bedeckt München 16°

Deutsche Literatur:Paula, Judith, Brida, Malika, Jorinde

Fünf Leipzigerinnen und ihre Liebesbiografien: Die Schriftstellerin Daniele Krien steht mit ihrem wundervollen Großstadtroman "Die Liebe im Ernstfall" seit Wochen auf der Bestsellerliste.

Von Burkhard Müller

"Die Liebe im Ernstfall" - ja, gibt es denn eine andere? Wie er oder sie sich in diesem Punkt verhält, was ihr oder ihm da widerfährt, das ist von zentraler Bedeutung fürs ganze Dasein, auch wo die Akteure nur zu spielen scheinen. Daniela Krien wurde 2012 durch ihr Buch "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" bekannt.

Darin ging es um die überwältigende Liebe einer Siebzehnjährigen zu einem weit älteren Mann, mitten in der ostdeutschen Wendezeit, als die meisten Menschen sich mit anderen Problemen herumzuschlagen hatten. Es war ein bewundernswertes Stück Liebesabsolutismus. Diesmal hat Krien die schwere Liebeslast auf mehrere weibliche Schultern verteilt und das archaische Mecklenburg gegen das Leipzig der Gegenwart ausgetauscht.

Die Protagonistinnen und ihre Partner tendieren überwiegend zum grünen Milieu, leben in Lofts oder Altbauwohnungen, schauspielern, schreiben, arbeiten alte Möbel auf, fahren eher Rad als Auto (und wenn, dann einen Volvo) und nennen ihre per Hausgeburt in die Welt gesetzten Kinder Ada, Jonne und Lilli. Sie sind meist Ende dreißig, Anfang vierzig, in einer Phase also, wo Frauen ohne Kinder die biologische Uhr ticken hören und getroffene Lebens- und Familienentscheidungen noch einmal auf den Prüfstand kommen. Und immer ist die Stadt präsent, Leipzig, wo Daniela Krien zu Hause ist und die sie offenkundig liebt, eine Stadt voll Sommer und Grün, mit dem Duft blühender Linden und von Bärlauch-Aromen gesättigten Auwäldern. Natürlich herrscht auch in Kriens Buch nicht ununterbrochen Sommer, aber es kommt einem so vor. In Erinnerung bleibt die Atmosphäre einer warmen Luft, durch die mit rasender Geschwindigkeit die Mauersegler zischen.

Es geht also um fünf Frauen und ihre Liebesbiografien. In der großen Stadt gibt es immer mehrere Optionen; jede der fünf bekommt es mit mindestens zwei Männern zu tun. Die Form, die Krien dafür gefunden hat, muss man sehr glücklich nennen. "Roman" steht auf dem Umschlag; das ist nicht ganz verkehrt, beschreibt das Konzept aber nur unzulänglich. Fünf Teile hat das Buch, die je nach ihrer Protagonistin heißen: Paula, Judith, Brida, Malika, Jorinde.

"Der Tod ihres Babys entfernte sie vom Durchschnitt. Ihr Schmerz blieb ungeteilt."

Die fünf sind weder vollständig gegeneinander isoliert, noch verschmilzt ihre Geschichte zu einem einzigen Plot. Paula und Judith sind trotz ihrer Unterschiedlichkeit enge Freundinnen, Malika und Jorinde ebenso verschiedenartige Schwestern; dazwischen steht Brida Lichtblau, die Schriftstellerin. Und natürlich überlappen sie sich in ihren Männergeschichten.

Die Frauen sagen nicht "Ich"; aber die Erzählung lässt sich dennoch auf ihre jeweilige Perspektive ein. Auf diese Weise kann die Erzählerin sehr einfühlsam von ihnen sprechen, ohne ihnen doch in jeder Hinsicht recht zu geben. Sie weiß mehr und Deutlicheres von ihnen als sie selbst, aber es spitzt sich so eigentlich nur das zu, was alle diese Frauen als ihr eigenes Leben empfinden.

Paula zum Beispiel hat ein Kind verloren; dieser Verlust prägt von nun an ihre Existenz. Von ihr heißt es: "Der Tod ihres Babys entfernte sie vom Durchschnitt. Ihr Schmerz blieb ungeteilt. Es war wie ein nachwachsender Kuchen, von dem sie aß und aß, ohne dass er je kleiner wurde. An ihrem Leid mussten sich alle messen lassen. Kaum jemand bestand. Was hieß es schon, ein paar Nächte nicht geschlafen zu haben, weil das Kleinkind zahnte? Jegliches Klagen verbot sich." Da wird im Schmerz, den Paula gewiss als etwas Primäres fühlt, das Mittel ahnbar, mit dem sie halb unbewusst ihren Stolz nährt und ihre Umgebung unter sozialen Druck setzt. Man versteht auch (was Paula so nicht begreift), warum sie in dieser Zeit vereinsamt.

Paulas Freundin Judith hingegen will sich nicht binden und nutzt Dating-Portale. "Seit sie auf den Partnerschaftsplattformen unterwegs ist, bleibt das Misstrauen. Etwas kann nicht stimmen mit Männern, die darauf angewiesen sind, auf diese Weise eine Frau zu finden. So wie mit ihr selbst etwas nicht stimmt." Judith ist eine äußerst intelligente und kompetente Ärztin; trotzdem wäre es unwahrscheinlich, dass sie ihr Missbehagen in genau dieser Form ausdrückt. Das erledigt für sie die Erzählerin und wird ihr doch nicht untreu dabei. Es öffnet sich so der Blick auf die Gründe für Judiths Unrast, in der die widersprüchlichen Impulse von Bedürftigkeit und Verachtung miteinander ringen.

Daniela Krien fragt unaufdringlich nach dem Preis, den die persönliche Freiheit kostet

Im Zusammenklang ergeben die Depressive und die Überaktive, die Spontane und die Gehemmte, die Naive und die Planerin (jede kann auch mehreres sein) genau das, was etwa Feridun Zaimoglu in seinem neuen Buch nur behauptet: einen vielstimmigen weiblichen Chor. Das ist nebenbei auch gerechter den Männern gegenüber, die nicht im eindimensionalen Blick erstarren, sondern sich in den Augen erst der einen, dann der anderen Frau entfalten dürfen.

Diese beiden Dinge zusammen - die Mehrstimmigkeit und die Art, wie jede einzelne Stimme in der Mitte zwischen Figur und Erzählinstanz geführt wird - machen die besondere Qualität dieses Buchs aus. Sie bewirken, dass etwas, das dem Anschein nach nur eine Sukzession des Privatesten sein will, sich erweitert zu einem Panorama, in dem das Ganze einer Gesellschaft im Umbruch hervortritt.

Daniela Krien fragt so unaufdringlich wie nachdrücklich nach dem Preis, den der enorm erhöhte Grad persönlicher Freiheit kostet. Sie stellt auch unkonventionelle Lebensmodelle vor: zwei Schwestern, die zusammen ein Kind ohne Vater aufziehen; zwei Frauen, die sich einen Mann und eine Familie teilen. "Preis" ist eine wirtschaftliche Kategorie; die Antwort fällt notwendig ökonomisch aus. Im letzten Fall etwa so, dass die Protagonistin sich eingestehen muss, ein Mann könne zwar mit zwei Frauen schlafen, aber wenn es hart auf hart kommt, nur eine verteidigen.

Das Buch liest sich mit wunderbarer Leichtigkeit - einer Leichtigkeit, die täuscht: Liebe im Ernstfall bedeutet für Krien, dass sie scharf die Verhältnisse in jenem Dreieck betrachtet, dessen Seiten Freiheit, Preis und Glück sind.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 288 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 07.05.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema