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Die Geschichte von Madame Tussaud:Wachs in ihrer Hand

Madame Tussaud's ist global und milliardenschwer, das Leben seiner Gründerin war abenteuerlich. Wie die Enkelin eines Henkers mit perfekten Wachsfiguren Paris eroberte, knapp der Guillotine entging, London das Gruseln lehrte und ein Imperium schuf.

Wird Madame Tussaud künftig auch in Deutschland die Massen locken? Die erfolgreiche und finanzkräftige Merlin Entertainments Group, die international arbeitet und 13000 Angestellte beschäftigt, hat im vergangenen Jahr für 1,5 Milliarden Euro die Tussaud's Group mit ihren Wachsfigurenkabinetten in Amsterdam, New York City, Washington, Las Vegas, Hongkong und Schanghai gekauft.

Und sondiert nun die Voraussetzungen für einen weiteren Ableger in Berlin: 3000 Quadratmeter Fläche, sagt Johannes Mock, Chef der Merlin Entertainments Deutschland, bräuchte man für ein Kabinett mit etwa 100 Wachs-Persönlichkeiten. Der Standort - repräsentativ: Unter den Linden - ist geklärt, die Verhandlungen gehen voran, was fehlt, ist die unverzichtbare Werbegenehmigung.

Wenn alles nach Merlin-Art klappt, könnte sich ein weiteres Mal zeigen, dass bei Tussaud's nicht abgestorbene Vertreter verschiedener Epochen museal präpariert werden, sondern dass hier Prominenzen weiter existieren.

Diese Perfektion

Ein Unikum am Rande: Tussaud's Queen Elizabeth würde möglicherweise mit einer in deutschen Landen gefertigten Doppelgängerin konkurrieren: Es gibt nämlich bereits ein Berliner Panoptikum, das ein Stück Westberliner Geschichte enthält; 1995 wurde es mit dem Abriss des alten Ku'damm-Ecks geschlossen und im brandenburgischen Großbeeren eingelagert - Elizabeth und Helmut Kohl inclusive. Bis 2008 sollte das alte Panoptikum an den Ku'damm zurückkehren. Geschehen ist bisher noch nichts.

Zurück nach London: Als die Gründermutter des Londoner Wachsfigurenkabinetts, Marie Tussaud, 1850 in der britischen Haupstadt starb, war auch sie ein VIP, war sie die berühmte Madame, gehörte zum Kreis jener very important people, die sie in ihrem Museum an der Marylebone Road dem begeisterten Publikum präsentierte. Sie hatte es geschafft, prominente Verstorbene mit neuer Lebendigkeit auszustatten, Gesichter und Geschichten aus Wachs zu gestalten. Vor ihr war das noch niemandem in dieser Perfektion gelungen.

Solch eine Zukunft hätte sich die kleine Marie Grosholtz auch in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Als das in Straßburg 1761 zur Welt gekommene Kind noch in seiner Geburtsstadt lebte, soll es von den anderen Spielkameraden oft gehänselt worden sein. Und wenn es mit der Großmutter auf der Straße ging, wechselten manche Passanten mißbilligenden Blicks die Seite...

Eine Wohnung in Versailles

Der Grund: Maries Großvater Grosholtz übte den Beruf des örtlichen Henkers und Scharfrichters aus, zwar betrachtete er sich als ehrenwerten Mann mit einem ausgeprägten Berufsethos, die Umwelt aber brachte ihm Furcht und Missbehagen entgegen.

Marie lernte also früh, vorsichtig zu sein und strebsam, um die Gunst ihrer Mitmenschen zu erlangen. Ihr Vater soll ein elsässischer Offizier gewesen sein, er starb schon vor ihrer Geburt. Gern dürfte da Maries Mutter das Angebot eines Verwandten, des Herrn Dr. Philippe Curtius, angenommen haben, mit ihm nach Paris zu ziehen und ihm den Haushalt zu führen. Curtius genoss damals als Wachsbildner einen großen Ruf und hatte eine Fülle von Aufträgen.

In Paris kam Marie also unter die Fittiche ihres Onkels Curtius, beobachtete ihn bei seiner Arbeit und zeigte sich sehr bald als talentierte Schülerin. Sie half ihm vor allem bei der Herstellung der beliebten Wachsbildnisse von Angehörigen des Adels und der königlichen Familie. 1777 schon modellierte die gelehrige Marie den Autor und Philosophen Voltaire, und 1780 wurde ihr die Ehre zuteil, als Kunstlehrerin von Elisabeth, der Schwester König Ludwigs XVI., eingestellt zu werden. Weil sie so gut und beliebt war, heißt es, habe sie am Hof in Versailles sogar eine Wohnung bekommen.

Auf der nächsten Seite gerät die Monarchistin Madame Tussaud in das Chaos der Revolution - und heiratet.

Wachs in ihrer Hand

Da wusste Marie schon, wie man Perücken knüpft, den Wachsfiguren Glasaugen einsetzt und aus falschen Diamanten Glitzerschmuck anfertigt. Nicht nur hatte die junge Frau eine besondere Begabung für die Wachsbildnerei, das Wachsmodellieren war auch eine sehr populäre und gern betriebene Mode, getragen von einer langen Tradition, die Tod und Sterben als Teil des Lebens betrachtete.

Tote Figuren in der U-Bahn

Für die Wissenschaft wurde das Wachsbild unentbehrlich: So gründete der aufgeklärte österreichische KaiserJoseph II. 1785 das Institut der "History of Medicine" an der Wiener Universität für die Ausbildung seiner Armeechirurgen, die eine besonders bekannte Sammlung von Wachsmodellen enthielt. Sie ist heute noch zu besichtigen. Auch erotische Wachsfiguren waren sehr begehrt, entfalteten zunehmend ihre Reize des Verbotenen. Heute werden Reize anders erzeugt, die Bedeutung der Wachsbildnerei ist zurückgegangen.

Skurriles Detail aus der Wachs-Historie: Im Zweiten Weltkrieg wurden die Wachsfiguren von Verstorbenen, die in der Westminster Abbey das Andenken an berühmte Zeitgenossen verkörperten, in die U-Bahn-Haltestelle Picadilly Circus verlagert - auf dieses tote Figurenarsenal trafen die verschreckten Scharen der Lebenden, die wegen der Luftangriffe in der Station untertauchen mussten.

Die Geschichte von Tussaud's geht zunächst in Paris weiter: Der Lerneifer Maries und ihr sicherer Geschäftsinstinkt zahlten sich aus. Das Renommee der dortigen Ausstellungen wuchs, trotz manch finanzieller Durststrecken.

Vive la revolution! - mit den Turbulenzen dieses Umbruchs musste auch Marie Grosholtz fertig werden: Für die Demoiselle mit den strahlenden Augen und dem kastanienbraunen Haar, das sie, um größer zu wirken, zu einer hohen Frisur auftürmte, waren die Entwicklungen durchaus nicht ungefährlich, sie hatte schließlich die Figuren oder die Büsten der königlichen Familie geformt und war bei Hofe als Kunsterzieherin wohlgelitten.

Kriselnde Ehe

Als die Revolution ausbrach, verließ Maries alter Lehrmeister Curtius Paris, der Boden wurde ihm, dem Freund des Adels, zu heiß. Marie aber blieb, in der Annahme, dass nun das Publikum, die Herrscher, die zu Feinden des Volkes geworden waren, erst recht sehen wollte: traurige Karikaturen ehemaliger Glorie. Als Königsanhängerin, heißt es, hätten die Revolutionäre Marie Grosholtz zunächst in den Kerker gesteckt, und sie habe froh sein müssen, der Guillotine zu entgehen.

Es rettete sie der Überlieferung nach die Erinnerung an ihren Vorfahren, den rechtschaffenen Henker, und die Tatsache, dass die Bürgerin Grosholtz nicht nur die Monarchen, sondern nun auch die Revolutionäre und die tapferen Kriegshelden durch ihre Wachsarbeiten ehrte. Um die abgeschlagenen Häupter der Prominenz modellieren zu können, soll sie des Nachts sogar auf die Pariser Friedhöfe gegangen sein, wo sie Gipsabgüsse anfertigte ...

Doch die Geschäfte in diesen Krisenzeiten gingen schlechter.1794 kam Curtius nach Paris zurück. Bald darauf starb er. Marie erbte sein Wachsfiguren-Kabinett. Zwei Jahre später heiratete sie eine Zufallsbekanntschaft, den sechs Jahre jüngeren François Tussaud. Sie bekam zwei Söhne Joseph und François. In der Ehe kriselte es, sie litt unter der Trunksucht des Gatten.

Napoleon - ein Hit

Was also tun angesichts der privaten Misere und des abnehmenden Interesses an den Ausstellungen? Wenn die Touristen nicht nach Frankreich kamen - dann musste man eben zu ihnen reisen. Um 1802 packte Marie ihre Koffer und die 34 attraktivsten Porträts ihrer Sammlung und ging, begleitet von einem befreundeten Schauspieler, auf Tour nach England. Die Ausstellung in Paris überließ sie der Organisation ihres Mannes. Ihren vierjährigen Sohn nahm sie mit.

Im Lyceum am Londoner Strand wurde ein Theater gemietet,ein Veranstaltungsort für Austellungen aller Art. Besucher kamen in Scharen, denn hier konnten sie ihre Lieblingsbilder aus nächster Nähe betrachten. 1803 war das Wachsporträt Napoleons ein Hit, auch bestand beim verehrten Publikum nach wie vor großes Interessse an den Drahtziehern der Französischen Revolution, etwa Marat und Robespierre, deren Masken Marie angeblich selbst abgenommen hatte. Auch die "bedauernswerte" königliche Familie, wie es in einem der Ausstellungskataloge hieß, war zu besichtigen.

Mehr als 30 Jahre lang fuhren diese und andere Bildnisse mit der Schöpferin und Organisatorin durch ganz Großbritannien, in Schottland, England und Irland war sie mit ihren Schätzen auf Achse: Nach Paris kehrte sie nicht mehr zurück. Wenn man das Selbstporträt der zarten, fast zerbrechlichen alten Dame sieht, das Marie Tussaud in ihren späten Jahren gefertigt hat, würde man nicht unbedingt erkennen, welches Energiebündel, welche Weitsicht in dieser fragilen Erscheinung steckte.

Auf der nächsten Seite wird es ziemlich fies und gruselig.

Wachs in ihrer Hand

Auch ihr zweiter Sohn folgte ihr in den 1820er Jahren nach England und arbeitete an den Tussaud-Austellungen mit. Deren Charakter wurde im Lauf der Zeit immer britischer, wenn man so will, demokratischer: Die wachswürdigen Personen rekrutierten sich nicht nur aus der Aristokratie, sondern kamen aus allen Schichten, Verbrecher eingeschlossen. Die Prominenten aus höheren und weniger edlen Ständen wurden von den Tussaud-Brüdern in aufwendige Panoramen und Dekorationen platziert, die die sozialen Umfelder zeigen sollten.

Wachs in Flammen

Anfang der 1830er Jahre war die Familie Tussaud in London etabliert: Sie bezog das obere Stockwerk des Baker Street Bazaar. Neben dem repräsentativen Gelände für die honorigen Herrschaften wurde dort von der geschäftstüchtigen Madame, mittlerweile war sie 74, das Chamber of Horrors etabliert, ein Gruselkabinett, bestückt mit abgeschlagenen Köpfen, frisch von der Guillotine, und gipsernen Totenmasken von Mördern. Fies lauerte dort der Vergewaltiger, verzerrten sich schurkische Mienen, flehten unschuldige Opfer. Die Besucher kamen, sahen und schauderten voller Genuss.

1838 schrieb Marie Tussaud ihre Memoiren, 1842 fertigte sie als letzte Arbeit ihr eigenes Konterfei. Übergab dann das Tussaud-Panoptikum ihren Söhnen. Der Enkel Joseph Randall verlegte es an den jetzigen Standort, die Marylebone Road. 1850, am 16.April, starb Marie Tussaud. Berühmt war sie geworden. Hatte einen Verkauf des Kabinetts in die USA abgelehnt. Sie wurde vom Schriftsteller Charles Dickens in sein Werk aufgenommen, von einem Hofmaler wurde sie porträtiert, vom berühmten Karikaturisten George Cruikshank gezeichnet: Hommage an die kunstreiche Expertin der Wachsbildnerei.

Von Katastrophen blieb Madame Tussaud's nicht verschont. 1925 ging fast das gesamte Inventar nach einem Kurzschluss in Flammen auf, dann bombten Hitlers Luftangriffe 1940 wieder einen großen Teil der Ausstellung und der Gussformen nieder. Gröfaz Hitlers Maske blieb ironischerweise erhalten. Madame hätte das wahrscheinlich begrüßt: aus Kostengründen. Denn: Denn eines der insgesamt etwa 300 Exponate zu modellieren erfordert viel Zeit und Aufwand, von der Vermessung und Fotografie bis zum lezten Pinselstrich.

VIPs im Schmelzofen

Ein Haarspezialist sorgt für die möglichst natürliche Farbe, Struktur und Dichte der Frisur, für die Zähne wird ein Gipsabdruck des Originalmodells gefertigt, in den ein Kunststoffgebiss gegossen wird. Jeder Zahn wird einzeln bemalt. Ein Kunststoffauge wird angefertigt. Sorgfältig wird der neue Wachsmensch eingekleidet, entweder in ein Duplikat eines Anzugs oder in eine Robe, die die Mitarbeiter von Tussaud's vom Couturier des Toten bekommen haben. Regelmäßig gehen die Kleidungsstücke in die Reinigung, denn die Besucher legen gerne Hand an die Wachspersonen. Aussortierte VIPs wandern in den Schmelzofen.

Die Besucher erleben Madame Tussaud's in unterschiedlichem Ambiente: Die "Garden Party" präsentiert Weltstars, die "Grand Hall" ist der politischen Prominenz und dem Königshaus gewidmet, "200 Jahre" zeigt die Entwicklung der Ausstellung von den Anfängen bis heute, und Stars aus den Medien: Das "Chamber of Horrors" lädt zum Grusel ein, der "Spirit of London" entfaltet ein Panorama der Geschichte Londons.

Die Promis werden laufend durch neue Menschen der Zeitgeschichte ergänzt.Kylie Minouge ist da, Kate Moss, Robbie Williams, Bobby Charlton. Alles muss bis ins Detail stimmen. Bei den Beatles ebenso wie bei den Royals. So wollte es schon Madame. So hat es sich bewährt.

P.S. Teuer ist London aber auch. Das gilt besonders für das Vergnügen im Wachsfigurenkabinett. Ein Besuch dort kostet mindestens 25 Euro (Grundpreis).

Ein Standardwerk über Madame Tussaud und die Geschichte der Wachsbildnerei stammt von der englischen Autorin Pamela Pilbeam, neu erschienen bei Marion von Schröder ist "Die Wachsmalerin" von Sabine Weiß.

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Quelle:
SZ vom 17./18.11.2007/ihe
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