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Der Roman "Archiv der verlorenen Kinder":Untiefen im Aquarium

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Valeria Luiselli lebt in New York City, ihr Leben und ihre Bildung sind kosmopolitisch.

(Foto: ddp/Opale/Leemage)

Aus der Perspektive von Kindern erzählen, ohne die Ängste der Erwachsenen auf sie zu projizieren, ist eine schwere literarische Prüfung. Valeria Luiselli besteht sie glänzend. Ein Besuch in der Bronx.

Von Birthe Mühlhoff

Von Minderjährigen erzählt die mexikanische Schriftstellerin Valeria Luiselli in ihrem Roman "Das Archiv der verlorenen Kinder", die auf der Flucht aus Lateinamerika zwischen Mexiko und den USA verloren gehen: Sie werden von Schleppern im Stich gelassen, verkauft, in der Wüste ihrem Schicksal überlassen, von Grenzpolizisten zurückgeschickt. Man könnte ohne größeres Risiko die Erzählerin des Romans, eine 33-jährige Radioreporterin, mit der Autorin identifizieren: Beide sind mexikanischer Abstammung und leben mit ihrer Tochter in New York. Lässt sich die Erfahrung unbegleiteter Jugendlicher auf der Flucht überhaupt verarbeiten, zu einem Radio-Feature etwa? Diese Frage nagt an der Erzählerin, während sie mit ihrer Familie in den Sommerurlaub Richtung Südstaaten fährt. Es liegt nahe, dass sich auch die Autorin mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Grund genug, sie in der Bronx zu besuchen.

Ein kleines Reihenhaus, aus Holz und weiß gestrichen. Anders als im gerasterten Manhattan sind die Straßen hier auf einem kleinen Hügel im Rund angelegt. Im Hintergrund ragen Wohntürme auf. Weil das Holz der Veranda knarrt, bemerkt Valeria Luiselli glücklicherweise meine Ankunft, bevor ich mir den Kopf darüber zerbreche, wo hier eine Klingel sein soll. Wir sitzen in der gemütlichen Küche, die Spülmaschine läuft, nachher bekommt sie Besuch.

Am Vortag hat Luiselli eines der begehrten, mit mehr als einer halben Million Dollar dotierten MacArthur-Stipendien bekommen. Als sie vor fünf Jahren anfing, den Roman zu schreiben, war ihre Situation prekärer. Am Einwanderungsgericht in New York arbeitete sie als ehrenamtliche Übersetzerin: "Ich wartete selbst auf meine Green Card und durfte eine Zeit lang nicht unterrichten. Das war noch während der Obama-Jahre, bevor das Thema Migration ständig auf der Tagesordnung stand, und ich war frustriert und verärgert über das, was ich sah. In dieser Stimmung wurde ich weder dem Roman gerecht noch der politischen Situation." Also schrieb sie "Tell Me How It Ends", ein Essay, das sich an dem Fragenkatalog orientiert, der asylsuchenden Kindern vorgelegt wird. Erst danach fühlte sie sich frei für den Roman: "Natürlich geht es auch in dem Roman gewissermaßen um Politik, aber er hat keinen journalistischen Anspruch. Es ist eher ein Roman über die Frage, wie wir Geschichten formen und von einer zur nächsten Generation weitertragen."

Die Welt ohne Erwachsene ist hier keine Utopie, sondern bedrohlich

Eine Familie bricht in die Sommerferien auf. Die Radioreporterin auf dem Beifahrersitz, ihr schweigsamer Lebensgefährte am Steuer, auf der Rückbank quengeln, spielen, schlafen die Kinder, die nur "der Junge" und "das Mädchen" heißen. Sie sind zehn und fünf Jahre alt und ahnen, was die Eltern über ihre Köpfe hinweg beinahe schon entschieden haben: dass dies der letzte gemeinsame Urlaub ist und die Patchworkfamilie sich danach auflösen wird. Die Reise der Familie hat kein klares Ziel, und auch die Gedanken der Erzählerin kommen zu keinem Abschluss. Der Großteil des Romans findet - wie ein Kammerspiel auf Rädern - im Auto statt, an Raststätten, in billigen Motels. Es wirkt, als wolle Valeria Luiselli die Untiefen menschlicher Schicksale ausloten, indem sie ein Aquarium als Modell aufstellt und mit einem Lineal von außen den Wasserstand abliest.

Mitten im Roman wechselt die Perspektive. Dann ist es nicht mehr die Radioreporterin, die erzählt, sondern der Sohn, der mit ihrem Aufnahmegerät seine Eindrücke des Roadtrips festhält. Er stellt sich vor, wie seine jüngere Schwester die Aufnahme anhört, wenn sie älter ist, und sich so an diese letzte gemeinsame Reise erinnert. Als sie eines Tages beschließen, wegzulaufen, um die Aufmerksamkeit der mit sich selbst beschäftigten Eltern auf sich zu lenken, beginnt ihre eigene, fantasievolle Expedition. Der Titel des Romans bekommt dadurch eine doppelte Bedeutung. Denn er beschreibt zum einen das Archiv, das die Radioreporterin über die verschwundenen Kinder anlegt. Und verweist zum anderen auf das Archiv, das die weggelaufenen Kinder selbst erstellen, das ihnen gehört.

Was geschieht, wenn Kinder auf sich allein gestellt sind? Die Welt ohne Erwachsene wird in der Jugendliteratur oft als Utopie dargestellt, in Luisellis Roman erscheint sie eher als bedrohliche Szenerie. "In Kinderbüchern geht es meiner Meinung nach weniger um Kinder als um Erwachsene, die versuchen, mit einer Sache ins Reine zu kommen", sagt sie, "mit Angst und Einsamkeit zum Beispiel. Oder die wissen wollen, wie eigentlich die Gesellschaft funktioniert." Vielleicht besitzen Kinder und Jugendliche gerade dadurch eine besondere Kraft, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. 2018 demonstrierte die damals 19-jährige Emma González nach einem Amoklauf an ihrer Schule für eine Änderung des US-amerikanischen Waffengesetzes. Mit gerade einmal 16 Jahren ist Greta Thunberg in diesem Jahr mit ihrem Klimastreik zur Ikone einer globalen Protestbewegung geworden.

"Es gibt ein Wunderkind-Narrativ", sagt Luiselli, "durch das Kindern von den Medien eine Art Freifahrtschein erteilt wird. Bei Greta Thunberg ist interessant, dass sie nicht sagt: Ich bin ein kleines Mädchen, gebt mir meine Kindheit zurück. Stattdessen lenkt sie die Aufmerksamkeit auf eine ganze Generation und besteht darauf, dass man nicht ihr, sondern den Experten, den Wissenschaftlern zuhören soll." Doch das Problem, so Luiselli, sei, dass der Protest von Kindern meist nicht zur Folge hat, Jugendlichen mehr politische Eigenständigkeit zuzuschreiben. "Auch die asylsuchenden Kinder, mit denen ich am Gericht zu tun hatte, vertreten bestimmte politische und religiöse Standpunkte. Oft sind das die Gründe, weshalb sie ihre Heimat verlassen mussten. Kinder sind unter diesen Umständen politische Flüchtlinge, aber sie werden nie als solche wahrgenommen."

Immerhin: In Deutschland wurden im Zuge der Klimaproteste auch Forderungen laut, das Wahlalter abzusenken. Da kann Luiselli nur lachen: "Das wird in den USA so schnell nicht passieren. Hier kann ein 16-Jähriger zum Militär eingezogen werden, aber wählen kann er erst ab 18. Und darauf anstoßen darf er dann mit 21."

Ihr neues Soundprojekt folgt dem Schicksal von Frauen im mexikanischen Grenzland

Valeria Luiselli machte als Autorin zuerst mit Essays und kurzen autobiografischen Reisebeschreibungen von sich reden. Als 27-Jährige veröffentlichte sie 2010 ihren ersten Essayband "Falsche Papiere", der vier Jahre später auf Deutsch erschien. Darin fasst sie ihre Beobachtungen in kurze Absätze, so als wolle sie alle Dinge nur knapp umreißen, um sich gleich etwas anderem zu widmen. Auch ihr Roman besteht aus schlaglichtartigen Szenen.

