und die Tatsache, dass die Bürgerin Grosholtz nicht nur die Monarchen, sondern nun auch die Revolutionäre und die tapferen Kriegshelden durch ihre Wachsarbeiten ehrte. Um die abgeschlagenen Häupter der Prominenz modellieren zu können, soll sie des Nachts sogar auf die Pariser Friedhöfe gegangen sein, wo sie Gipsabgüsse anfertigte ...

Doch die Geschäfte in diesen Krisenzeiten gingen schlechter.1794 kam Curtius nach Paris zurück. Bald darauf starb er. Marie erbte sein Wachsfiguren-Kabinett. Zwei Jahre später heiratete sie eine Zufallsbekanntschaft, den sechs Jahre jüngeren François Tussaud. Sie bekam zwei Söhne Joseph und François. In der Ehe kriselte es, sie litt unter der Trunksucht des Gatten.

Napoleon - ein Hit

Was also tun angesichts der privaten Misere und des abnehmenden Interesses an den Ausstellungen? Wenn die Touristen nicht nach Frankreich kamen - dann musste man eben zu ihnen reisen. Um 1802 packte Marie ihre Koffer und die 34 attraktivsten Porträts ihrer Sammlung und ging, begleitet von einem befreundeten Schauspieler, auf Tour nach England. Die Ausstellung in Paris überließ sie der Organisation ihres Mannes. Ihren vierjährigen Sohn nahm sie mit.

Im Lyceum am Londoner Strand wurde ein Theater gemietet,ein Veranstaltungsort für Austellungen aller Art. Besucher kamen in Scharen, denn hier konnten sie ihre Lieblingsbilder aus nächster Nähe betrachten. 1803 war das Wachsporträt Napoleons ein Hit, auch bestand beim verehrten Publikum nach wie vor großes Interessse an den Drahtziehern der Französischen Revolution, etwa Marat und Robespierre, deren Masken Marie angeblich selbst abgenommen hatte. Auch die "bedauernswerte" königliche Familie, wie es in einem der Ausstellungskataloge hieß, war zu besichtigen.

Mehr als 30 Jahre lang fuhren diese und andere Bildnisse mit der Schöpferin und Organisatorin durch ganz Großbritannien, in Schottland, England und Irland war sie mit ihren Schätzen auf Achse: Nach Paris kehrte sie nicht mehr zurück. Wenn man das Selbstporträt der zarten, fast zerbrechlichen alten Dame sieht, das Marie Tussaud in ihren späten Jahren gefertigt hat, würde man nicht unbedingt erkennen, welches Energiebündel, welche Weitsicht in dieser fragilen Erscheinung steckte.

Auf der nächsten Seite wird es ziemlich fies und gruselig.