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Die Gelben Westen:Leidende Körper

Mit dem Autor Édouard Louis äußert sich erstmals ein Intellektueller zu den Protesten in Frankreich: Lei­den­de Kör­per würden dabei sichtbar - ein verstörender Anblick.

Von Joseph Hanimann

Verlegener noch als die Politiker zeigen sich die französischen Intellektuellen, Schriftsteller und Kunstschaffenden gegenüber der schwer durchschaubaren Bewegung der "Gelben Westen". In einer scharfen Stellungnahme hat der Schriftsteller Édouard Louis nun aber doch Partei ergriffen für sie. In seinen Büchern "Das Ende von Eddy" und "Im Herzen der Gewalt" hatte der 1992 geborene Sprössling aus dem verelendenden nordfranzösischen Arbeitermilieu die Phänomene von sozialer Ausgrenzung, Verbitterung, Ausländer- und Schwulenhass von innen darzustellen versucht. Durch die überhebliche Art, wie die "Gelben Westen" nun von den Politikern, Experten und Medien dargestellt würden, fühle er sich persönlich getroffen, schrieb er über Twitter und dann etwas ausführlicher in einem Text für die Wochenzeitschrift Les Inrockuptibles.

Was da in der Öffentlichkeit plötzlich sichtbar werde, sei ein für die Gesellschaft ungewohnter, verstörender Anblick: leidende Körper, abgearbeitete Hände, zermarterte Rücken, erschöpfte Blicke - stellt Louis fest. Das erinnere ihn an seinen Vater, seinen Bruder und an die Leute seines einstigen Dorfs. Wo sie aber von Hunger, Elend, Überleben und Todesahnungen sprächen, antworte man ihnen nach den Gewaltausbrüchen mit den "Symbolen der Republik". Mit einer an Victor Hugo erinnernden Emphase und zugleich einer von Pierre Bourdieu geliehenen Begrifflichkeit versucht Louis die Realität dieser Bewegung zu fassen. Man wolle aus der Klasse der Benachteiligten eine bloße Knetmasse machen, meint er, und sehe mal freundliche Arme, mal Rassisten, Frustrierte oder Bekloppte. Die wahre Botschaft dieser Einschätzungen sei einfach: "Schweigt, ihr Armen!"

Dagegen sieht Édouard Louis in der Bewegung der "Gelben Westen" etwas völlig Richtiges - nur ihre Sprache sei noch unausgegoren. Eine Meinung wie "Es geht mir schlecht wegen den Ausländern" könne sich zur Einsicht "Es geht mir schlecht wegen der herrschenden Gesellschaftsordnung und der ihr willfährigen Regierung" entwickeln. Die ganze Bewegung kommt Louis wie eine Art Rorschach-Test für die Bourgeoisie vor, ein wirres Formengemisch, das diese nötige, ihre "Klassenverachtung" zum Ausdruck zu bringen. Ob die quer durchs Land an den Kreisverkehren platzierten Posten des Protests sich in diesem Spiegel des stilisierten Elends wiedererkennen, ist nicht bekannt. Von ihnen kam bisher kein Kommentar. Den wenigsten dürfte der Name Édouard Louis geläufig sein.

© SZ vom 06.12.2018
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