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Deutsche Literatur:Unklares Herzflattern

Simon Strauß: Römische Tage. Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2019. 142 Seiten, 18 Euro.

Stipendium für zwei Monate in der Ewigen Stadt, viele Treffen mit vielen sehr wichtigen Leuten: Der Theaterkritiker und Autor Simon Strauß war in der Casa di Goethe und suchte den Sinn des römischen Aufenthalts.

Von Christoph Bartmann

Simon Strauß hat ein Romstipendium ergattert, zwei Sommermonate in einem Zimmer, das die Casa di Goethe zur Verfügung stellt. Im "Flieger" war die Klimaanlage ausgefallen, aber was heißt das schon, sagt der Autor, wenn man an die Beschwerlichkeit früherer Pilgerreisen denkt? "Romfahrer denken an Romfahrer", vor allem, wenn sie Schriftsteller sind und Großes vorhaben in der Ewigen Stadt. Ganz anders als etwa Rolf Dieter Brinkmann, der seinerzeit in der Villa Massimo vor Sehnsucht nach Grünkohl mit Pinkel fast verging, ist Strauß entschlossen, seine römischen Tage mit Bedeutung aufzuladen. Ziel des Aufenthalts: "In Rom sein und hoffen, dass es jemand merkt. Sich vorstellen, dass der Aufenthalt wichtig wird."

Damit der Aufenthalt wichtig wird, ist es gut, ein paar wichtige Leute zu kennen oder wenigstens zu ihnen vorgelassen zu werden. Mit großer Selbstverständlichkeit (die vielleicht seinem Hauptberuf als Journalist geschuldet ist) trifft Strauß Kardinäle und Generäle, den Direktor der "Bibliotheca Hertziana" und auch einen deutschen Professor, der als "der berühmteste Romhistoriker" vorgestellt wird. So weit, so gut bildungsbürgerlich, könnte man sagen, aber Strauß' Ambitionen reichen weiter. Rom soll der Ort einer Befreiung und Genesung werden, Befreiung aus trüben Gedanken zur deutschen Gegenwart, und Genesung vielleicht von den unklaren Herzbeschwerden, die den noch jungen Mann seit einiger Zeit plagen, und die er auch liest als Symptom einer berufsbedingen Flatterhaftigkeit, die es in Rom abzuschütteln gilt.

Also streunt der von allen sonstigen Pflichten befreite Rombesucher mit offenen Augen durch die Stadt, stets auf der Suche nach dem Abenteuer. Dabei gelingen Strauß manche Alltagsskizzen, die einen in ihrer hintergründigen Leichtigkeit an "Paare, Passanten" denken lassen, das berühmteste Prosabuch seines Vaters. Ein Messerwerfer etwa bietet jedem, der sich bereitfindet, als Zielscheibe zu fungieren, 100 Euro an. Strauß willigt ein: "ich dachte an meine innere Pflicht zur Entscheidung." Als man ihm die Augen verbindet, versagen ihm die Knie.

Die Stadt kann dem Sehnsüchtigen durchaus die kalte Schulter zeigen

Die Romreise also als Mutprobe eines deutschlandmüden Intellektuellen - das ist keineswegs neu, und Simon Strauß weiß es selbst. Warum auch sonst nach Rom fahren, wenn nicht im Sinne eines Begeisterungs-Dopings, bei dem der alte Mensch wenigstens vorübergehend ausgezogen wird? "Die innere Pflicht zur Entscheidung", es sind wohl solche Formulierungen, die auch Strauß' zweitem Buch den Verdacht eintragen werden, der Autor stehe "rechts". Ein "Dezisionist" vielleicht, ein Sympathisant der "konservativen Revolution"?

Als wolle er solche Vorwürfe vorab entkräften, begibt sich Strauß einmal auch in ein römisches Flüchtlingslager. Interessanter als solche und andere Beobachtungen am empirischen Rom ist aber, wenn man so sagen darf, das innere Ringen des Autors um Bedeutung. Der Aufenthalt soll ja "wichtig" werden, aber wie kriegt man das hin? Die Welt soll romantisiert werden, aber Rom kann dem Sehnsüchtigen durchaus die kalte Schulter zeigen. Die Romanze mit der "Frau mit dem Leberfleck" kommt nicht recht voran, das Herz macht weiter Probleme, die Stadt schwitzt bei 45 Grad, die Römer sind weg und nur die Touristen da, woran könnte das innere Erleben Nahrung finden, wenn nicht an der alten römischen "Bausubstanz" (Robert Gernhardt)?

Es sind vor allem diese Schwierigkeiten beim Abschütteln der Gegenwart und bei der Konstruktion einer alt-neuen Rom-Romantik, die Strauß' Buch lesenswert machen. Nicht alles, was ihm als kulturkritischer Befund auffällt, möchte man teilen, etwa Sätze wie diesen: "War Deutschland am besten nicht immer das: Eine Pflanzschule für Bewusstsein und Fühlvertrauen, Kant und Novalis." In diesen "Römischen Tagen" findet sich deutlich mehr Novalis als Kant. Noch lieber als ein neuer Novalis wäre Simon Strauss allerdings wohl der nächste Friedrich Schlegel. Erst die romantische Ironie erfinden, dann mit anderen jungen Leuten eine Zeitschrift machen, die "Europa" heißt und natürlich schnell eingeht, später vielleicht katholisch werden, weil es die "Angst vor dem Transzendenzverrat" gebietet: so kann man als Intellektueller "wichtig" werden.

Dass Simon Strauß gut zweihundert Jahre später an solche Ideen anknüpft, mag man für vermessen oder vielleicht sogar für "rechts" halten. Dennoch oder gerade deshalb hat Strauss immerhin sein Projektziel erreicht. Er war in Rom, und wir haben es gemerkt.

© SZ vom 22.06.2019

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