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Design:Sehtest an der Werkbank

Das Züricher Museum für Gestaltung wird wiedereröffnet. In der Ausstellung fragen die Kuratoren: Wie lassen sich Objekte ausstellen, die zum Gebrauch entwickelt wurden?

Was für eine Halle! Gigantische sieben Meter wölbt sie sich über dem Besucher. Allein das erzeugt ihr Pathos. Dekor, Ornament oder sonstige Zierde braucht sie dafür nicht. Es ist eine verschwenderische Geste, die gleichzeitig sehr reduziert daher kommt. Der Raum oszilliert zwischen Kirche und Industriehalle. Genau das war wohl die Aufgabe.

Als das Museum für Gestaltung in Zürich 1933 eröffnet wurde, war es eines der wenigen Beispiele der klassischen Moderne in der Schweiz. Nur an seinem Standort, mitten im damaligen Industrieviertel zwischen Bahngleisen und Limmat, konnte man sich ein solch nüchternes Gebäude vorstellen. Die schlichte Halle erscheint wie eine Ode an die Fabriken ringsum. Gleichzeitig lässt die dreischiffige Anlage mit den Fenstern im Obergaden an eine Basilika denken, womit die Architektur die wertschätzen wollte, deren Arbeiten hier ausgestellt werden sollten: die Fotografen und Textildesigner, die Grafiker und Produktentwerfer, kurz: die Gestalter einer neuen Zeit.

"Kathedrale der guten Formgebung" sagt Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung, dazu. Nach einer dreijährigen Sanierung ist das Haus in all seiner Klarheit wieder lesbar. Die Decke, die in der Vergangenheit in der Halle eingezogen worden war, um zusätzliche - reichlich dunkle - Ausstellungsräume zu gewinnen, hat man entfernt, dazu die Patina, die sich im ganzen Haus angelagert hatte. Außerdem verlangte der moderne Ausstellungsbetrieb neue Technik, was nicht ganz einfach war: "Jede Schraube steht hier unter Denkmalschutz", so Brändle.

Doch die Wiedereröffnung des Museums ist mehr als die Feier einer Architekturikone, die erstaunlich frisch glänzt mit Dauerausstellungen zur Sammlung, zum idealen Wohnen und zur Plakatgeschichte sowie einer Einzelschau über das schweizer Designbüro atelier oï. Sie zeigt ein Museum, das konsequent der Frage nachgeht, wie sich Design überhaupt ausstellen lässt. Das ist ja der Ur-Konflikt jedes Museums, wo Dinge auf Sockel und hinter Glas präsentiert werden, die ursprünglich für den Gebrauch entwickelt wurden.

"Museen waren früher etwas, wo vom Marmorsockel aus die Welt erklärt wurde", sagt Brändle. Gerade beim Design, wo es bei der Entwicklung eines Produkts immer viele Köpfe braucht, sei das aber unklug. Deswegen sollen die Besucher hier einbezogen werden, sie sollen "Spuren hinterlassen", Themen mitverhandeln, auch Dinge anfassen dürfen.

Zum Beispiel in der neuen Swiss Design Lounge im ersten Stock. Hier sitzt oder liegt man auf Reeditionen von Schweizer Möbelklassikern, auf Le Corbusiers schwerem LC2-Sessel etwa oder auf Charlotte Perriands schlankem Tagesbett. Hier kann man Vorhänge befühlen, über Teppiche laufen, die Bücher aus den Regalen nehmen oder einfach auch nur durch die bodentiefen Fenster, vorbei an Willy Guhls geschwungene Gartenmöbel aus Beton, auf den angrenzenden Park blicken. Die Vorzüge von gutem Design lassen sich ganz praktisch erfahren - und das ohne Eintrittskarte. Was bei den heute astronomischen Preisen von Designklassikern eine hübsch demokratische Geste ist.

Der partizipative Ansatz des Museums spiegelt sich aber vor allem auch in der neuen Dauerausstellung zur Sammlung wider, die in den ebenfalls neu geschaffenen Ausstellungsräumen im Keller zu sehen ist. Aus den 500 000 Objekten hat man 2000 ausgewählt. Wie man diese präsentiert, ist ziemlich revolutionär. Denn es gibt keine Lesrichtung, kein Pfad für den Besucher und auch keine Unterscheidung der Objekte in ihrer Wichtigkeit, dafür ein assoziatives Springen zwischen Gattungen und Epochen.

