Deutsche Literatur Gelebt, getunt und ausgeschmückt

Axel Milberg, hier als "Tatort"-Kommissar Borowski, sucht auch als Romanautor die Nähe zur Kieler Förde.

(Foto: dpa)

Der Schauspieler Axel Milberg hat seinen ersten Roman geschrieben: "Düsternbrook" ist biedere Autofiktion.

Von Christine Dössel

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf - Tusch! - Axel Milberg. Dieser kleine Zitat-Schlenker hin zu Samuel Beckett sei eingangs gestattet bei einem Buch, dessen Autor selber gleich im ersten Satz den Sonnen-Spot (spöttisch) auf sich selbst richtet: "Blitze zuckten am Himmel, ein Donnerwetter zerbrach über uns, der Himmel zerriss zwischen schwarzen Wolken, und ein Lichtstrahl fiel von einer abgelenkten und törichten Sonne auf ein dreieckiges Rasenstück. Und da stand ich, klein und dunkelblond auf grünem Grund und drehte mich, und die Welt drehte sich um mich."

Wer ein Buch so beginnt, der hat literarische Ambitionen. Oder er muss Schauspieler sein, den großen Auftritt lieben und gewohnt sein, im Rampenlicht zu stehen. Bei Axel Milberg kommt beides zusammen. Der Schauspieler, Jahrgang 1956, den Fernsehzuschauern bekannt vor allem als listig-sympathischer Kieler "Tatort"-Kommissar Borowski, hat die Geschichte seiner Kindheit und Jugend in Kiel aufgeschrieben - in der Form eines Romans. "Düsternbrook" ist beides: Autobiografie und literarische Fiktion, Erinnerung und Erfindung. Eine Autofiktion. Gelebt, getunt und ausgeschmückt. Bei der Vorstellung des Buches neulich im Münchner Literaturhaus, moderiert von der Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg höchstpersönlich, bekannte Milberg, er würde in dem Buch lügen, "dass sich die Balken biegen". Die Freiheit des Autors sei viel größer als die des Interpreten, mithin des Schauspielers, das habe er "mit Genuss" festgestellt.

Umgekehrt, das aber sagte Milberg nicht, verspricht die Bekanntheit eines Schauspielers diesem als Autor die Aufmerksamkeit eines großen Publikums, egal was er vorlegt. Dass Schauspiel-Promis Romane schreiben, liegt regelrecht im Trend. Miroslav Nemec, Andrea Sawatzki, Christian Berkel, Jan Josef Liefers, Matthias Brandt, Burghart Klaußner - sie alle haben Krimis oder biografische Geschichten veröffentlicht. Der Burgschauspieler Joachim Meyerhoff ist mit seiner mehrteiligen Familiengeschichte "Alle Toten fliegen hoch" zum Bestsellerautor geworden.

Etwas vom grotesken Humor und dem Abnormitätenforscherblick der hochnotkomischen, zärtlichen Meyerhoff-Bücher scheint auch Milberg beim Verbrämen seiner Kindheit vorgeschwebt zu haben. Das merkt man, wenn er, der gewiefte Vorleser, einzelne Kapitel aus "Düsternbrook" rezitiert und dabei eine Pointierung und Akzentuierung schafft, die man beim Lesen doch häufig vermisst. Das Kapitel etwa, in dem ein frisch aus der Haft entlassener Vortragsreisender aus der Schweiz, der sich als Erich von Däniken entpuppt, in der Aula des altsprachlichen Kieler Gymnasiums, das sich Gelehrtenschule nennt, über die Existenz von Außerirdischen und deren all-umfassende Beobachtung des Homo sapiens referiert. Wenn der Vorleser Milberg sich da temperamentvoll ins Zeug legt, Passagen auf Schwyzerdütsch spricht und den jungen Ich-Erzähler Axel in extraterrestrische Verschwörungstheorien abdriften lässt, ist das ungleich lebendiger und amüsanter, als wenn er es mit epischer Selbstgenüsslichkeit aufschreibt. Da schlägt der Schauspieler/ Interpret Milberg den Autor - und zwar mindestens um jene Längen, die sein Text spürbar hat.

