Deutsche Gegenwartsliteratur Bußmarter und Beiweib

In seinem Roman "Evangelio" begibt sich Feridun Zaimoglu in die Lutherzeit und schwelgt in ihrer Sprache. Der Furor des Glaubens lässt ihn kalt.

Von Jörg Magenau

Am Anfang war das Wort. Und das Wort ward Sprache. Um einen Roman über Martin Luther zu schreiben, musste Feridun Zaimoglu eine eigene Sprechweise erfinden, die so klang, als wäre sie von damals, 1521. Um sie in sich entstehen zu lassen, las er Luthers Briefe und immer wieder die Lutherbibel, fuhr nach Eisenach, zur Wartburg und nach Wittenberg, und sprach während dieser Reisen übungshalber in seiner neuen Luther-Sprache vor sich hin.

Diese Sprache ist derb und deftig und taumelt in fröhlicher Wortbesoffenheit vor sich hin. Man spürt, wie viel Freude es dem Autor gemacht hat, in diesem Dauertremolo zu versinken, doch leider, die Freude überträgt sich nicht beim Lesen. So schön auch manche Wortfindungen sind - Bußmarter, Beiweib, Sündenknoten - so ermüdend ist dieser hochgeschäumte Text. Da entsteht keine Klarheit, nichts Zupackendes, ja noch nicht einmal ein Geschehen, sondern bloß ein großer Sprachnebel, viele Metzeleien und die immer dringlichere Frage: Worum geht es denn da eigentlich?

Dabei ist die Grundkonstellation durchaus reizvoll: Zaimoglu erzählt aus der Perspektive des Landsknechts Burkhard, der den auf der Wartburg in Schutzhaft genommenen Luther bewachen muss, obwohl er als guter Katholik diesem "Ketzer" gegenüber allergrößte Vorbehalte hat und ihn, wenn er nur dürfte, niederstechen und ausweiden würde. Vom Mai 1521 bis in den März 1522 reicht das Geschehen. Nachdem Luther 1517 in Wittenberg seine Thesen ans Kirchenportal geschlagen hatte und nicht widerrufen wollte, war er mit dem "Wormser Edikt" für vogelfrei erklärt worden. Sein Mörder würde keine Strafe fürchten müssen. Jetzt übersetzte Luther in wenigen Wochen das Neue Testament. Doch solche Details interessieren Zaimoglu nicht wirklich. Stattdessen werden sie im Klappentext erklärt, der das, was im Roman nicht erzählt, sondern nur überwuchert wird, wunderbar zusammenfasst.

Es sind nicht die Heiden, die toben, sondern der brave, psychopathische Christ

Dieser Burkhard ist nicht zimperlich. Bei einem Streit im Wirtshaus schlägt er seinem Gegenüber kurzerhand ein Ohr ab, und die Leichen, die am Wegrand hinter ihm zurückbleiben, sind zahlreich. Intellektuell aber ist er nicht so gut ausgestattet, und Zaimoglu muss ihm schon deutlich mehr an Verstehensmöglichkeiten mitgeben, als es plausibel ist, um den Roman und die Dialoge überhaupt in Gang zu setzen. Weil er in der Ich-Form schreibt und in einem stakkatohaften, nervtötenden Präsens, ist er in dieser Figur gefangen.

Feridun Zaimoglu.

(Foto: Regina Schmeken)

Das ist vielleicht das Hauptproblem dieses großspurigen Romans. Allzu viel gibt dieser stinkende, Huren besuchende und mordende Kerl nicht her. Er hat nur eine einzige Tonlage, kennt nur Dreck, Blut, Aberglaube, Körperlichkeit - und wer all das für Mittelalter hält, mag auch diesen Roman für lebensecht halten. Als hätten sich die Menschen damals vorzugsweise im Schweinekoben gewälzt und Schwangere aufgeschlitzt.

Da man auch Luther vor allem mit Burkhards Augen sieht, erfährt man von ihm nur das, was diesem groben Klotz entspricht. Luther kämpft permanent mit Dämonen und dem Satan, arbeitet mit Elixieren und Beschwörungsritualen gegen Rauchsäulen und finstere Abgründe an und tut sich ansonsten mit Hetzreden gegen den Papst, die Juden und die Frauen hervor. Besonders als Antisemit ist er ambitioniert, da legt Zaimoglu das Vergrößerungsglas an. Er ist das, was man heute einen Hassprediger nennen würde, ein Besessener, dessen Wahrnehmung von Aberglauben verzerrt wird. Es sind nicht die Heiden, die toben, sondern der brave, psychopathische Christ. Denn merke: "Einer Dirne Schoß und eines Mönchs Gewissen tragen, was man ihnen auflädt."

Ein Zufall sei es gewesen, sagte Feridun Zaimoglu in einem Interview, dass sein Luther-Roman nun ausgerechnet im Luther-Jahr erscheint. Das habe er vor zwei Jahren, als er mit der Arbeit begann, nicht gewusst. Ihm sei es lediglich darum gegangen, ein Thema zu finden, mit dem er etwas radikal Neues beginnen könnte. Dass er selber Muslim sei, habe dabei keine Rolle gespielt. Vielleicht hatte er es ja einfach satt, ewig in der Literatur-mit-Migrationshintergrund-Ecke abgehandelt zu werden.

Etwas Deutscheres als ein Luther-Roman lässt sich schwerlich denken. Allerdings wird bis zum Schluss nicht klar, was Zaimoglu an dieser Figur eigentlich interessierte. Er hätte ja auch über Hans Wurst schreiben können, dem dieser Luther recht nahekommt. Die Briefe an Melanchthon, die Zaimoglu zwischen Burkhards Gerede montiert, ändern wenig. Die Sprache bleibt auch in ihnen so verschnörkelt, dass jeglicher Inhalt darin verloren geht. Bedenklich aber auch, dass die Briefe sich nicht von der Sprache des Ich-Erzählers abheben - als gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Raufbold und dem Mönch.

Was diesem "Evangelio" fehlt, ist eine Dimension jenseits des irdischen Schmodders. Für Zaimoglu scheint Glaube nur als Aberglaube oder als Kuriosität im Kasperletheater zu existieren. Religiosität mag ja viel mit Wahnvorstellungen zu tun haben, und es ist sicher nicht uninteressant, Luther weniger als Vorläufer der Aufklärung, denn als Hexenmeister und Dunkelmann zu akzentuieren. Vielleicht steckt darin auch ein Kommentar des Autors zur neofundamentalistischen Gegenwart mit all ihren Glaubenskriegen.

Und doch reicht es nicht aus, Gläubigkeit darauf zu reduzieren. Luther war immerhin ein Mann, der Griechisch und Hebräisch konnte, Aristoteles und Augustinus studiert hatte und den Mut aufbrachte, gegen Papst und Kaisertum aufzubegehren. Etwas mehr an inhaltlicher Auseinandersetzung wäre da schon nötig. "Evangelio" fehlt jegliches Gespür für Transzendenz. Zaimoglu schreibt über Religion wie ein Blinder über Farben. Gott oder Satan, Rettung oder Verderbnis - das ist die einzige Ebene, auf der gehandelt, gedacht, gebetet und gefühlt wird. Doch ob nun Gott oder Satan gewinnt, ist im Grunde egal, weil beiden derselbe Wahn zugrunde liegt.