Deutsche Literatur Hände weg von der ukrainischen Putzfrau!

Julia Wolf in Klagenfurt, wo sie aus „Walter Nowak bleibt liegen“ las.

(Foto: ullstein bild)

Julia Wolf steht mit "Walter Nowak bleibt liegen" auf der Longlist zum Buchpreis.

Von Hans-Peter Kunisch

"Rotwein im Spiel, Bier, da fehlt mir ein Stück. Mir fehlt die Idee und warum die gut sein sollte. Wie war das? Das ist nicht der Igel, der schnarcht. Ich liege im Garten, ich sehe mich dort liegen, hier." Die literarische Moderne hat den inneren Monolog von Theaterfiguren wie Hamlet & Co. in einen ausufernden Stream of Consciousness verwandelt. Aber, ob bei Édouard Dujardin, Dostojewski oder bei Joyce, das ist hundert Jahre her. Was bringt es heute, wenn eine Autorin wie Julia Wolf, 1980 in Groß-Gerau geboren, einen wie Walter Nowak, 68, vor sich hin marodieren lässt, wie einst Arthur Schnitzler seinen "Leutnant Gustl"? Ist das ästhetische Denkmalpflege oder doch die Verjüngung der Avantgarde in erzählerisch biederen Zeiten?

Alles beginnt damit, dass Yvonne, Walter Nowaks Lebensgefährtin, die um einiges jünger ist als er selbst, eines Morgens zu einer Tagung für "Menschenrechtskram" verschwindet. Nowak ist nicht hilflos, nein. Den gewohnten Weg zur Schwimmhalle findet er alleine, und als er eine forsche Nebenschwimmerin jagt, schafft er es, sich den Kopf am Beckenende blutig zu stoßen. Anders schwierig und blutig wird es, als Nowak beginnt, ein rohes Schwein zu zerhacken, das er geschenkt bekommen hat. Klar, er will etwas essen.

Das hört sich unterhaltsam grotesk an, aber zunächst scheint dieser Walter Nowak nichts anderes zu sein als ein tölpelhafter, geiler Alter, der so nah am Klischee gebaut ist, dass man seinem Gedankenstrom nicht unbedingt überallhin folgen will. Julia Wolf gönnt Nowak zu Beginn so gar nichts Besonderes. Natürlich giert er nach der ukrainischen Putzfrau, und als er mit dem Schwein nicht weiterkommt, ruft er bei seiner irritierten Ex-Frau Gisela an. Sind kleinbürgerliche Existenzen dazu verurteilt, sich mit eher witzarmen Sitcoms bescheiden zu müssen? Schnitzlers Gustl war ein strohdummer Soldat, aber er stand für das Ende einer Epoche, in der die k.u.k.-Armee der Garant für die Einheit der einst mächtigen Habsburger Monarchie war.

Bei Julia Wolf öffnet sich die Erzählung erst nach fünfzig Seiten in Richtung auf die Zeitgeschichte, und diese Öffnung gibt Walter Nowak allmählich Tiefe. Sein Sohn Felix, den er mit Gisela gezeugt hat, muss in der Schule einen Stammbaum zeichnen, so wird klar, dass Walters Vater ein amerikanischer Soldat war, der nach dem Krieg wieder nach Arkansas verschwand, und ein "Soldatenflittchen" samt dem "Bastard" Walter in Deutschland zurückließ.

"Hier liege ich nun. Ich weiß, wie das aussieht."

Diese Worte tauchen erst nach mehr als hundert Seiten in Walters wirren Gedanken auf, aber sie sind typisch für die chaotische Nachkriegszeit mit ihrer quasi-archaischen Hackordnung. Bei Natascha Wodin, die mit "Sie kam aus Mariupol" in diesem Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, ging es um die Rekonstruktion eines Flüchtlingsschicksals. Bei Julia Wolf, deren Roman es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat, trägt ein Nachkriegs-"Bastard", der von den Mitschülern verfolgt wird, aus Kindheit und Jugend das Gefühl des eigenen Unwerts davon. Er ist von seiner Seelenlage her der Sexarbeiterin aus Julia Wolfs Erstling "Alles ist jetzt" nicht unverwandt.

Einer von Walters kindlichen Verfolgern ist Schorsch, der Sohn eines Rechtsanwalts. Er weist eine andere typische Biografie auf. Zuerst ist er nur ein reiches Kind, das die Armen verachtet, dann wird er links, beschimpft seinen Vater als Nazi, reist ausgiebig durch die Welt, und als es ans Erben geht, macht er Frieden mit dem alten Herrn. Walter Nowak widern solche Lebensläufe an. Er ist entsetzt über Yvonne, als sie sich ins Zeug legt, um Schorsch Geld für Menschenrechtskram zu entlocken. Aber der Ex-Nicaragua-Fahrer, der jetzt lieber vom Bali-Urlaub erzählt, hat bei einem Essen zu viert ein offenes Ohr. Nur Walter, der sich mit seinen Erzählungen blamiert, stört. Der Bastard ohne Geschmack, so wird klar, hat sich hochgekämpft, einen mittelständischen Betrieb für Hebebühnen und Ähnliches in die Welt gesetzt, erfolgreich geführt - und verkaufen müssen.

Gerade, weil Julia Wolf das Thema "Leben in der Bundesrepublik" sich so langsam entwickeln lässt und es aus Nowaks Gedankenschwall erst erschlossen werden muss, folgt man ihm am Ende aufmerksamer als einem brav heruntererzählten Roman. Und man erkennt die Schlüsselfunktion der Vater-Sohn-Geschichte. Walter Nowak hat Gisela und Felix früh verlassen, nicht zuletzt deshalb, weil er nie seinen Platz zwischen den beiden gefunden hat. Jahre später überzeugt ihn seine Lebensgefährtin Yvonne, dem Wunsch seines Sohnes nachzugeben, der das Grab des amerikanischen Großvaters besuchen möchte. Gemeinsam machen sich die drei auf nach Arkansas, dochmehr als für die Suche nach seinem Vater interessiert sich Walter Nowak für sein Jugendidol Elvis. Der Besuch im Museum in Memphis treibt Vater und Sohn für Jahre auseinander.

Doch auch das ist schon lange her. Als Walter mit blutigem Kopf zu Hause am Boden liegt und das blutende Schwein in der Küche, taucht Felix auf, um nach dem Vater zu sehen. Seine Mutter hat ihn alarmiert, die Vater-Sohn-Geschichte nimmt noch einmal Fahrt auf, ohne erkennen zu lassen, wie sie ausgehen wird. Als Felix verschwindet, steht Walter auf und vergreift sich im Wahn, die Frau im Bad, die ihm den Rücken zukehrt, sei die heimgekehrte Yvonne, an seiner ukrainischen Putzfrau. Die weiß sich zu wehren.

Eine gute Figur macht Walter Nowak am Ende so wenig wie am Anfang. "Hier liege ich nun. Ich weiß, wie das aussieht. Das sieht eindeutig aus. Aber ich kann das erklären." Nowak bleibt tragikomisch, als Held einer Satire, die sich zum Zeitporträt auswächst.

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt am Main 2017. 158 Seiten, 21 Euro. E-Book 14,99 Euro.