Dialekt Geij Bou, dassd fei schee schmaadzd!

Der Philologenverband im Freistaat hat den Streit um den bayerischen Dialekt neu entfacht: Bremst er die Sprachkompetenz?

Von Hans Kratzer

Kurt Wüthrich hat vor drei Jahren den Nobelpreis für Chemie erhalten, was ihn aber nicht im Geringsten davon abhält, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse wie eh und je in einem rassigen Schwyzerdütsch vorzutragen.

Geistig dürftiges Naturvolk? Trachtler mit Gamsbart-Hüten

(Foto: Foto: AP)

Nehmen wir einmal an, ein anderer Nobelpreisträger würde vor der Akademie der Wissenschaften in München eine Rede in einem kräftigen bayerischen Dialekt halten - er würde wohl nur Kopfschütteln und Unverständnis ernten. Der Dialekt ist, zumindest außerhalb der Schweiz, zum Synonym für Rückständigkeit und Primitivität geworden, auch für Derbheit und Bildungsmangel.

Kein Wunder also, dass der Vorsitzende des bayerischen Philologenverbands, Max Schmidt, durchaus Zustimmung erfuhr, als er jüngst mit der These zitiert wurde, ein starker Dialekt schränke die Sprachkompetenz und die Bildungschancen von Kindern ein.

Dialektale Schwindsucht

Obwohl Schmidt seine Aussage mittlerweile in dem Sinne relativierte, dass die ausschließliche Beherrschung des Dialekts für den Bildungserfolg nicht ausreichend sei, stieg im Lager der Dialektschützer wieder einmal der Rauch des Zornes auf.

Mögen die Mundarten auch dem Niedergang geweiht sein, so vollzieht sich dieser Prozess zumindest nicht still und leise, sondern unter der unüberhörbaren Anteilnahme vieler Menschen, die sich mit dem Bruch von Traditionen sowie dem Verlust von Heimat, Sprache und Identität nicht abfinden wollen.

Dennoch grassiert vor allem in den Städten eine geradezu galoppierende dialektale Schwindsucht. Moderne Jugendkultur und Dialekt sind zu unvereinbaren Gegenpolen geworden, weshalb in München nur noch zwei Prozent der Jugendlichen Mundartkenntnisse besitzen. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die Stadt des Bieres, des Oktoberfestes und der Trachtenumzüge völlig dialektfrei sein wird.

Vielfältige Ursachen

Ein Begriff wird freilich allein schon aus Vermarktungsgründen überleben: "Ozapft is". Reinhard Wittmann, Literaturchef beim Bayerischen Rundfunk, bringt die Misere sarkastisch auf den Punkt: "Von einem Dialektsterben kann im Großraum München nicht mehr gesprochen werden, denn die Leiche ist bereits am Verwesen."

Die Ursachen dieses Prozesses, der vor gut einem Vierteljahrhundert eingesetzt hat, sind vielfältiger Natur: massenhafter Zuzug, Einfluss der Medien, Veränderung sozialer Strukturen und Bindungen. Nicht zuletzt hat der Schwund des Dialekts mit dem mangelnden Selbstbewusstsein der Bayern zu tun, das zwar in der Politik und im Fußball weniger zum Tragen kommt, in der Alltagskultur aber durchaus.

"Geij Bou, dassd fei schee schmaadzd" (gell Bub, dass du mir ja schön redest): Diese Mahnung gab die Mutter des Schriftstellers Josef Fendl ihrem Buben jedesmal mit auf den Weg, wenn er vor 60 Jahren in die Stadt und in die Schule fuhr. Dahinter stand die Überzeugung: Gerade der bayerische Mensch sollte nach der Schrift reden, denn der Dialekt taugt nicht für schulischen und beruflichen Erfolg.

Diese Überzeugung hat sich seither massiv aufgebläht: Viele Dialekt sprechende Eltern achten heute penibel darauf, dass ihre Kinder nach der Schrift reden, in den Kindergärten gilt Norddeutsch als das Maß aller Dinge.

Erst kürzlich wurde in München eine Kinderpflegerin nicht weiterbeschäftigt, weil ihr Bairisch den Kindern nicht zuzumuten sei. Dazu die täglichen Meldungen aus den Schulen: Grundschullehrer, die Dialekt sprechende Erstklässler in die Sonderschule schicken, Gymnasiallehrer, die Schüler vor versammelter Klasse wegen ihrer Sprache verspotten.

Zum Seppltum verdammt

Dieser Minderwertigkeitskomplex ist den Bayern über Jahrhunderte hinweg förmlich eingetrichtert worden. Reiseschriftsteller pflegten bereits in der Zeit der Aufklärung das Klischee vom geistig dürftigen Naturvolk, und auch die Bemühungen des Königshauses sowie später der Wirtschaft, Legionen von Nordlichtern ins Land zu holen, ließen die sprachliche Dominanz der Einheimischen verkümmern.

Als kontraproduktiv erwiesen sich auch die bayerische Kitsch-Literatur und die dümmlichen Heimatfilme, die das Land auch sprachlich für immer und ewig zum Seppltum verdammten.

Dabei ist das als minderwertig verachtete altbairische Idiom eine der ältesten Sprachen überhaupt. Seine Wurzeln reichen bis weit in die Antike zurück, selbst in der süddeutschen Hochsprache finden sich noch zahlreiche Begriffe aus dem Altgriechischen und Lateinischen.

Im Duden dominiert allerdings das wesentlich jüngere Norddeutsch, das heute die Regeln für gutes Deutsch vorgibt. Aber auch in den Medien werden die süddeutschen Sprach-Varietäten konsequent zurückgedrängt.

Anthony Rowley von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hält es indes mit Blick auf neue Erkenntnisse der Hirnforschung für gesichert, dass Mehrsprachigkeit auf der Basis von Dialekt und Hochsprache der Intelligenz zugute komme.

Der Dialektologe Ludwig Zehetner wehrt sich darum vehement gegen die Behauptung, starker Dialekt reduziere die Sprachkompetenz. Es gehe nicht darum, ob Kinder Dialekt sprechen oder nicht, sagt er. Die Intelligenz sei das Kriterium für schulischen Erfolg, aber ein intelligenter junger Mensch, der mit der "inneren Mehrsprachigkeit" von Dialekt und Hochsprache aufwachse, sei auf jeden Fall im Vorteil.