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"Der Gesang der Flusskrebse":Heiß wie Wildschweinatem

North Carolina, United States

In den Weiten von North Carolina lebt Celia Owens’ Hauptfigur allein.

(Foto: Kevin Crosby/Unsplash)

Modernes Dschungelbuch: Delia Owens' Überraschungserfolg "Der Gesang der Flusskrebse" erzählt von der Wildnis North Carolinas, will aber auch Liebesgeschichte und Krimi sein.

Die angelsächsische Literatur sieht ihre Außenseiter gerne an der frischen Luft. Henry David Thoreaus "Walden", Daniel Defoes "Robinson Crusoe" oder Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" sind auch Entwicklungsromane, deren Helden sich nicht an Menschen, sondern an der Natur abarbeiten. Ihr Charakter entfaltet sich vor Meeresrauschen und Tierrudeln, ihre Eigenheiten zaust der Wind zurecht, und ihre Talente festigen sich in sicherem Abstand zur Zivilisation.

Gerade haben Dschungelbücher wieder Konjunktur und die Waisen und Wolfskinder viele Welpen. Sie heißen Daniel und Cathy und irren durch die Wälder von Fiona Mozleys "Elmet"; oder Linda, wie die Erzählerin der "Geschichte der Wölfe" (Emily Fridlund); oder "Lanny" in dem gleichnamigen Roman von Max Porter. Allesamt Kinder, die rauen familiären Bedingungen und einer unverdorbenen Landschaft ausgesetzt werden. So eine ist auch Kya aus Delia Owens "Gesang der Flusskrebse", ein überraschend erfolgreiches Debüt, das allerdings mit Lanny, Linda, Daniel und Cathy so viel zu tun hat wie "Fünf Freunde" mit Anton Reiser.

"Der Gesang der Flusskrebse" ist nicht einfach zu kategorisieren - das Buch will Entwicklungsroman und Liebesgeschichte sein, Natur Writing und obendrein auch noch Krimi. Kya ist das kleinste Geschwisterchen einer Großfamilie, die in der Marschlandschaft North Carolinas haust. Der Zerfall dieser Familie in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ist allerdings nur insofern berichtenswert, als die Autorin glaubwürdig machen muss, warum ein Kind im Grundschulalter vollkommen allein in den Marschen lebt.

Das Mädchen in der armseligen Hütte ist zunächst eine Robinson-Figur, die sich von Muscheln und Fischen ernährt, Gemüse anbaut und nach getaner Arbeit Vogelfedern, Tierzähne, Pflanzen und Bälge sammelt. Nachdem sie von einem älteren Jungen das Lesen und Schreiben anhand eines Natur-Almanachs erlernt hat, bearbeitet sie ihre Funde mit wissenschaftlicher Sorgfalt. Ihre Küche verwandelt sich in eine Wunderkammer mit akribisch beschrifteten Exponaten. Kya schläft auf der Veranda, vergisst es aber nie, vor dem Schlafengehen noch die Möwen zu füttern.

Die Autorin traut weder ihrer Figur noch der Landschaft und mitten im Idyll liegt eine Leiche

Dass die Schönheit des Mädchens noch befremdlicher ist als ihre Wildheit, daran lässt Delia Owens keinen Zweifel: "Selbst in diesem jungen Alter hatte sie das aparteste Gesicht, das er je gesehen hatte. Mit ihren großen, fast schwarzen Augen und der schmalen Nase über ebenmäßigen Lippen wirkte sie exotisch. Sie war groß und dünn und machte einen zarten, geschmeidigen Eindruck, als wäre sie vom Wind geformt worden. Doch zugleich vermittelten die jungen sehnigen Muskeln eine stille Kraft."

Die Geschichte könnte ein schwülstiger, grünstichiger Mädchentraum bleiben, zumal es auch viel um Sex und dessen Vermeidung geht, ausgepolstert mit Vogelfedern und dürren Ästchen. Die Autorin hat - so steht es im Klappentext - jahrelang als Biologin in Afrika gelebt, bevor sie nach Carolina gezogen ist. Doch mangelt es dem Buch ausgerechnet an plastischen Beschreibungen, die Natur ist Kulisse, die meisten Passagen lesen sich wie Einschübe aus dem Biologiebuch oder entfalten sich in eigenartigen Vergleichen: Es ist "heiß wie Wildschweinatem", das Mädchen hastet so schnell davon "wie ein Waschbär vom Abfalleimer", der Uhu sitzt "dick und flaumig wie ein Daunenkissen" im Baum. Deftig dampft derweil das Südstaaten-Essen auf dem Tisch, "wie Ma es gemacht hätte", also "Schwarzaugenbohnen mit roten Zwiebeln, gebratener Schinken, Maisbrot mit Grieben, in Butter und Milch gekochte Limabohnen. Warmen Brombeerkuchen mit einer süßen Buttersoße, in die etwas Bourbon" gerührt wurde.

Doch traut die Autorin wohl weder ihrer Figur noch der Landschaft wirklich, und mitten im Idyll liegt eine Leiche herum: Es ist Chase, der "bewunderte Quarterback und Frauenschwarm", Sohn reicher Geschäftsinhaber, verheiratet mit dem "hübschesten Mädchen" des Provinznests Barkley Cove, an das die Marschen angrenzen. Schnell fällt der Verdacht auf das Marschmädchen, zumal Kya jahrelang die heimliche Geliebte des Ermordeten war, bis er sie sitzen gelassen hatte.

Nun kann man sich als Leser fragen, ob solche Begriffe für Beziehungskisten eine jenseits aller moralischen Gepflogenheiten aufgewachsene Frau überhaupt berühren. Aber da sind - neben ihren Beobachtungen im Tierreich - auch die expliziteren Abschnitte des Biologiebuchs: "Der Penis des Kleinlibellen-Männchens (ist) mit einem winzigen Löffel ausgestattet, mit dem es die Spermien eines vorherigen Kontrahenten entfernt, bevor es selbst zur Tat schreitet. Kya ließ die Zeitschrift sinken. Ihre Gedanken trieben dahin wie die Wolken." Und schnell hat das Marschmädchen das Wissen auf ihre Situation übertragen: "Chase hatte sie ganz gezielt mit seinem Gerede von Heirat geködert, dann prompt mit ihr geschlafen und sie anschließend wegen einer anderen verlassen. Sie wusste aus ihren Studien, dass Männchen von einem Weibchen zum nächsten ziehen, warum also war sie auf diesen Mann hereingefallen?"

Obwohl nicht sicher ist, dass der junge Chase umgebracht wurde und nicht einfach nur von einem Leuchtturm gestürzt ist, landet das Marschmädchen im Gefängnis, wo sie stumm auf dem Bett sitzt und sich "einzelne Strähnen ihrer Haare" auszupft "wie Federn. So wie Möwen das tun". Offensichtlich ist Delia Owens in Bezug auf das Verhalten von Vögeln informierter als in der Juristerei, die Schilderung der Gerichtsverhandlung gegen Kya bleibt erratisch. Nicht einmal in den gesetzlosen Südstaaten, vermutet man, kann es so sprunghaft zugegangen sein.

Das Happy End nach ihrem Freispruch hält tatsächlich bis ans Ende ihrer Tage: "Kya fuhr in ihrem ganzen Leben nie wieder nach Barkley Cove, sondern verbrachte die meiste Zeit allein mit Tate in der Marsch. Die Leute sahen sie bloß als eine ferne Silhouette, die durch Nebel glitt, und im Laufe der Jahre wurden die Rätsel ihrer Geschichte zu einer Legende, die im Diner wieder und wieder über Buttermilchpfannkuchen und Hamburgern erzählt wurde." Und selbst wenn es in dem Mordfall noch zu einer überraschenden Wendung kommt, steuert die Geschichte auf eine unübertreffliche Schlussbemerkung zu: "Dank Tates inniger Zuneigung erkannte sie schließlich, dass menschliche Liebe mehr ist als die bizarren Paarungskämpfe der Geschöpfe in der Marsch."

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Hanserblau, Berlin 2019. 459 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 24.10.2019

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