Deutsche Literatur :Selbstjustiz in niedlicher Sprache

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Für einen Moment sind die alten Radio Days wieder da. (Foto: Alexandre Debieve/Unsplash)

Karin Kalisas allzu süffiger Roman "Radio Activity".

Von Insa Wilke

Wenn Käpt'n Theo Tut im Hafen der Nordsee-Insel Juist die Motoren der Frisia IX anwarf, um die Gäste wieder "nach Deutschland" zu bringen, trieb er auch dem coolsten Kölner Kaufmann mit den ersten Klängen von James Lasts "Biscaya" die heimlichen Tränen der Wehmut in die Augen: Sommer vorbei. Auch mein Großvater, diese persönliche Bemerkung sei der Rezensentin gestattet, untermalte seine Lichtbildvorträge in der Juister Kurhalle mit diesem Schmachtfetzen. Es wirkte immer und war aufrichtig gemeint.

Letzteres gilt sicher auch für Karin Kalisa, wenn sie die Klangwellen ausgerechnet dieses Stücks durch die ersten Seiten ihres zweiten Romans rauschen lässt. "Radio Activity" ist nämlich nicht nur eine wirklich sehr atmosphärische Hommage an den Norden und seine wortkargen Menschen mit dem gut vertäuten Humor, sondern auch an die demokratischste Tante unter den alten Medien: das Radio. Das Problem dabei illustriert ein Slogan, den Karin Kalisas Verlag für ihren ersten Roman "Sungs Laden" entwickelt hat: "Der Bestseller von Karin Kalisa ist ein Sommer-Roman mit Tiefgang für jede Lebenslage." Den Slogan könnte man auch für ihren zweiten Roman übernehmen.

Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler hat in seinen Theorien ziemlich schlüssig beschrieben, was für eine Literatur damit beworben wird: eine Literatur nämlich, die den Lesern mit Umberto Eco gesprochen das Gefühl vermittelt, "das Herz der Kultur schlagen gehört zu haben", ohne dass es weh tut. Eine Literatur, die durch einfache Sprache und klare Themen und Plots international vermittelbar ist und gute Aussichten auf großen Erfolg hat, die Amüsement mit moralischem Gewicht kurzschließt.

Bei Karin Kalisa geht das so: Holly Gomighty nennt sich ihre Hauptfigur Nora Tewes, wenn sie auf 100,7 die Morning-Show des Nordsee-Senders "Tee und Teer" schmeißt. Ähnlich wie die Zuschauer vor der Kinoleinwand in Andacht verharren, wenn Holly Golightly vom "Frühstück bei Tiffany" träumt, tun es die Vorarbeiter im Hafenbüro, die Autofahrer an den Schleusen und die Halbwüchsigen am Frühstückstisch, wenn Noras Stimme sie in den Tag holt. Für einen Moment glaubt man selbst an die Rückkehr der guten, alten "Radio Days", an die "Radio Rock Revolution", die Nora mit ihren Schulfreunden Tom und Grischa lostritt, als sie aus Mitteln der EU und mithilfe eines weiteren Freundes, der inzwischen ein halbwegs hohes Tier bei den Öffentlich-Rechtlichen ist, "Tee und Teer" gründet. Leinen los, die Welt verändern: Man wird mitgerissen von so viel jugendlicher Aufbruchsstimmung aus der nordischen Provinz, die deutliche Züge der Bremerhavener Region trägt.

Ob Menschen kriminalisiert werden oder Taten - eine feine aber notwendige Differenzierung

Kalisa hat ihre Figuren so sympathisch und gleichzeitig ausreichend dickköpfig gezeichnet, dass man mit ihnen einfach gern Zeit verbringt. Gekonnt auch, wie sie Lebensgeschichten zuspitzt: die von Grischa, der aus einer Spätauswanderer-Familie kommt und darum ein spezielles Verhältnis zu Koffern hat. Oder von Djamil aus dem Jemen. Man könnte denken, alles etwas viel Sozialromantik in Figurenform gepresst, aber so ist das nun mal: diese Lebensgeschichten existieren ja in der Realität nebeneinander.

Kalisa verbindet sie außerdem ganz bodenständig über die Arbeit. Es macht erstaunlicherweise großen Spaß, ihren detaillierten und leidenschaftlichen Schilderungen von Tontechnik und Rundfunkrecht zu folgen. Happy Sound und Easy Listening lehnen zwar Kalisas drei Idealisten ab, ihre Autorin aber eben nicht. Rhythmus, Wortspiele und Klangstrukturen geben dem Text eine offensive Leichtigkeit.

Zunächst scheint das genau das richtige Mittel zu sein, um drohenden Kitsch zu verhindern, weil diese Form des ausdrücklich Artifiziellen eben darauf verweist, dass hier ein Märchen erzählt wird, in dem das Gute möglich ist, wenn man nur will. Unter dieser Voraussetzung macht man dann sogar das Unwahrscheinlichste mit, wenn die Crew von "Teer und Tee" die Bevölkerung auffordert, Werbeclips zu produzieren und es heißt: "Tatsächlich waren die Einsendungen zu achtzig Prozent phantastisch gewesen und hatten offenbart, dass geborene Kleinkünstler durchaus an Werkbänken, Rührmaschinen und Ladentischen zu finden waren."

Nach diesem rosaroten Vorspiel beginnt aber das eigentliche Thema des Romans: Es geht um den verjährten sexuellen Missbrauch eines Mädchens, der Nora unmittelbar betrifft. Sie beginnt einen Rachefeldzug, nachdem der Rechtsweg nicht geholfen hat: "Irgendwer musste es ja aufbewahren, worin sich andere bewähren dürfen. Ihre Wut loderte. Sie hatte einen schwarzen Bodensatz aus Cola, Assam Broken und Trauer, sie flammte rotglühend auf und züngelte nach Nahrung." Ein junger Rechtsreferendar, der wie sie entsetzt ist über die Kälte der Institution, erklärt sich bereit, mit ihr und einem aberwitzigen Plan "in Teufels Küche" zu gehen. Kurz: Es geht um Selbstjustiz, um "Langzeitstrafe für Langzeitschäden".

Einiges ist daran fragwürdig. Auf der Inhaltsebene die mangelnde Unterscheidung von Recht und Gerechtigkeitsempfinden, deren Sinn und Wichtigkeit inzwischen nicht mehr zur Allgemeinbildung zu gehören scheint, und die auch der Roman nur ganz zum Schluss kurz thematisiert. Das kann man zwar mit der Figurenperspektive rechtfertigen, aber nicht bei einem Roman, der sich so didaktisch gibt. Auch die Aussage, man wolle denen "die Suppe versalzen", die "so sind" wie jener pädophile Apotheker, kriminalisiert Menschen und nicht Taten. Eine feine, aber unbedingt notwendige Differenzierung.

Kalisa nutzt ihren Roman, um auf problematische Gesetzeslagen in Sachen Missbrauch von Kindern hinzuweisen und um überhaupt erst einmal klar zu machen, dass Missbrauch ein Euphemismus für schwere und anhaltende Körperverletzung ist. Das ist verständlich. Literarisch unterläuft ihr aber etwas ganz Ähnliches, weil sie die stilistischen Mittel beibehält, die am Anfang so vergnüglich wirken. Die jetzt eben nicht mehr witzige, sondern unangemessen niedliche Sprache hält dem Gewicht der Gewalt und ihrer Folgen, die sie ausdrücken soll, nicht stand.

Man kann von Adorno kommend solche Literatur mit gutem Grund verharmlosend nennen oder gar zum Betrugsfall erklären, aber sie bildet auch eine eigene Kunstform. Bei "Radio Activity" kommt nur hinzu, dass Karin Kalisa länger an den Stellschrauben hätte drehen müssen, die das Verhältnis von Thema und Stil richten.

Karin Kalisa: Radio Activity. Roman. Verlag C.H. Beck, München 2019. 351 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 27.12.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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