Dezentrale Buchführung Blockchain gehört unsere Zukunft

(Foto: Plainpicture)

Das Verfahren widerstrebt unserem Bedürfnis nach zentralen Registern und Instanzen. Doch die durch Bitcoin bekannt gewordene Technologie legt das Netz wieder in unsere Hände.

Von Ingo Rübe

Als im 34. Jahrhundert vor unserer Zeit die ersten Keilschrifttafeln mit zentralen Registern über Landverkäufe, Staatseinnahmen und Kredite gefüllt wurden, entstand der Prozess der zentralen Buchhaltung, der unsere Kultur bis heute so sehr prägt, dass wir ihn für unabänderlich halten: Bei wichtigen Geschäften vertrauen wir einer zentralen Instanz, einem zentralen Buch. Wenn ein Bauer einem anderen ein Feld abkauft, wird diese Transaktion heute genau wie im alten Ägypten in einem Register festgehalten. Dieses Grundbuch bezieht seine unanfechtbare Stellung daraus, dass es von (hoffentlich) unbestechlichen Beamten geführt wird. Diese wiederum repräsentieren die Macht des Staats, die im besten Fall sogar demokratisch legitimiert ist. Das Prinzip der staatlichen zentralen Vertrauensinstanz ist enorm praktisch. Es hat uns Personalausweise und Pässe beschert, mit denen wir reisen und nachweisen können, wer wir sind und zu welchem Volk wir gehören. Denn Einreisebeamte vertrauen nicht uns, sondern der Behörde, die den Pass ausgestellt hat.

Mit Aufkommen des Bankwesens stellte sich das Führen solcher zentralen Register als Geschäftsmodell heraus: Nicht der Staat, sondern ein gewinnorientiertes Unternehmen führt unser Konto. Es ermöglicht, Geschäfte mit Personen oder Firmen zu tätigen, die uns überhaupt nicht kennen und am anderen Ende der Welt wohnen. Die Bank bucht einen Betrag von meinem Konto ab und bucht ihn dem Konto meines Geschäftspartners hinzu; das Geschäft ist abgewickelt. Das funktioniert, weil der Empfänger des Geldes darauf vertraut, dass ihm die Bank den Zuwachs auf seinem Konto auf Verlangen in bar auszahlen würde. Solange dies nicht zu viele Kontoinhaber gleichzeitig wünschen, funktioniert das Banksystem.

Mit der Digitalisierung sind in den vergangenen 20 Jahren neue, einträgliche Geschäftsmodelle im Bereich der zentralen vertrauenswürdigen Instanzen entstanden, die in kürzester Zeit die wertvollsten Unternehmen aller Zeiten hervorgebracht haben: Google und Facebook. Unser über Jahrtausende geübtes Vertrauen in zentrale Instanzen lässt uns selbstverständlich annehmen, dass die Suchanfrage "Fahrrad kaufen" bei Google die relevantesten Ergebnisse liefert. Auch wenn wir eigentlich wissen, dass Google eine Aktiengesellschaft ist und uns die Suchergebnisse präsentiert, mit denen es am meisten verdienen wird. Auch wissen wir, dass Facebook in seinem Newsfeed subjektive und teilweise gesponserte Meinungen ausliefert. Dennoch kann Facebook den Ausgang von Wahlen und damit unser aller Leben beeinflussen. Facebook ist zur zentralen Quelle für Informationen geworden. So zeigt sich, dass zentrale Instanzen in einer digitalen Welt zum Problem werden, wenn sie nicht dem Allgemeinwohl verpflichtet sind, sondern dem Profit dienen.

Es ist nicht zu erwarten, dass Google und Facebook oder auch Amazon, Uber, Airbnb verstaatlicht werden, ober beschließen, fortan lediglich dem Wohle der Menschheit zu dienen. Es muss also eine Lösung gefunden werden, in der die neuen Bedürfnisse der Menschheit - Suche, digitale Identität, Handel im Internet, Austausch von Informationen - ohne zentrale Instanz und dennoch neutral und wahrheitsgemäß befriedigt werden.

