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Design:Oh, so bunt ist Afrika

Das indonesische Textildesign der holländischen Firma Vlisco hat die afrikanische Mode geprägt. Die Geschichte einer Kulturwanderung.

Von Jonathan Fischer

Die Taxis in der malischen Hauptstadt Bamako sind handbemalte Kunstwerke. Die Motive spiegeln die lokale Popkultur: Islamische Prediger, malische Sängerinnen, Porträts von Che Guevara - oder auch gestapelte Stoffballen mit dem Schriftzug "Vlisco".

Die Firma Vlisco ist ein holländischer Hersteller für Textilstoffe, der sich auf den afrikanischen Markt spezialisiert hat. In Europa kennt kaum jemand den Namen, aber fast jeder hat schon einmal ihre Designs gesehen. Modeschöpfer wie Jean Paul Gaultier und Dries van Noten haben ihre Modelle mit Vlisco-Stoffen auf den Laufsteg geschickt. Amerikanische Popstars wie Beyoncé und Rihanna ließen sich schon in den knalligen Afrika-Tüchern ablichten. In Afrika selbst gelten die Wachsstoffe wiederum nicht als Hipness-, sondern als Statussymbole. In jeder afrikanischen Großstadt sieht man das: Sie gehören zum farbenfrohen Charme der Straßen von Bamako, Dakar, Lagos und Kinshasa. Schätzungsweise 80 Prozent aller Muster auf afrikanischen Stoffen stammen von dieser einen Firma. Selbst Nelson Mandela ließ seine Hemden daraus fertigen.

Seit 160 Jahren hat die Textilfabrik ihren Sitz in der brabantischen Kleinstadt Helmond. Um das europäisch-afrikanische Pingpong zwischen kaufmännischer Mission und afrikanischer Kulturaneignung zu verstehen, muss man die Firma in Helmond besuchen. Auf dem Fabrikgelände gelten strenge Sicherheitsvorschriften: Kameras und Handys bleiben an der Pforte. Zu groß ist die Gefahr, dass neue Designs an die Konkurrenz in China gelangen - um schließlich als minderwertige Kopien zu einem Zehntel des Vlisco-Preises den afrikanischen Markt zu überschwemmen. "Das passiert leider dauernd, sobald wir eine neue Kollektion auf den Markt bringen", erklärt Hans Ouwendijk. Der CEO hat Vlisco in den letzten Jahren auf neuen Kurs gebracht: "Wir wollen nicht nur Stoffe verkaufen, sondern die führende High-EndModemarke Afrikas werden." Allein qualitativ habe Vlisco einen Vorsprung: die Stoffe mit dem "guaranteed Dutch Wax"-Siegel seien schwerer, farbechter und überdauerten mindestens 15 Jahre, während die Raubdrucke nach zweimal Waschen ausbleichten. Das mag stimmen. Aber warum will man einem armen Kontinent wie Afrika unbedingt eine Luxusmarke bescheren? "Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Wirtschaften befinden sich in Afrika", kontert Ouwendijk. "Eine Mittelschicht entsteht. Und wer dort etwas auf sich hält, trägt Vlisco."

Die Indonesier mochten die Stoffe nicht, also verkauften die Seeleute ihre Ladung unterwegs in Afrika

Vliscos Affinität zu Afrika kam auf Umwegen zustande. 1846 hatte der Unternehmer Pieter Fentener von Vlissingen die Produktion indonesischer Batikstoffe mechanisiert. Doch die industriell gefertigten Stoffe kamen bei den Indonesiern nicht so gut an wie die handgemachte lokale Konkurrenz. So verkauften die Frachter ihre Ware zum Teil schon bei den Zwischenstopps in afrikanischen Häfen. Zudem sollen afrikanische Soldaten, die Holland in Indonesien eingesetzt hatte, die Batikstoffe bei ihrer Rückkehr als Geschenke für ihre Familien mitgebracht haben und so einen Markt geschaffen haben. Von der Goldküste (dem heutigen Ghana) aus verbreitete sich die neue Mode über ganz Afrika.

Vlisco überlebte dabei alle Moden und gilt seit den 1970er-Jahren als Monopolist für "Dutch Wax prints". Im Gegensatz zur pakistanischen oder chinesischen Billig-Konkurrenz arbeitet Vlisco tatsächlich noch mit Wachs, dessen Bruchlinien die Struktur der Stoffe prägen. In den Ziegelsteinhallen der Fabrik in Helmond erledigen das 80 Jahre alte Maschinen: Bis zu drei Wochen dauert die Fertigstellung eines mehrfach überdruckten Stoffes.

In einem modernen Glasbetonbau gleich daneben residiert die Designabteilung: "Unser Erfolg beruht auf unser ständigen Anpassung an den afrikanischen Markt", sagt Designerin Marjam Degrout. "Wir müssen dazu viel über Symbole wissen. Und daran denken, dass Afrikaner sich anders als wir gerne offensiv in Szene setzen." Verschiedene Farbspektren bedienen verschiedene lokale Märkte. Die Grafik aber schöpfe einerseits aus weltweiten Quellen: Pflanzen- und Tiersymbole, indische Folklore, islamische Geometrie oder äthiopisch-koptische Kirchenkunst. Im Vlisco-Archiv mit über 350 000 Stoffmustern finden sich viele Beispiele. Aber auch der Alltag und der Status drücken sich in den Designs aus. Seit den Siebzigerjahren spiele Technik eine Rolle: Zündkerzen, Ventilatoren oder Computer seien populäre Motive. Oder der ABC-Stoff, der zu verstehen gibt, dass sein Träger lesen und schreiben kann. "Die Frauen und Händlerinnen vor Ort", sagt Degrout "sind unsere Ko-Kreatoren."

Eine dieser Händlerinnen ist Madame Neimatou. Auf dem großen Markt von Bamako betreibt die resolute Malierin das lokale Outlet von Vlisco: Ein wenig versteckt im ersten Stock eines nüchternen Geschäftshauses liegen hier die Stoffmuster aus Helmond auf hölzernen Vitrinen aus. "Ich muss meinen Laden nicht groß bewerben", sagt Neimatou, "wer etwas auf sich hält, der trägt Vlisco." Das Geschäft wirft genug für einen großen Geländewagen mit Chauffeur ab. Nicht nur hier. In Togo, wo der Handel mit Vlisco-Produkten matriarchal von der Mutter an die Tochter vererbt wird, war es eine Vlisco-Händlerin, die den ersten Mercedes im Land kaufte. Seitdem heißen die gesetzlich lizenzierten Stoffhändlerinnen dort "Mama Benz".

Die Händlerinnen vor Ort verkaufen keine fertige Kleidung, niemand will das Gleiche tragen

Heute allerdings macht Madame Neimatou wie ihren Kolleginnen die Piraterie zu schaffen. Bei ihr kostet eine Stofflage, also sechs Yards, 60 000 Francs. Das sind knapp 100 Euro - zehnmal so viel wie eine Lage chinesischer Raubkopien. "Viele meiner Kunden kaufen Vlisco als Wertanlage. Sie sammeln die Stoffe wie andere Leute Goldbarren." Wenn, dann dürfe nur ihr persönlicher Schneider mit der Schere dran. "Das ist der Unterschied zum europäischen Markt. Wir verkaufen kaum fertige Kleidung. Vielmehr hat jede Frau ihren Schneider, zu dem sie die Stoffe bringt, und der ihr etwas Einzigartiges näht. Jeder hier hat seinen eigenen Stil - niemand will das Gleiche tragen wie der Nachbar."

Auch die Verkaufskanäle in Afrika unterscheiden sich: "95 Prozent unserer Stoffe werden auf offenen Märkten verkauft. Die Großhändler beziehen sie von uns und verkaufen sie an Einzelhändler weiter." Vlisco habe zwar bereits drei Dutzend aufwendig gestaltete Flagstores in den afrikanischen Metropolen eingerichtet. Doch die hätten vor allem Image-Wert. "Unsere Stärke ist der Informationsaustausch mit unseren lokalen Händlern und Mitarbeitern." So habe Vlisco etwa die Überdachung und Beleuchtung des offenen Stoffmarktes von Kinshasa finanziert und kostenlose Schneiderakademien eingerichtet.

Die Mischung aus Afrika-Hype und westlichem Einfühlungsvermögen zieht. In den letzten fünf Jahren hat Vlisco seinen Umsatz beinahe verdoppelt. Angesichts dieser Erfolgsgeschichte lassen sich die Regierungen in Nigeria und Kongo inzwischen ganz offiziell von Vlisco beim Wiederaufbau ihrer maroden Textilindustrie beraten. Für Ouwendijk eine Win-win-Situation. Vlisco beziehe inzwischen nicht nur ein Drittel seiner Baumwolle aus Afrika. Das Unternehmen baue etwa in Nigeria auch örtliche Infrastrukturen von den Baumwollbauern über die Fabrikation der Stoffbahnen bis zum eigentlichen Textildruck auf. Dafür verzichteten die Afrikaner auf hohe Importzölle. Ouwendijk erwartet angesichts der neuen Importpolitik eine "Explosion" der Umsätze in Nigeria und Kongo.

Dass Kritiker Vlisco seines europäischen Firmensitzes wegen des "Neokolonialismus" beschuldigen, findet der CEO "lächerlich". "Wir haben in Afrika über eine Million Facebook-Fans", sagt er. "Und wir sammeln dort mehr Likes als Nike, Apple oder jedes andere Unternehmen. Die afrikanischen Konsumenten fühlen, dass ihnen unsere Marke gehört, und nicht umgekehrt."

© SZ vom 15.06.2016

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