bedeckt München 28°

Design der klassischen Moderne:Das Busenwunder vom "Bauhaus"

Eine Ausstellung in Nürnberg ist dem tschechischen Designer Ladislav Sutnar gewidmet. Der hat unter anderem die "Corporate Identity" erfunden.

Am tschechoslowakischen Nationalfeiertag, dem 28. Oktober 2001, erhielt Ladislav Sutnar von Präsident Václav Havel die Verdienstmedaille der tschechischen Republik. Leider zu spät: Er war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Vierteljahrhundert tot. Zu Lebzeiten hatte Sutnar, der aus der alten Welt vertrieben wurde, trotz mancher Rückschläge im amerikanischen Exil wieder Fuß gefasst; aus dem Gestalter von Kinderspielen, von Büchern, Zeitschriften, Plakaten, Porzellan, Geschirr und Textilien war in den USA ein Pionier des modernen Informationsdesigns geworden. Ein Idealist, der meinte, die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der modernen Informationsgesellschaft zu haben. Als die Aufträge in den sechziger Jahren spärlicher wurden, fand er zurück zur Malerei. Er schuf plakative Akte mit prallen Silikonbusen - später wurde solche Männerträume zum Markenzeichen von Tom Wesselman.

Auf einem der Firmenplakate posiert Anita Ekberg im Turntrikot mit einem Ball auf den Zehenspitzen - wohl um die Leichtigkeit und Präzision der Produkte zu symbolisieren.

(Foto: Foto: Katalog)

Das Neue Museum Nürnberg zeigt nun eine Retrospektive, die mit rund 350 Objekten das breite Spektrum dieses Gestalters abdeckt. Sie trägt den Untertitel ¸¸Designer zwischen zwei Welten". Zu Sutnars frühesten Arbeiten zählen eine Reihe von Kinderspielzeugen - einige von ihnen - Kamel, Walross, Elefant - sind in der Ausstellung zu sehen. Dafür erhielt er eine Silbermedaille auf der legendären Art-déco-Ausstellung in Paris 1925.

Noch im 19. Jahrhundert (1897) geboren, erlebte Sutnar in seiner Jugend die letzten Jahre der Donaumonarchie und 1918 die Gründung des tschechoslowakischen Staates. Kurz darauf beginnt er sein Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Prag, zur einer Zeit, als in Weimar das Bauhaus mit Walter Gropius als Direktor entsteht. Und diese Lehrstätte, die Kaderschmiede der Moderne, prägte seine Entwicklung. Sutnar identifizierte sich mit den Idealen des Bauhauses - der Interdisziplinarität zwischen Architektur, Design und Kunst. Er plädierte für die soziale Verantwortung der Künste, begriff sie als Steigerung des Handwerks. Der fünf Jahre jüngere Jan Tschichold wurde mit seinem Buch ¸¸Die neue Typographie" zum Leitbild für Sutnar. Diese ¸¸neue Typographie" äußert sich in geometrischen Formen, vereinfachten Layouts, Kleinbuchstaben, einer dramatischen Kontrastierung von Schwarz und Weiß - Sutnar verwendete Farben nur sparsam - sowie dynamischen, asymmetrischen Formen. Buchumschläge für Werke von G.B. Shaw, Upton Sinclair oder für seine eigene Publikation ¸¸nejmensi dùm" (¸¸Das Minimum Haus") illustrieren Sutnars Ansatz in der Ausstellung.

Die Tschechoslowakei war in den dreißiger Jahren das einzige Land in Europa, in dem zeitgenössische Architektur und Design staatlich gefördert wurden. Und Sutnar prägte mit seinen Entwürfen entscheidend das Erscheinungsbild der jungen Republik. Dann folgte der Neubeginn in den USA: Hier setzte er sich dafür ein, Ordnung in die Informationsflut der modernen Welt zu bringen. Kein Gegenstand war ihm zu banal. Um die Struktur des Telefonbuchs kümmerte er sich ebenso wie um das Schriftbild von Supermärkten, er schuf Orientierungssysteme, Kaufhauskataloge oder Heimwerker-Handbücher.

Noch dazu war Sutnar ein Pionier heutiger Vorstellungen von Corporate Identity: Zu seinem wichtigsten Projekt auf diesem Gebiet gehören die Entwürfe für die schwedische Firma Addo-x, die Rechen- und Büromaschinen produzierte. Auf einem der Firmenplakate posiert Anita Ekberg im Turntrikot mit einem Ball auf den Zehenspitzen - wohl um die Leichtigkeit und Präzision der Produkte zu symbolisieren.

Gemeinsam mit Buckminster Fuller entwickelte Sutnar die Vision einer drahtlosen Gesellschaft. Allerdings ereilte die beiden das Schicksal all jener, die ihrer Zeit weit voraus sind: Ihre Ideen wurden allenfalls belächelt. In seinen letzten Lebensjahren wurde es ruhig um Sutnar. Dafür häuften sich die Ehrungen. Nach seinem Tod 1976 öffneten sich die Tore so mancher Ruhmeshalle - umfassend und angemessen gewürdigt wird er jedoch erst jetzt, in dieser verdienstvollen Ausstellung.

Bis 19. September. Der Katalog (in englischer Sprache) kostet 35 Euro.

© Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.171, Dienstag, den 27. Juli 2004

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite