Deutsche Gegenwartsliteratur Wo das Einhorn lebt

Mit dem Roman „Der Hals der Giraffe“ wurde sie bekannt, der Naturkunde ist sie treu geblieben: Judith Schalansky im Gewächshaus.

(Foto: imago/Lichtgut)

Judith Schalansky baut in ihrem neuen Buch "Verzeichnis einiger Verluste" ein lebendiges Archiv für versunkene Inseln, ausgestorbene oder imaginäre Tiere und verlorene Dinge.

Von Jörg Magenau

Am Leben zu sein bedeutet, mit Verlusten fertigwerden zu müssen. Am Ende verliert jeder Mensch sein Leben, und vielleicht üben wir bis dahin nur für diesen ultimativen Verlust, wenn die Dinge zerbröseln oder im Sand verschwinden und wenn Ruinen sich zu Staub zersetzen. "Letztlich ist alles, was noch da ist, schlichtweg das, was übrig geblieben ist", schreibt Judith Schalansky im Vorwort zu ihrem "Verzeichnis einiger Verluste". Auch sie geht vom Tod als dem ultimativen Verlust aus. Totenklage und Trauerritual sind Versuche der Rückholung, doch betrauert werden kann nur das, was zumindest ein Zeichen oder eine Erinnerung hinterließ, also nicht ganz und gar spurlos verschwunden ist. Solche Trauerarbeit leistet sie in zwölf Kapiteln, die sich so unterschiedlichen Phänomenen wie der versunkenen Südseeinsel Tuanaki, dem ausgestorbenen kaspischen Tiger, den nur in Fragmenten überlieferten Liebesliedern Sapphos, dem Einhorn, der alternden, ihrer Jugend nachtrauernden Filmdiva Greta Garbo oder der in der Geschichte versunkenen Religion des Manichäismus widmen.

Jedes dieser Kapitel ist exakt 18 Seiten lang. Da waltet ein strenger Ordnungssinn wie in einem Archiv, das in den immer gleichen Ordnern und Kästen die wunderlichsten Exponate birgt. Schalansky weiß aber sehr wohl, dass alles Sammeln ein Auswählen ist und vor allem im Weglassen des Überflüssigen besteht, also vielleicht weniger bewahrt als vernichtet. "Man muss lesen, um zu ordnen. Und alles, was man ordnet, muss erst einmal abgeschrieben werden", sagt der Schweizer Künstler Armand Schulthess, dem Schalansky ihre Stimme leiht. Er zog sich im Alter von 50 Jahren aus seinem Leben als Büroangestellter in Zürich in ein abgelegenes Tal im Tessin zurück. Dort verwandelte er Haus, Garten und einen nahen Kastanienhain in eine "Enzyklopädie des Waldes", indem er das Wissen der Menschheit sammelte und auf viele Tausend kleine Täfelchen schrieb, die er in spezifischer Ordnung in die Bäume hängte. Wissen war für ihn etwas Organisches, ein naturnaher und unabschließbarer Wachstumsprozess.

Schulthess war ein Messie des Wissens, der nichts verloren geben wollte. Sein Wahnsinn hatte Methode. Schalansky macht aus ihm einen von sexuellen Obsessionen angetriebenen Eremiten, den sie in einem inneren Monolog über den Zusammenhang von Zeichen und Bedeutung, von Äußerem und Innerem nachdenken lässt, "so wie die äußeren Geschlechtsteile des Mannes und die inneren des Weibes zwei Ausformulierungen des Gleichen sind". Seine Sammellust und Ordnungssehnsucht wird zum Ausdruck eines Begehrens, das "uferlos und schwer zu fassen ist". Am Ende aber ist es so vergeblich wie jeglicher Tand auf Erden: Die Erben konnten nach seinem Tod im Herbst 1972 mit seiner Hinterlassenschaft nichts anfangen. Sie hielten den Verstorbenen für verrückt, betrachteten das Großkunstwerk als Müll und entsorgten es. Nur wenig blieb übrig.

Schalanskys strenge Ordnung ist eine feste Form zur Aufbewahrung der verlorenen Dinge, innerhalb derer aber alles möglich ist. Für jedes Kapitel - mal Erzählung, mal Essay, mal autobiografisches Bruchstück, mal freie Fantasie - findet sie einen eigenen Stil. Manche Stücke bleiben dicht an ihrem Gegenstand, andere, wie das über den Ostberliner "Palast der Republik", nehmen ihn nur zum Anlass für eine Geschichte, die einen ganz anderen Verlust verzeichnet: in diesem Fall den Verlust der Liebe zwischen zwei Menschen. Das Fragmentarische ist Prinzip, geht es doch stets darum, aus Bruchstücken ein Ganzes zu formen, so wie von Sapphos Gedichten nur einzelne Worte übrig geblieben sind, die "wie ein Formular nach Ergänzung verlangen". Der Begriff "Divinatio" bezeichnete einmal, wie man nebenbei erfährt, die Orakelkunst, etwa durch die Deutung des Vogelzugs. In der Papyrologie bedeutet der Begriff heute das Entziffern verblasster Bruchstücke.

Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, wurde als Schriftstellerin mit ihrem Roman "Der Hals der Giraffe" bekannt. Auch da ging es schon um die Vorläufigkeit des Menschengeschlechts im Allgemeinen und konkret um Verlustgefühle im deutschen Nachwende-Osten. Sie hat Erzählungen geschrieben und ein Buch über fünfzig abgelegene Inseln verfasst, auf denen sie nie gewesen ist. Sie ist Buchgestalterin und hat an der Potsdamer Hochschule Typografie unterrichtet.

Viel gelobt wurde und wird sie als Herausgeberin der Naturkunde-Reihe im Verlag Matthes und Seitz. Sie ist eine Grenzgängerin zwischen Kunst und Wissenschaft, für die Poesie und Sachkunde keine Gegensätze sind. Sie kann, wie in dem Kapitel über Caspar David Friedrichs verbranntes Bild "Der Hafen von Greifswald", eine schwelgerische Naturbeschreibungsprosa produzieren, die ihren Reiz aus sehr speziellen Worten und Namen bezieht. Wer nicht weiß, was eine Hutung ist, wie eine Bachstelze aussieht, wie man sich Pferdekopfpumpen oder das Zungenbecken einer Moränenlandschaft vorzustellen hat, wird in dieser Benennungslust fremdeln.

Doch die Magie der Worte dient bei ihr nicht dazu, billiges Wissen zu verbreiten, sondern der Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft etwas entgegenzusetzen. "Das magische Denken eines Kindes ist stärker als jede Statistik, jeder Erfahrungswert", schreibt sie und lässt nebenbei den verlorenen Zauber wiedererstehen. Darin ist sie eine direkte Nachfolgerin Ernst Jüngers, der einer der letzten großen Schriftsteller in der Goethetradition der Naturforschung gewesen ist.

Für Jünger war der Mann im Mond durch keine Mondkunde auszutreiben, der magische Blick des Kindes hatte für ihn durch alle Wissenschaft hindurch Bestand. So auch Schalansky, wenn sie die bis auf wenige Reste verschollenen Mondkraterkarten des Suhler Pfarrers Gottfried Adolf Kinau vorstellt und hinter ihm einen unauffindbaren Namensvetter erkennen lässt, der vielleicht der wahre Urheber der Zeichnungen gewesen ist. In dieser abschließenden Erzählung emigriert der Hobbyforscher auf den Mond, wo er in einer Gesellschaft der Mondsüchtigen in einem tiefen, finsteren Krater auf der Rückseite des Erdtrabanten ein Mondarchiv anlegt - das naturgemäß im Nichts verschwindet. Schalansky weitet ihr kleines Inventurverzeichnis ins Surreale und bleibt doch im Bereich der Messbarkeiten. "Denn das Nahe ist das Ferne", schreibt sie und klingt dabei tatsächlich wie Ernst Jünger, "und die höhere Wahrheit offenbart sich in der unscheinbarsten der Kreaturen ebenso wie in der allerfernsten - unter dem Mikroskop wie im Fernrohr."

Das "Verzeichnis einiger Verluste" ist ein disparates, eigenwilliges, spielerisches Buch voller Überraschungen. Es widmet sich einem überzeitlichen Phänomen, weil Untergang, Zerstörung und Tod in allen Kulturen immer auch Bedingung des Neuen und - wie der neuzeitliche Fortschrittsglaube vergeblich hofft - des Besseren ist. Doch die Gegenwart des 21. Jahrhunderts ist besonders reich an Verlusten, von Heimat, von Sicherheit, von Natur und natürlichen Gewissheiten wie der, dass es in unseren Breiten einen Winter gibt. In einer Vorbemerkung listet sie auf, was während der Arbeit an ihrem Buch verloren gegangen ist, sei es die Raumsonde Cassini, eine Boeing 777 zwischen Kuala Lumpur und Peking, die Tempelanlage in Palmyra oder der Kopf der Leiche von Friedrich Wilhelm Murnau. Zugleich gab es aber auch Wiederentdeckungen: ein Haarbüschel George Washingtons, ein unbekannter Roman Walt Whitmans, das doch eigentlich ausgestorbene brasilianische Blauaugentäubchen oder, 1400 Lichtjahre entfernt, ein Planet, auf dem Leben vorstellbar wäre.

Wer Geschichte erforscht, weiß, dass nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit der größere Möglichkeitsraum ist. Alles was ist, wird einmal gewesen sein. Dann gilt es, das verloren Gegangene zu sammeln, zu benennen und zu deuten. Nichts anderes macht Judith Schalansky. Sie verwandelt die vielen wissenswerten Kleinigkeiten in ein Panoptikum des Staunens. Man durchquert dieses Buch atemlos wie einen Zoo, in dem lauter ausgestorbene Lebewesen versammelt sind.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 252 Seiten, 24 Euro.