Deutsche Literatur Doppeltes Mädchen

Den Figuren jegliches Geheimnis und ihrem Roman jegliche innere Spannung genommen: Maike Wetzels Debütroman "Elly" ist der seltene Fall eines 140 Seiten starken Buchs, in dem ausnahmsweise viel zu viele Worte gemacht werden.

Von Christoph Schröder

In seinem dokufiktionalen Film "Der Blender" rekonstruiert der britische Regisseur Bart Layton den Fall des 13-jährigen Nicholas Barclay, der an einem Tag im Jahr 1994 das Haus seiner Familie in Texas verlässt, um zum Basketball zu gehen, und spurlos verschwindet. Drei Jahre später behauptet ein junger Mann in einem Kinderheim in Spanien, er sei der vermisste Nicholas Barclay. Die Familie holt ihn zu sich und nimmt ihn als ihren Sohn an, obwohl der Junge dem verschwundenen Nicholas nicht im Geringsten ähnlich sieht. Der Findeljugendliche tischt eine abenteuerliche Geschichte von Verschleppung und sexuellem Missbrauch auf. Die Familie glaubt ihm in dem verzweifelten Wunsch, ihren Sohn wiedergefunden zu haben.

Auch in "Elly", dem ersten Roman der deutschen Autorin Maike Wetzel, verschwindet ein Kind auf dem Weg zum Sport. Wetzel erzählt die Geschichte vom Verlust eines Kindes im reportagehaften Dauerpräsens und aus verschiedenen Perspektiven als Familiendrama. Da ist Ines, Ellys zwei Jahre ältere Schwester, die sich den Tag des Verschwindens ihrer Schwester in allen Details vorstellt (das stärkste Kapitel des Romans). Wie ihre Mutter Judith und ihr Vater Hamid, ist sie Teil einer Leidensgeschichte, die mit der sozialen Verwahrlosung der Familie zusammenhängt.

Die Polizei ist zunächst misstrauisch und vermutet ein Verbrechen innerhalb der Familie; später ist sie hilflos. Jedes der Familienmitglieder hat sich seine eigene Welt zusammengebastelt, die von Illusionen, Hoffnungen und Selbstbetrug zusammengehalten wird. Die in kurze Passagen aufgesplitterten Kapitel demonstrieren, wie jedes einzelne Familienmitglied unter dem katastrophalen, rätselhaften Verlust leidet. Dabei entsteht der Eindruck, dass in dieser Familie bereits vorher einiges nicht mehr im Lot gewesen ist. Hamid, ein auf das Entwerfen von Rolltreppen spezialisierter Architekt, sieht zu, wie ihm seine Ehe entgleitet. Judith, die Nachhaltigkeitsberichte für Firmen geschrieben hat, war schon vor Ellys Verschwinden mit Tablettensucht und heimlicher Promiskuität beschäftigt.

Die Autorin ist keine Anfängerin, trotzdem unterlaufen ihr erstaunliche Fehlentscheidungen

Maike Wetzel, Jahrgang 1974, ist eine Romandebütantin, aber keine Anfängerin. Mit "Hochzeiten" (2000) und "Lange Tage" (2003) hat sie zwei durchaus bemerkenswerte Erzählungsbände veröffentlicht, bevor sie an der Münchener Filmhochschule studierte und sich der Drehbuch- und Regiearbeit zuwandte. Man würde ihr also ein Gespür für Aufbau und Dramaturgie zutrauen. Umso erstaunlicher, dass sie in ihrem Romandebüt nicht nur einen Hang zu bedeutungsschwangeren Hohlsätzen entwickelt ("Rolltreppen sind wie Götter. Menschen liefern sich ihnen aus"). Sie hat auch gleich mehrere gravierende erzählstrategische Fehlentscheidungen getroffen.

Die fangen damit an, dass Wetzel den Roman aus der Perspektive einer Figur eröffnet, die mit dem eigentlichen Geschehen nichts zu tun hat und auch nicht mehr auftaucht: Ines, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, zwingt eine Zimmergenossin bei einem Krankenhausaufenthalt kurzerhand, die Rolle von Elly einzunehmen. Das Mädchen heißt Almut und betrachtet die so verschlossene wie selbstsichere Ines als ihre "Göttin". Die beiden Mädchen verletzten sich vorsätzlich, um gemeinsam im Krankenhaus bleiben zu dürfen. Sie bilden eine Front gegen die Erwachsenenwelt und zugleich ein ungleiches Machtgefüge, das Almut nach und nach umkehrt. Diese ersten Kapitel des Romans dienen erkennbar dem Versuch, dem traumatischen Erlebnis gegenüber eine Außensicht einzunehmen. Das allerdings wird im weiteren Verlauf nicht noch einmal aufgegriffen und verpufft funktionslos.

Viel fataler allerdings ist der Umstand, dass Wetzel ihre Elly vier Jahre nach deren Verschwinden tatsächlich wieder auftauchen lässt. Ab diesem Zeitpunkt spult der Roman in aller Vorhersehbarkeit ein Programm ab, das man als Leser sofort durchschaut. Dass eine implodierte Familie durch Selbsttäuschung nicht wieder heil werden kann, ist keine sonderlich originelle Erkenntnis.

Was Judith und Hamid nicht erkennen wollen: Elly ist nicht die echte Elly, aber auch das zurückgekehrte Mädchen erzählt - wie in "Der Blender" - nach langem Zögern die Geschichte von Verschleppung, Missbrauch und Gedächtnisverlust. Und spätestens, wenn Maike Wetzel dann auch noch die Perspektive der Blenderin selbst in den Roman einführt und ganz am Ende das Schicksal der echten Elly halbwegs aufklärt, hat sie ihren Figuren jegliches Geheimnis und ihrem Roman jegliche innere Spannung genommen.

Auch die Schriftstellerin Katharina Hartwell hat in ihrem 2015 erschienenen Roman "Der Dieb in der Nacht" eine ganz ähnliche, explizit von dem Film "Der Blender" inspirierte Geschichte erzählt. Nur hat Hartwell den Stoff transzendiert und ihren Plot als eine gespenstisch aufgeladene Story mit offenem Schluss angelegt. In "Elly" bleibt nichts offen: Es ist der seltene Fall eines 140 Seiten starken Buchs, in dem viel zu viele Worte gemacht werden.

Maike Wetzel: Elly. Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018. 148 Seiten, 20 Euro.