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"Der Leopard":Königliches Sprachkleid

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Leopard. Roman. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Piper Verlag, München 2019. 400 Seiten, 24 Euro.

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman "Der Leopard" neu übersetzt von Burkhart Kroeber.

Es ist ein großer Moment: Don Fabrizio Salina führt Angelica, die strahlende Verlobte seines Neffen Tancredi, in die palermitanische Gesellschaft ein. In den prachtvollen Sälen des Palazzo Ponteleone wird das Familienoberhaupt plötzlich von Schwermut ergriffen. Das alte Sizilien? Verloren! Die glanzvolle Haushaltsführung? Nichts als Theater! Seit der nationalen Einigung 1861 im Vorjahr versinkt die Welt, der er sich zugehörig fühlte, und der Fürst spürt Todesnähe. Doch als ihn seine zukünftige Nichte zum Walzer auffordert und er mit ihr das Parkett betritt, fallen mit jeder Drehung Jahrzehnte von seinen Schultern. Don Fabrizio sticht noch einmal seinen Neffen aus, umfasst mit seinen "Pranken" die Taille Angelicas und bewegt seinen mächtigen Körper, ganz wie der stolze Leopard auf seinem Wappen, mit kraftvoller Eleganz. Die Gäste weichen bewundernd zur Seite.

Es ist dieser weit ausgreifende Walzertakt, den auch die Neuübersetzung von Burkhart Kroeber in sich trägt. Zum ersten Mal entfaltet Tomasi di Lampedusas Roman "Der Leopard" über den Epochenbruch nach Garibaldis Eroberung der Insel den Schwung des Originals und die vibrierende untergründige Ironie. Das liegt an der Präzision auf lexikalischer Ebene, dem Sensorium für Soziolekte und vor allem an der Sorgfalt im Satzbau. Kroeber setzt Akzente, variiert die Verbstellung, arbeitet mit Inversionen, retardiert oder rafft, wodurch das Gefüge einen eigenen Rhythmus gewinnt. Denn die großartigen Tableaus Tomasis, die auf acht Kapitel verteilt sind und die Zeit zwischen 1860 und 1910 umfassen, werden mit dem erzählerischen Gestus des 19. Jahrhunderts entworfen. Zugleich durchlöchern innere Monologe immer wieder die Allwissenheit des Erzählers. Manchmal sind es Nuancen. Der näselnde Tancredi, der sich Garibaldi anschließen will, besäße eben einen jugendlichen Elan, heißt es, "überrascht zu sein war jedoch wohl erlaubt" endet der Satz, und urplötzlich landen wir im Kopf Don Fabrizios. Kroeber arbeitet das Formvollendete an Tomasis Schreibweise heraus: "Um vier Uhr nachmittags ließ der Fürst Chevalley ausrichten, er erwarte ihn nun im Arbeitszimmer. Es war dies ein vergleichsweise kleiner Raum ..." Ungleich hölzerner die Version von Giò Waeckerlin Induni, die 2004 erschienen war: "Um vier Uhr nachmittags ließ der Fürst Chevalley bestellen, dass er ihn im Arbeitszimmer erwarte. Es war ein kleiner Raum ..."

Die Übersetzung entfaltet den Schwung des Originals und seine untergründige Ironie

Bei der Unterredung wird Don Fabrizio dem piemontesischen Abgesandten Chevalley, der ihm ein Amt anträgt und den Fürsten für den Wandel Italiens gewinnen will, eine Absage erteilen. Sizilien sei nicht zu retten, stellt er fest und empfiehlt ausgerechnet Angelicas Vater für den neuen Senat. Dieser Mann, ein Emporkömmling und Prototyp eines Mafioso, soll das Vakuum füllen, das seine eigene, passive Gesellschaftsklasse hinterlassen hat. Obwohl "Der Leopard" mit Tancredis sprichwörtlichem Ausruf "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern" beginnt, erzählt Tomasi di Lampedusa vor allem vom Wandel. Der Opportunist Tancredi heiratet die schwerreiche Angelica mit ihrer appetitlichen Sahnehaut und sichert sich dadurch seine Position. Don Fabrizios eigene Tochter Concetta, die sehr viel standesgemäßer gewesen wäre, endet als alte Jungfer und Reliquiensammlerin.

Liebesgeschichte, ätzendes Gesellschaftsporträt, eine politische Analyse mit Anklängen an Machiavelli - Tomasi di Lampedusa, der seinen Roman kurz vor seinem Tod 1957 beendete und die Veröffentlichung im Jahr darauf nicht mehr erlebte, hat viel zu bieten. Dass sein Hauptwerk nun zum dritten Mal auf Deutsch erscheint, ist mehr als gerechtfertigt. Die erste, durchaus angemessene Übersetzung von Charlotte Birnbaum aus dem Jahr 1959 ist in die Jahre gekommen. Wer sie liest, fühlt sich wie in der staubigen, überladenen Wohnstube einer Großtante. Bei Birnbaum heißt es "Gesumm", wenn von mehreren Stimmen die Rede ist, was bei Kroeber zu "Gemurmel" wird. Frauen sind "füllig" statt "üppig", die Sonne "beglänzt" den Fürsten, statt einfach nur zu scheinen. Bei Waeckerlin Induni "leuchtet" sie gar.

Während Don Fabrizio bei Kroeber sich die Wange anschaulich "schabt", "rasiert" er sich bei Birnbaum nur. Waeckerlin Induni, deren Syntax insgesamt ungeordneter wirkt, verfehlt häufig das Register. Bei ihr ist anbiedernd von "Nackedeis" oder von "Gspusi" die Rede, dann aber bei schlichten Eukalyptusbäumen steif von "Eukalypten" und von "Gestade", wenn "Küste" gereicht hätte.

Besonders schön sind bei Kroeber die Wechsel zwischen wohlerzogenem Geplauder, den frivolen Bemerkungen Tancredis, den salbungsvollen Formeln des Paters und dem politischen Pathos der Einheit. Wie Walter Benjamin in seinem Aufsatz "Die Aufgabe des Übersetzers" feststellte, altert die Sprache einer Übersetzung anders und schneller als die des Originals. Mit beeindruckender philologischer Genauigkeit bildet Burkhart Kroeber Tomasi di Lampedusas sinnliche Schilderungen und kraftvollen Bilder im Deutschen nach. Er legt dem Klassiker einen neuen Königsmantel aus Sprache um, ganz wie es einem Leoparden gebührt.

© SZ vom 07.10.2019
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