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Deutschland und Frankreich:Erbfeindschaft  - ein Klischee

Spottpostkarte über den Verlust von Elsass-Lothringen 1871: Flirt mit Soldaten jenseits der Grenze.

(Foto: Scherl/SZ-Photo)

Überraschende Perspektiven: Die deutsch-französische Nationalgeschichte von 1870 bis 1918, vorgelegt von den Historikerinnen Élise Julien und Mareike König, ist ein großes, beeindruckendes Werk.

Die besten Militärs der Welt waren Franzosen. Das galt für die Zeitgenossen um 1870 als ausgemacht. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 war auch deswegen ein Schock. Und während die Deutschen nun fast ungläubig und siegesbesoffen ihre Kriegstauglichkeit feierten, spornte die Niederlage die junge französische Republik erst recht zu immer neuen Maßnahmen an, vom flächendeckenden militärischen Drill der Kinder in Schulbataillonen bis hin zur allgemeinen Wehrpflicht. Offiziere galten dies- und jenseits des Rheins als Volkshelden.

Die deutsch-französische Verflechtungsgeschichte von 1870 bis 1918, vorgelegt von der französischen Historikerin Élise Julien und der deutschen Historikerin Mareike König, eröffnet zahlreiche überraschende Perspektiven. Es ist ein großes Werk, ein beeindruckender Überblick. Der erste Teil bietet eine chronologische Darstellung, der zweite befasst sich mit den Schwerpunktthemen Elsass-Lothringen, Antisemitismus, Kolonialismus und Krieg.

Stets verweisen die Autorinnen auf den aktuellen Forschungsstand, wobei sie immer wieder über französische und deutsche historiografische Eigentümlichkeiten informieren. Nüchtern geschrieben gewährt dieses Grundlagenwerk, das den siebten Band einer Gesamtdarstellung der deutsch-französischen Geschichte bildet, einen beeindruckenden Reichtum an Wissen und an Analysen.

Es gibt wohl wenige Epochen, über die - gegen alle historiografischen Erkenntnisse - so viele Klischees vorherrschen wie über die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg. Indem sie die reiche Forschung darlegen, unternehmen die beiden Historikerinnen einmal mehr den Versuch, diese nach wie vor den öffentlichen Diskurs dominierenden Fehlurteile zu entkräften. So schreiben sie gegen die angeblich vorherrschende unüberwindbare "Erbfeindschaft" zwischen den Nachbarstaaten an, die doch bei genauerem Hinsehen auf vielen Ebenen durch einen engen Austausch aufgebrochen wurde. Sie demontieren nationale Klischees wie die reformunfähige, obrigkeitshörige deutsche Gesellschaft oder die vermeintlich alles beherrschende Dichotomie durch die demokratische Gesellschaftsordnung in der Dritten Französischen Republik einerseits und die monarchische Verfasstheit im Kaiserreich andererseits.

Dabei bietet das Buch drei grundsätzliche Einsichten. Zunächst zeigt es einmal mehr, dass das Kaiserreich nicht als Vorgeschichte des Nationalsozialismus taugt. Eine Historiografie, die überall schon den Faschismus dräuen sieht, wird weder der Vielfalt der Gesellschaft in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg gerecht noch der Komplexität der NS-Geschichte. Die Autorinnen zeigen etwa, wie schwierig es ist, ein Phänomen wie den Antisemitismus zu vergleichen. Bei der genauen Durchsicht der Forschung kommen sie zu dem Ergebnis, dass sich der Antisemitismus in beide Gesellschaften tief hineingefressen hatte.

Zweitens zeigt der Text die Unzulänglichkeit und auch die Eitelkeiten rein national orientierter Historiografie. Ein beachtlich großer Teil der Entwicklungen hatte weit weniger mit dem nationalen Befinden zu tun, als man - gefangen in nationalen Denkmustern - gemeinhin vermutet. Die Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der Anarchisten war kein deutsches Phänomen. In beiden Ländern stand alles auf Reform: ob im Wohnungsbereich, in der Verwaltung oder im Schulwesen. Sport erwachte überall zum Massenvergnügen, und moderne Kunst entfaltete sich nicht innerhalb nationaler Grenzen. Koloniale Begeisterung fand sich hier und da, und zugleich war die Kritik daran dies- und jenseits der Grenze heftig.

Nation bleibt eine entscheidende Kategorie, ihre Dekonstruktion eine wichtige Aufgabe

Doch verweisen die Autorinnen Mareike König und Élise Julien auch auf Differenzen, die ihre eigene Bedeutung entfalten können, wenn sie nicht in die gängigen Nationalklischees gebettet sind. Zwar entstand in beiden Ländern eine pazifistische Bewegung, doch war diese in Frankreich verbreiteter, wobei es wesentlich mehr Studien zum deutschen Pazifismus und Militarismus gibt als zum französischen Pendant. In Deutschland war wiederum die Frauenbewegung stärker - die lange Zeit von der nationalfixierten Geschichtsschreibung schlecht- und kleingeredet worden war, weil sie nicht in das Bild des antidemokratischen Kaiserreichs passte.

Und doch offenbart die transnationale Geschichte zugleich, wie wichtig Nation als analytische Bezugsgröße ist - trotz aller parallelen Entwicklungen. Das ist die dritte große Einsicht. Nation bleibt für die Historikerin und den Historiker eine entscheidende Kategorie und ihre Dekonstruktion eine wichtige Aufgabe: einerseits in der Geschichtsschreibung, weil sich Menschen in Nationen organisiert und ihre Identitäten stark an nationalen Vorstellungen ausgerichtet haben, andererseits aber auch im aktuellen Zeitgeschehen. Die vergleichende nationale Geschichte kann offenlegen, woher die Denkmuster kommen - dass sie konstruiert und prinzipiell überwindbar sind. So sind viele Französinnen und Franzosen, Gelbwesten und streikende Bauern von der fixen Idee beherrscht, zur Revolution geboren zu sein und ihren Regierungen mit Verachtung begegnen zu müssen; die Erinnerung an starke monarchistische Tendenzen selbst noch während der Dritten Republik und an die brutale Verfolgung von Anarchisten zeigt demgegenüber, dass es sich beim revolutionären Geist um keinen unauslöschlichen französischen Charakter, sondern um ein recht wankelmütiges Phänomen handelt. In Deutschland wiederum beklagen momentan während der Corona-Pandemie viele der Einschränkungsgegner den deutschen Untertanengeist, der gar nicht anders könne, als zu gehorchen und sich nach Merkels Willen die Hände zu waschen. Dabei war die umstürzlerische Sozialdemokratie in keinem Land stärker als im deutschen Kaiserreich. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass sich Frankreich aktuell als wesentlich strenger und disziplinierter erweist.

So zeigt dieses wichtige Buch, dass trotz der aufblühenden Globalgeschichte und der großen Erkenntnisse, die wir ihr verdanken, die vergleichende Untersuchung von nationalen Geschichten entscheidend bleibt, wenn wir unsere Gegenwart analysieren und besser verstehen wollen.

Mareike König, Élise Julien: Verfeindung und Verflechtung. Deutschland und Frankreich 1870 - 1918. WBG, Darmstadt 2019. 439 Seiten, 69,90 Euro.

© SZ vom 25.05.2020

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