Wie die meisten ihrer Bücher hat sie ihren neuen Roman auf Spanisch verfasst, obwohl sie lange unentschlossen war: "Ich bin vor allem mit englischen Büchern aufgewachsen. Als ich eingeschult wurde, lebten meine Eltern in Korea, sie arbeiteten erst für eine Nichtregierungsorganisation, dann im diplomatischen Dienst. Wir gingen anschließend nach Südafrika, und später war ich in Indien auf einem Internat. Erst dann habe ich vier Jahre auf Spanisch Philosophie in Mexiko studiert und schließlich in New York promoviert." Dass für Luiselli das Lesen, und eine Art weltbürgerlicher Bildung, von großer Bedeutung ist, merkt man dem Roman an. Jedem Kapitel ist eine Liste mit Klassikern und geisteswissenschaftlichen Studien vorangestellt - ein literarisches Archiv, das in den Roman eingeflossen ist. "Ich war vor das Problem gestellt, wie ich über die Grausamkeiten schreiben soll, die flüchtende Kinder erleiden. Ich wollte mich auf keinen Fall der Sprache der Medien bedienen. Deshalb habe ich die Geschichte aus literarischen Episoden zusammengesetzt, der ganze Roman ist von einem Stimmengewirr erfüllt wie das Familienauto." Neben den plappernden Kindern läuft das Autoradio mit Schreckensnachrichten, dazu Hörbücher vom iPhone und das Gespräch der Eltern über ihre Tonaufnahmen.

Schlägt die Fiktion hier auf die Wirklichkeit durch? Zurzeit arbeitet Valeria Luiselli an einem neuen Projekt, bei dem sie mit Tonaufnahmen dem Schicksal von Frauen im mexikanischen Grenzland nachspüren will. Tatsächlich sei es erste Mal, dass sie an einem Soundprojekt arbeite: "Als ich den Roman geschrieben habe, hatte ich keine Ahnung davon! Ich habe das Gefühl, jedes meiner Projekte trägt mich zum nächsten." Dass der Roman oft autobiografisch gelesen werden würde, habe auch ihre 10-jährige Tochter begriffen. "Sie weiß natürlich, dass viele Begebenheiten aus dem Roman so nie geschehen sind - sie und ihr Bruder sind niemals von zu Hause weggelaufen. Aber einmal aßen wir mit meinen niederländischen Übersetzerinnen zu Mittag und meine Tochter erzählte unvermittelt einen Witz, den das Mädchen im Roman erzählt. Ich dachte: Jetzt kopiert mich schon meine Tochter! Es ist witzig, dass der Roman in dem Moment seine eigenes Thema in die Wirklichkeit eingespeist hat: Wie verquicken sich Gedächtnis und Fiktion? Wozu erzählen wir einander Geschichten?"

Luiselli sagt, sie schreibe nicht über ihr Leben, ihren Alltag, auch in ihren Essays nicht. Ihr Schreiben sei vielmehr eine Anreicherung von Alltagspartikeln. Dieses Bild ist ihr lieber als der Begriff Inspiration: "Ich höre im Bus einen Jungen seine Mutter fragen: Wer war der erste Mensch, der eine Kuh gemolken hat? Und diesen Satz lege ich dann dem Jungen im Roman in den Mund. So gesehen dokumentiere ich eher, als dass ich mir etwas ausdenke. Aber machen das nicht alle Schriftsteller so?"

Ganz am Ende des Romans, als man schon denkt, der Text drehe sich um eine Leerstelle, treffen der Junge und seine Schwester in der Wüste doch noch auf die verlorenen Kinder. Es lässt sich kaum entscheiden, ob diese Begegnung nicht einfach der Fantasie des Sohnes entspringt. "Aber es geht nicht darum, ob er die Wahrheit erzählt", sagt Luiselli. "Entscheidend ist, dass Geschichten das Fundament unserer gemeinsamen Welt bilden." Die Autolautsprecher, heißt es an einer Stelle im Archiv der verlorenen Kinder, knistern ein bisschen, "wie ein Kamin, um den wir uns versammeln".

Valeria Luiselli: Das Archiv der verlorenen Kinder. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Verlag Antje Kunstmann, München 2019. 432 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 30.11.2019
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