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Design und Architektur:Stuhl-Stühle und Haus-Häuser

Halb bekannt, lau geliebt, als zweitrangig abgetan: Eine Pariser Ausstellung würdigt endlich den lange verkannten Designer und Architekten Gio Ponti.

Von Joseph Hanimann

Mit internationaler Stilneutralität und funktionaler Moderne brauchte man ihm nicht zu kommen. Gio Ponti, Architekt, Designer, Maler und Gründer der Zeitschrift domus, der manchmal als der "italienische Corbusier" bezeichnet wird, war zeitlebens um eine lokale, insbesondere mediterrane Ausprägung des industriellen Bauens und Gestaltens bemüht. Mit seinen minimalistischen Stroh- und Metallstühlen, seinem stilisierten Porzellangeschirr und Tafelbesteck, seinen ausgeklügelten Lampenskulpturen oder dem 1960 vollendeten Pirelli-Hochhaus in Mailand ist Ponti eine wichtige Figur der Nachkriegsmoderne und steht doch etwas abseits - halbbekannt, lau geliebt, als zweitrangig eingeschätzt.

Dabei stand der 1891 geborene Mailänder nach dem Ersten Weltkrieg in der selben Situation wie seine Altersgenossen. Wie schafft man den Sprung ins neue Zeitalter? Die Vasen, Tischfiguren und Teller, die er als künstlerischer Direktor für den Porzellanhersteller Richard-Ginori entwarf, folgten mit den antikisierenden Tänzerinnen, Kriegern oder Fabeltieren zu Beginn der Zwanzigerjahre noch der klassizistischen Tradition. Und das Wohnhaus, das Ponti in der Mailänder Via Randaccio für sich selbst entwarf, spielte mit den Formen der Palladio-Villen, die er als Soldat während des Krieges bewohnt und abgezeichnet hatte.

Die Wende zu den geometrisch vereinfachten Formen in Architektur und Design war bei Ponti im Unterschied zu anderen Modernisierern nicht Bruch und Neubeginn, sondern Teil einer fortwährenden Veränderung. Das Neue frischte bei ihm nur etwas radikal das Konventionelle auf. Die große Retrospektive, die das Pariser Musée des Arts Décoratifs ihm nun gewidmet hat, führt die Verschränkung von Tradition und Innovation mit einzelnen Objekten vor Augen.

Der Dynamik der frühen Zwischenkriegsjahre konnte aber auch Ponti nicht entgehen. Schon im Gründungsjahr seiner Zeitschrift domus publizierte er 1928 Beiträge über Le Corbusier. Er selbst entwickelte für verschiedene Bauherren in Mailand mit seinen "Case tipiche" eine Typologie des neuen Wohnbaus, der Serienfertigung und lokale Eigenheiten verbinden sollte. Mit seinem Projekt für den Sitz der Chemiefirma Montecatini deklinierte er in der Gebäudeform wie im Mobiliar den Alltag des neuen Berufsstands der Angestellten durch: verstellbare Aluminiumstühle, pflegeleichte Schreibtische, Friseur, Apotheke und Einkaufsläden im Haus.

Sein Leben lang war Ponti aber auf einen Idealtypus der "italienischen Architektur" aus. Das dürfte mit ein Grund sein, warum er ziemlich ungeschoren durch die Zeit des Faschismus kam - ein Kapitel, das die Pariser Ausstellung leider übergeht. Dabei stehen der Treppenaufgang mit den großen Wandfresken im Palazzo del Bo der Universität Padua und die monumentale Säulenhalle aus den späten Dreißigerjahren mit ihren schweren Rot-Braun-Tönen für eine "Italianità", die heute zwiespältige Assoziationen weckt.

Ponti war aber kein Ideologe, kein Dogmatiker, sondern ein praktischer Handwerker und ein geschickter Unternehmer. So fand er schnell den Anschluss zur Nachkriegsmoderne und erreichte mit ihr den Höhepunkt seiner Karriere. Die geschwungenen Ausgusshähne seiner Kaffeemaschine "La Cornuta" aus dem Jahr 1948 imponieren im kalten Metallglanz wie die Kamine eines Ozeandampfers. Der keine zwei Kilo wiegende Strohstuhl "Superleggera" von 1957 hingegen verwandelt das Sitzen in eine Art Schwebezustand. Und das 127 Meter hohe Pirelli-Hochhaus neben dem Mailänder Hauptbahnhof schiebt sich mit seinem Flachprofil unaufdringlich wie eine Stele ins Stadtbild. Der Architekt, für den Urbanismus kein Zentralthema war, wusste sehr wohl im Kontext zu planen.

Aus den Grundelementen der modernen Architektur, der demonstrativen Leichtigkeit, der Flächenverglasung, der Sichtbarmachung des Materials, dem spärlichen Farbauftrag, hat er nie ein Programm gemacht. Die vielfältigen Farbmischungen sind in seinen Projekten vielmehr ein strukturierendes Moment. Die Villa Planchart in Caracas spielt auf dem Boden wie an der Decke mit wechselnden geometrischen Farbmustern. Für die Hotelräume des "Parco dei Principi" in Sorrent und in Rom hat der Architekt mit blauen Reliefkacheln aus Keramik eine wahre Raumsinfonie in Blue geschaffen. Das verleiht seinen Bauten ein eigenes Ambiente von stilisiert üppiger Eleganz. In einer Saalflucht der Pariser Ausstellung wird das mit dem Nachbau von sechs ausgewählten Ponti-Projekten sinnlich erfahrbar gemacht.

Alles, was Gio Ponti anfasste, bis hin zu den fast schon postmodern anmutenden gestanzten Beton-Fertigteilen für die Scherenschnittfassade der Kathedrale von Tarent Ende der Sechziger, geriet ihm zum Zierobjekt. Wichtig blieb für diesen Anti-Funktionalisten dennoch, dass die Objekte klar zu ihrer Funktion stehen und nicht in abstrakte Formkompositionen ausarten. "Kehren wir zurück zu den Stuhl-Stühlen, den Haus-Häusern, zu den Objekten ohne Etiketten und ohne Adjektive", mahnte er. Manche seiner bombastischen Nussbaumtische, Polstermöbel und Stehlampen vorab der Fünfzigerjahre halten sich allerdings wenig daran. Unerreicht blieb Ponti vor allem in der Kunst, Sitzgruppen, Einzelmöbel, Wandlichter in die elegante Farblandschaft seiner Villen, Hotel- und Luxusdampfersalons zu setzen wie die Akzente über eine kalligrafisch geschriebene Botschaft. Mit dieser Kunst stand er den Industriellen und Bauunternehmern stets näher als den Debattenführern in Hörsälen und Zeitschriften. Bei der nachwachsenden Generation scheint das auf wachsendes Interesse zu stoßen.

Tutto Ponti - Gio Ponti, Archi-Designer. Musée des Arts Décoratifs, Paris. Bis 10. Februar 2019. Katalog 55 Euro. Info: www.madparis.fr.

© SZ vom 28.11.2018

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