Deutscher Filmpreis 2008 Und einer schmollt

Japanische Kirschblüten oder interkulturelle Identitätssuche? Doris Dörrie und Fatih Akin sind die Favoriten beim Deutschen Filmpreis 2008. Der Kino-Erfolg "Keinohrhasen" ist nicht im Wettbewerb dabei.

Von Tobias Kniebe

Zum Wesen einer Filmakademie gehört es, dass man sich über sie aufregen darf. Hierzulande zum Beispiel soll jeder, der im deutschen Film etwas geleistet hat, im Prinzip auch Mitglied der Akademie sein. Etwa 1000 Filmschaffende sind das derzeit. Eine solche Organisation repräsentiert per se die Gesamtheit, den Konsens, auch den Kompromiss. Und Künstler wären nicht Künstler, wenn sie sich dabei nicht gelegentlich ausgegrenzt, missachtet und übergangen fühlten. Insofern ist auch dieses Jahr alles wie immer.

Blöd und sehr deutsch

In Berlin vergeben die Mitglieder der Filmakademie an diesem Freitagabend den Deutschen Filmpreis 2008, und aktuell ist es Til Schweiger, der schmollt, weil seine Komödie "Keinohrhasen" - mit inzwischen sechs Millionen Besuchern der erfolgreichste deutsche Film des Jahres - nicht dabei ist. "Nicht dabei" ist hier ein Euphemismus für die Tatsache, dass Schweiger und seine Mitstreiter es nicht geschafft haben, ihr Werk formal bei der Akademie einzureichen - eine bürokratische Hürde, an der ansonsten bisher noch keiner gescheitert ist. Trotzdem irgendwie blöd und auch sehr deutsch, dass über einen Film, den wirklich alle gesehen haben, jetzt nicht einmal abgestimmt werden konnte. Andererseits: Es ändert natürlich überhaupt nichts.

Höhere cineastische Weihen

Denn die erfolgreichsten deutschen Filme gewinnen beim Filmpreis ohnehin höchstens Trostpreise, das mussten Bernd Eichinger und Tom Tykwer erst letztes Jahr mit ihrem "Parfum" wieder feststellen. Die Demokratie einer Wahl unter den Filmschaffenden hat ihre eigene Dynamik und ihre eigenen ästhetischen Grenzen, aber sie unterscheidet sich doch stark von jener anderen Demokratie an den Kinokassen, bei der die Zuschauer mit ihren Tickets abstimmen. Gott sei Dank, möchte man sagen, denn ein reiner Publikums- und Popularitätswettbewerb, wie Til Schweiger ihn jetzt als Gegenveranstaltung plant, verdoppelt nur die Ergebnisse der Hitparaden und muss schon vom Prinzip her tautologisch und überraschungsfrei ausfallen.

Wie bei den ähnlich strukturierten Oscars in Hollywood - auch sie eine Institution, über die man sich herrlich aufregen kann - bewegt sich ein klassischer Preiskandidat für die Filmpreis-"Lola" eher im Mittelfeld des kommerziellen Erfolgs und erzählt eine Geschichte, die einerseits als durchaus gewagt erscheint, andererseits aber doch den Glauben an das Gute im Menschen bestätigt. Doris Dörries "Kirschblüten - Hanami" erfüllt diese Bedingungen perfekt und kann daher als Favorit für den Besten Film gelten. Über die eigentliche Qualität sagt das zwar noch nichts, aber auch in dieser Hinsicht wären "Kirschblüten" und seine Regisseurin würdige Gewinner.

Somnambule Geistergeschichte

Etwa vergleichbare Chancen hat Fatih Akin mit seiner interkulturellen Identitätssuche "Auf der anderen Seite". Höhere cineastische Weihen hat der Film bereits in Cannes erfahren, und auch seine hoffnungsvolle Botschaft von der Möglichkeit der Verständigung dürfte den Akademiemitgliedern gefallen. Schaden könnte ihm allerdings der Eindruck, dass Akin in seiner jungen Karriere schon fast alles gewonnen hat, was man gewinnen kann - und dass jetzt eher mal Doris Dörrie dran ist.

Ein interessanter Fall ist schließlich Christian Petzold mit "Yella", einer somnambulen Geistergeschichte aus der New Economy. Als Nicht-Mitglied und notorischer Akademiekritiker ist er der führende Kopf jener Berliner Filmemacher, die sich in bewusster Opposition zum deutschen Mainstream-Kino definieren und bei jeder Gelegenheit behaupten, demokratische Massenentscheidungen wie bei der "Lola"-Wahl seien die institutionalisierte Dummheit. Eine solche Massenentscheidung könnte ihm nun trotzdem einen Filmpreis eintragen - in diesem Fall darf man auf seine Dankesrede gespannt sein. Denn auch das gehört zum Wesen einer Filmakademie: Der Gestus ihrer Existenz ist die große Umarmung - und Künstler wären nicht Künstler, wenn sie sich nicht irgendwann auch in diese Arme hineinsinken ließen.