Das Ganze funktioniert so: Auf einen fast den kompletten Raum füllenden Sockel hat man ein Sammelsurium von Objekten gestellt. Avantgardistische Marionetten umrahmen da etwa eine Bahnhofsuhr. Fellstiefel stehen neben einer Vase mit Waldmotiv, ein Kanister neben einem Spielzeugauto. Tritt man näher, entpuppt sich der Sockel als Schrank, dessen Schubladen man aufziehen kann. Nach einzelnen Schlagwörtern sortiert steckt in jedem Fach ein Schaukasten.

Wer hätte gedacht, dass Steckdosen so schön sein können wie Ornamente? Oder dass Ernst Ludwig Kirchners Textilentwürfe stark an koptische Stickereien erinnern? Mit ein paar Griffen lassen sich Mini-Ausstellungen arrangieren, etwa eine zum Schweizer Schriftengestalter Adrian Frutiger, mit frühen Entwürfen zu Serifa und Univers und einem Foto aus Frutigers Atelier, das wegen der vielen Buchstabentafeln aussieht, als machten seine Mitarbeiter gerade einen Sehtest.

Es ist beglückend, so tief in der Sammlung stöbern zu dürfen. Russische Kinderbücher der Zwanzigerjahre finden sich neben Rene Burris Fotografien von Le Corbusier. Die leichtfüßigen Werbekampagnen der Schweizer Grafikdesignerin Lora Lamm neben Oliviero Toscanis Skandalkampagnen für Benetton. Für Brändle sind gerade diese Querbezüge etwas, was das Museum auszeichnet: "Im Digitalen ist man immer mit einem Fernglas unterwegs. Im Museum ist man mittendrin."

Das bedeutet nicht, dass der digitale Raum hier keine Rolle spielt. Ein Drittel des Budgets geht inzwischen in die Digitalisierung. In den vergangenen Jahren wurde so eine Online-Recherche-Datenbank für Gestaltung und Kunst mit über 100 000 Einträgen aufgebaut. Jetzt gibt es auch einen eAudioguide, der zu ausgewählten Stücken umfangreiche Hintergrundinformationen bietet.

Mit der Wiedereröffnung des Gebäudes hat das Museum nun zwei Standorte, denn seit 2014 ist es auch im Toni-Areal zuhause, einer umgebauten Milchfabrik, umtost vom jungen Leben der Zürcher Hochschule der Künste. Das Museum nutzt die Nähe. Studenten leiten Workshops oder stellen ihre Abschlussarbeiten vor. Dozenten halten Vorträge.

Mit dem Brückenschlag geht das Haus auf die eigenen Ursprünge zurück. Nicht nur in Zürich, in ganz Europa wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts Kunstgewerbemuseen gegründet. Das Gewerbe war auf der Suche nach der guten Form - gerade auch für das industriell hergestellte Produkt. Die Museen sollten Vorbilder zeigen und die bald darauf gegründeten und daran angeschlossenen Kunstgewerbeschulen deren Entwicklungsprozesse lehren.

In London oder Wien war das nicht anders als in Zürich, nur trennten sich dort die Institutionen wieder. Das zeichnet das Museum für Gestaltung aus. Seine Sammlung, so Brändle, bestehe aus "90 Prozent Rohrkrepierern": "Uns interessiert nicht, ob etwas auf dem Markt erfolgreich ist, sondern welche Denkhaltung dahinter steht." Das knüpfe an die Frage an, die Designer, Hochschule und Museen gleichermaßen betreffe: Wie können sie mittel- bis langfristig bestehen? "Wenn wir nur das Gute und Schöne predigen, dann kommen wir nicht vorwärts. Nur wer auch mal auf die Nase fliegt, schafft das." Eine Kathedrale, wo auch an der Werkbank gearbeitet werden darf, ist der perfekte Ort dafür.

© SZ vom 06.03.2018

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