Obwohl solch eine Lösung in Form der Blockchain-Technologie existiert, fällt es uns schwer, uns darauf einzulassen, da wir kulturbedingt immer noch nach der zentralen Instanz suchen. Die existiert jedoch in der Blockchain nicht. Eine Blockchain ist, genau wie das Grundbuch oder die alte Keilschrifttafel ein Register, in dem sämtliche Transaktionen chronologisch aufgeschrieben werden. Damit ist die Blockchain genau wie die Bank oder das Grundbuchamt eine Quelle der Wahrheit. Lediglich die Art der Buchhaltung ändert sich. Nicht eine zentrale staatliche oder privatwirtschaftliche Instanz generiert das Vertrauen, sondern der Konsens zwischen möglichst vielen Buchhaltern.

In der Blockchain hält jeder Buchhalter eine exakte Kopie des kompletten Buchs. Eine neue Transaktion kann nur stattfinden, wenn die Buchhalter sich darauf einigen, sie dem Buch hinzuzufügen. Natürlich müssen die Buchhalter prüfen, ob die Transaktion rechtens ist. Dazu müssen sie nachvollziehen, ob z. B. der Verkäufer eines Landes überhaupt als Besitzer eingetragen ist. Wenn Konsens darüber erzielt ist, sind alle Buchhalter verpflichtet, die neue Transaktion ihrer Kopie des Buchs hinzuzufügen, damit wieder alle ein identisches Buch haben. Dieses dezentrale Buch wird Blockchain genannt.

Das ist die echte Alternative zum Bankensystem

Subjektiv klingt das Verfahren anarchisch und nicht vertrauenswürdig. Objektiv reichen aber bei einem normalen Bankkonto schon ein Hacker, ein verrückt gewordener Bankangestellter oder ein Systemausfall aus, um ein Konto zu plündern. Bei Blockchain kann der Hacker vielleicht einen Buchhalter angreifen, aber nicht Tausende gleichzeitig. Das System ist sicherer. Es widerspricht lediglich unserem Bedürfnis nach zentralen Instanzen.

Die Blockchain-Technologie hat durch Bitcoin Beachtung erfahren. In dieser Blockchain werden alle Transaktionen seit 2008 kontinuierlich von Tausenden Buchhaltern geprüft und aufgezeichnet. Um jemandem am anderen Ende der Welt ein Bitcoin zu überweisen, brauche ich lediglich seine Kontonummer (und natürlich ein Bitcoin auf meinem Konto). Dies geht ohne Bank, und der Empfänger kann darauf vertrauen, dass er ein echtes Bitcoin erhalten hat, weil Tausende Buchhalter jederzeit bestätigen werden, dass er rechtmäßiger Besitzer des Bitcoin ist.

Bitcoin und andere Blockchain-Währungen haben das internationale Bankensystem nicht ins Wanken gebracht. Die aufgeregten Kommentare der Bankmanager zeigen aber, dass hier echte Alternativen zum etablierten System entstehen.

Genauso wird es sich bald mit vielen zentralen Diensten im Internet verhalten: Das alternative Taxinetzwerk wird den Fahrer direkt mit dem Fahrgast verbinden, das alternative Hotelnetzwerk Mieter und Vermieter. Dies wird möglich, weil die Daten nicht mehr zentral bei einem Unternehmen, sondern für jedermann zugänglich und transparent in dezentralen Blockchains hinterlegt werden. Jeder Taxidienst der Welt kann dann auf diese Daten zugreifen und seinen Service anbieten. Keiner der Dienste aber hat mehr exklusiven Zugriff auf den Datenschatz.

Es lohnt sich, die Aktivitäten zu beobachten, denn sie werden das Internet wieder in die Hände der Benutzer legen und jeden Einzelnen wieder zum Herrn seiner Daten machen. Vorausgesetzt, wir lernen, ohne zentrale Instanz zu vertrauen.

Ingo Rübe leitet die BOTlabs GmbH, ein Unternehmen, das sich ausschließlich mit Blockchain-Technologie beschäftigt.