"Düsternbrook", das klingt nach Regionalkrimi, wie "Tannöd" oder "Schwarzwasser". Aber auch, wenn Milberg tatsächlich in fünf Kapiteln eine kleine Kriminalhandlung einbaut - oder besser: die Planung einer kriminellen Tat durch einen 27-jährigen Sonderling -, um das dargestellte Großbürgeridyll ein wenig zu stören, ist das Buch alles andere als ein Thriller. Es ist die konfliktarme, in detailverliebter Anekdotenform eher langatmig daherkommende Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen namens Axel Milberg. Der wächst mit seinen Geschwistern Manuela und Hans im Kieler Villenviertel Düsternbrook auf, "behütet", wie man so schön sagt.

Mutter Ärztin, Vater Anwalt ("Kannst du deine Frau nicht leiden, geh zu Milberg, lass dich scheiden"), Urlaub am Meer, Treibjagden mit dem Vater, Tennis, Klavierstunden. "Wir sind was Besseres!", bläut ihm die nervenschwache Mutter ein. Der Großvater residiert schlossherrenhaft auf Gut Quarnbek. Patenonkel "Ocki" heißt mit vollem Namen Carl-Oscar Ritter von Georg und ist ein flamboyanter Schwuler aus Hamburg. Auch sonst sind die Namen in dem Buch ein Fest für sich, vom Schulfreund Konstantin Knüppel über den Heimatkundelehrer Pinkernelle bis hin zu Onkel Tessen von Gerlach, verheiratet mit Mieze von Schroeder.

Der kleine Axel erzählt mit großen, staunenden Augen aus seiner Kinderperspektive von der Kieler Förde, den Kieler Straßen, den Kieler Läden und Segelbooten, dem Düsternbrooker Gebaren und Gehölz. Die Kieler werden's ihm danken, wir anderen müssen da wie bei einer länglichen Stadtführung durch. In Axels privilegiertem Leben zählen die Sache mit dem gelben Stein im Ohr (und die Frage, ob es Bernstein ist) und mit der rostigen Schraube im Oberschenkel zu den dramatischeren Kapiteln, weil jeweils eine OP erforderlich ist.

Andeutungen über verschwundene Kinder sollen ein Gefühl von Unheimlichkeit erzeugen in einer doch sehr heilen Welt. Wenn ein Mitschüler beim Schlittenfahren verunglückt und in einem Lieferwagen entführt wird, entsteht tatsächlich kurz Spannung, aber das löst sich schnell wieder auf. So wie hier ohnehin jede Gefühlswallung, jede Episode in eine Sackgasse führt, nie zu Kulminationen oder Komplikationen oder aus der eigenen Blase heraus.

Auch ein erstes Verliebtsein wird scheu geschildert. Axel steht auf die freche Lili vom Tennisplatz. Aber er ist zu schüchtern, um da etwas zu reißen. Später, mit 19 in Südfrankreich, geht da schon mehr, eine Amour fou mit Francesca, Axel nun ein heißblütiger Alexandre. Aber auch diese Affäre endet abrupt. Sie: "C'est fini". Er: "D'accord." Erfunden? Real? Egal.

Authentisch dürfte die Begegnung mit Gerd Fröbe an der Kieler Uni sein, den der Erzähler, inzwischen Student der Literaturwissenschaft und Philosophie, bei einem Auftritt in dessen Garderobe aufsucht. Auch Axel will Schauspieler werden. Und das wird er dann auch, einer, dessen komisch-kauziges Talent schon in der Theater-AG des Gymnasiums auffiel. Das Buch endet mit Milbergs Aufnahme an der Otto-Falckenberg-Schule in München. "Aufgenommen!", ruft er in großen finalen Lettern. Es klingt wie "angekommen". Manche Leben sind einfach zu gut, um wahre Literatur zu sein.

Axel Milberg: Düsternbrook. Roman. Piper Verlag, München 2019. 288 Seiten, 22 Euro