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Der Verlag Topalian & Milani:Überzeugungstäter

topalian milani

Gruppenbild mit Arbeiter: Rasmus Schöll (li.) und Florian L. Arnold.

(Foto: Patrick Schmidt, Ulm)

Rasmus Schöll hat in Ulm eine Buchhandlung übernommen, Florian L. Arnold dort die Literaturwoche erfunden. Gemeinsam haben sie den Verlag Topalian & Milani gegründet - und sind mit ihrem kleinen, handverlesenen Programm erfolgreich.

Am Anfang stand ein kleiner Seufzer. Der Schriftsteller Lutz Seiler, Träger des Deutschen Buchpreises, hatte ihn ausgestoßen bei einer Lesung. Und wie nebenbei bemerkt, dass sein Verlag diese Erzählung, die er da gerade präsentierte, nicht veröffentlichen wolle. Lyrik gerne, so habe ihn Suhrkamp wissen lassen, und noch lieber den nächsten großen Roman nach "Kruso". Aber keine Kurzprosa.

"Von Rom nach Hiddensee" ist dann aber dennoch erschienen, gemeinsam mit einer zweiten Geschichte, die dem Band seinen Titel gegeben hat: "Die römische Saison" - beim Verlag Topalian & Milani in Oberelchingen nahe Ulm. Das war im Juni 2016, die Verleger Florian L. Arnold, 42, und Rasmus Schöll, 32, hatten nun nicht nur einen Eintrag beim Gewerbeamt, viele kluge Ideen und einen geheimnisvollen Namen für ihre Unternehmung, sondern ein erstes Buch. Mit zwei autobiografisch geprägten Geschichten übers Scheitern: In "Von Rom nach Hiddensee" schildert Lutz Seiler, wie er in Rom in der Villa Massimo mit dem Schreiben nicht vorankommt, in "Die römische Saison", wie er in dieser Zeit vergeblich versucht, seinen Sohn in einem Fußball-Verein anzumelden.

Der Seiler-Trick hat im Jahr darauf im Übrigen noch einmal geklappt: Anna Kim hatte 2012 mit dem düsteren Roman "Anatomie einer Nacht" Erfolg, fünf Jahre später folgte der politische Südkorea-Roman "Die große Heimkehr". Ihre liebesleichten Erzählungen indessen waren nicht interessant genug für Suhrkamp. Wieder machten stattdessen Arnold und Schöll ein aufwendig gestaltetes Buch daraus: "Fingerpflanzen".

Gewinn tragen diese Titel den beiden Verlegern nicht ein - aber Prestige. Kim, Seiler, dazu Stefan Zweig sowie Arno Tauriinen sind allesamt Autoren, die aufhorchen lassen. Das und die sehr bibliophile Gestaltung der Bücher - jeder Band ist von einem professionellen Künstler illustriert, mit Farbschnitt versehen und fadengebunden - haben Arnold und Schöll das Entrée in den Markt erleichtert: Anfangs haben die beiden Literaturliebhaber ausgewählte Buchhändler persönlich kontaktiert, bald schon wurde Topalian & Milani von der Verlagsauslieferung GVA und dem Verlagsvertreter Indiebook als Kunde akzeptiert. Ein wichtiger Schritt, um tatsächlich in diejenige Nische des Literaturbetriebes vorzudringen, für die diese Bücher gemacht werden.

Rasmus Schölls eigene Buchhandlung in Ulm spielt für den Verkauf der Topalian & Milani-Titel keine wesentliche Rolle. "Wir sehen sehr deutlich, dass unsere Bücher überwiegend in München, Berlin, Köln und Frankfurt gekauft werden", sagt Schöll im ersten Stock der Buchhandlung Aegis in der Breiten Gasse, der gemütlich möbliert ist und wohin man sich zum Stöbern, Schmökern oder auch Plaudern zurückziehen kann. Der Verlag und die Buchhandlung sind in Ulm jedoch durchaus bedeutsam als eine Keimzelle für ein neu erwachendes literarisches Leben. Aufgrund der Ausrichtung der Universität sei Ulm "eine Stadt der Natur- und nicht der Geisteswissenschaften", sagt Florian L. Arnold, der ebenfalls mit am Tisch sitzt. Sie hat aber eine literarische Tradition.

Der Widerstandskämpfer Ernst Bauer hat 1946 den Aegis-Verlag gegründet und bald darauf die Buchhandlung. Gestaltet hat die Aegis-Bücher Otl Aicher, der seit 1952 mit Inge Scholl, der Schwester von Hans und Sophie Scholl, verheiratet war. Eine Gruppe engagierter Bürger, die den demokratischen Neubeginn in der Stadt vorangetrieben hat, durch die Kultur und speziell die Literatur. Ernst Bauers erster Lehrjunge als Buchhandelsgehilfe war Siegfried Unseld, der spätere Suhrkamp-Verleger. Das zweite Treffen der Gruppe 47 hat in Herrlingen bei Ulm stattgefunden.

An diese Historie wollen Arnold und Schöll anknüpfen. Bereits 2013 hat Arnold, der als Zeichner, Schriftsteller, Gestalter und Sprecher arbeitet, die Literaturwoche Ulm veranstaltet. "Sie war schauerlich besucht", erinnert er sich. Für ihn war das aber kein Grund aufzugeben, im Gegenteil: Die zweite Literaturwoche sollte mehr beachtet werden. Inzwischen ist das kleine Festival etabliert, gibt es den Verein Literatursalon Donau, dem die beiden vorstehen und der ganzjährig Lesungen veranstaltet. Das große Projekt dieses Vereins ist es, in Ulm ein Literaturhaus zu gründen.

Keine einfache Sache. Wie überhaupt sich die Dinge nur in kleinen Schritten entwickeln und die Wahrnehmung dessen, was Arnold und Schöll realisieren - etwa den Katalog für die Ausstellung über den Trickfilmer Bruce Bickford vor zwei Jahren - mitunter außerhalb Ulms größer scheint als in der Stadt selbst. Arnold und Schöll sind genervt von dem Pessimismus, der allenthalben "ins System geblasen wird", so Arnold - von Leuten, die ein Teil davon seien: "Ständig zu behaupten, es bringt nichts, eine Buchhandlung zu übernehmen oder einen Verlag zu gründen, ist falsch." Bei Topalian & Milani erscheint Literatur, die es vermag, die Welt zu erklären. Oder: Möglichkeiten, wie die Welt sein oder wohin sie sich entwickeln könnte. Deshalb der hellsichtige Stefan Zweig, der nicht nur "Die Schachnovelle" verfasst hat, sondern ein präziser Analytiker des heraufziehenden Nationalsozialismus war.

Und der Verlagsname? Topalian hieß der Großvater Arnolds, Milani derjenige Schölls. Zwei Männer von Welt.

Markt der Unabhängigen Verlage, Literaturhaus, 30.11., 11 - 19 Uhr; 1.12., 11 - 18 Uhr

© SZ vom 07.11.2019
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