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Deutsche Literatur:Blind durchs Morgenland

Christoph Peters versammelt in dem Erzählungsband "Selfie mit Sheikh" Geschichten vom Orient. Bei dem Versuch, den westlichen Blick auf das Fremde zu karikieren, bewegt er sich allerdings auf einem sehr schmalen Grat.

Von Insa Wilke

Witziger Einfall: Weil ein islamkritischer Architekturstudent in einem Döner-Laden nichtsahnend eine Rabattkarte ausgefüllt und so an einer Verlosung teilgenommen hat, muss der arme Kerl nun seine erste außereuropäische Reise nach Istanbul antreten, was er mit dem ganzen bornierten Hochmut deutscher Oberlehrer tut. Er schimpft über den fauligen Geruch in den Straßen, ärgert sich über den "unberechenbaren Menschenschlag" und empört sich schließlich am Eingang der Blauen Moschee: "Kopftücher verlangten sie, aber Schuhe sollten verboten sein!" - "Grüße von Yunuz" heißt diese Erzählung, einer der komischen Höhepunkte im neuen Erzählungsband von Christoph Peters.

"Selfie mit Sheikh" versammelt einen Reigen einfacher Geschichten, die von westlichen Orient-Projektionen handeln, der Titel sagt es ja schon. Es geht aber um mehr, wie Auftakt (Schöpfungsgeschichte: "Urzustände, erste Menschen") und Ausklang des Bandes (Apokalypse: "Die Mutter aller Schlachten") beweisen. In einer Art philosophischem Dialog erzählt Peters am Anfang, wie die Menschen sich die überwältigende Welt handhabbar machten: "So wie es ist, kann es nicht bleiben, dafür sind wir zu fremd. Wir nehmen alles, was vor uns liegt, in Besitz." Eine Technik, die "Furcht vor dem Dunkel" verschwinden zu lassen. Die Welt wurde aber leider nur in der Imagination kleiner. In der Realität bleibt sie groß, und darum ist die kleinmütige Geste am Ende ein einzelner Satz, der die apokalyptische Hilflosigkeit, das Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts, wie kein zweiter ausdrückt: "Irgendetwas tun."

Christoph Peters: Selfie mit Sheikh. Erzählungen, Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 256 Seiten, 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.

Nun muss man wissen: Christoph Peters ist kein Autor schöner Sätze. Glanzlos und unpoetisch ist seine Sprache. Seine Figuren bleiben gesichtslos, die Räume, in denen sie sich bewegen, oft unausgestaltet. Es hat etwas von Graphic Novel ohne Graphic, wie er selbst schreibt. Das fällt in seinem neuen Buch umso mehr auf, als die Handlungsorte unter anderem Lahore und Kairo, Mekka, Istanbul und Oman heißen. Man würde solche Orte gern wie bei Christoph Ransmayr oder Mathias Énard sehen, riechen und schmecken können.

Aber Peters schickt uns mit Sätzen wie diesen blind hindurch: "Roland staunte über die vielen Gesichter der Stadt, die zwischen traumverlorenen Mogulpalästen, kolonialer Pracht, glitzernden Geschäftsvierteln und allgegenwärtigem Verfall oszillierte." Die Imagination rutscht an solchen Sätzen allgemeiner Gültigkeit ab. Dafür fällt die stereotype Figurenkonstellation, die Peters schon häufiger vorgeworfen wurde, in den beiden parallel gebauten Liebesgeschichten des Bandes auf: weißer Gastdozent verfällt der "dunklen Präsenz" seiner muslimischen Studentin, die am Ende als doppeltes Opfer ihrer eigenen patriarchalen Kontrollgesellschaft und der verantwortungslosen Naivität des Westlers in die Röhre schaut. Ein Klischee, so generell wahr wie falsch im Einzelfall: dem Westler ist die Welt zu weit, der Muslima ist sie zu eng.

Schmal ist der Grat zwischen Stereotypisierung und dem Erblinden des Textes

Ein Zeichen von Unfähigkeit? Wohl nicht, dafür sind Geschichten wie "Konterrevolution" zu differenziert. Hier gerät der Ich-Erzähler in das Büro der Revolutionäre in Kairo, die den Sturz Präsident Mursis vorbereiten. Plötzlich hat man das Aroma der peinlich brenzligen Situation auf der Zunge und alles genau vor Augen. Nein, Peters betreibt ein literarisches Spiel mit der konsequenten Perspektive seiner Figuren. Es ist riskant, denn der Grat zwischen den beschränkten, stereotypisierenden Blicken der Figuren und der Erblindung des Textes ist schmal.

Leseprobe

Was dieser vielgereiste und in den Kulturen und mächtigen Sprachen der Welt bewanderte Mann mit seinen Erzählungen formuliert, ist Platons Höhlengleichnis in Selfie-Sprech, und Selfie-Sprech braucht er, um in der Sprache klar zu machen, worauf seine Kritik der westlichen Kulturen wohl abzielt: auf die Sehnsucht nach innerer Tiefe bei gleichzeitig über Jahrhunderte erlernter Konzentration auf die Oberfläche. Oder wie Peters es Wolfgang, den überforderten Architekturstudenten in Istanbul, zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee als Zerreißprobe erfahren lässt: "ein Teil wollte sich fallen lassen, der andere sich aufrecht halten". Den "klaren Gedanken" findet Wolfgang in den Kuppeln der Moschee.

Die Gleichung, hier der archaische, aber tiefe Geist, da der aufgeklärte, aber dumpfe Konsument, geht nicht auf. Seine Geschichten führen vor, wie Trugbilder Erfahrungen ersetzen. Der Sufismus, die mystische Spielart des Islams, für die sich seine Figuren interessieren, eignet sich dafür besonders, weil sie im Westen als weiche Form des Islam wahrgenommen wird und also offen ist auch für positive Projektionen. Die Forderung des Sufismus, die sinnliche Wahrnehmungswelt zu überschreiten und sein Ego hinter sich zu lassen, variiert Peters durch das Erzählprinzip seines Bandes, durchaus auch ironisch: "Selfie mit Sheikh" eben. Mehr "Sheikh" und weniger "Selfie" hätte trotzdem gut getan.

© SZ vom 10.10.2017

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