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"Der Agent des Chaos":Sie sind hinter dir her

Der neue Thriller des italienischen Richters und Autors Giancarlo De Cataldo erzählt von der Erfindung des LSD als dunklem Experiment.

Von Bernd Graff

Es gibt einen albernen Satz, der Gänsehaut auslöst, wenn man etwas zu lange über ihn nachdenkt. "Nur weil du paranoid bist", so geht er, "heißt das ja noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind." Ein psychisches Handicap reicht nicht aus, die Möglichkeit einer tatsächlichen Verfolgung wegzuerklären.

Unangenehme Gefühle löst dieser Satz aus, weil er keinen Ausweg, keine Beruhigung mehr zulässt: Immer, wenn man meint, eine Erklärung für die obskuren Ahnungen in seiner seelischen Disposition und Befindlichkeit zu finden, trachtet womöglich eine hartnäckig hinterhältige Wirklichkeit doch tatsächlich weiterhin nach Leib und Leben.

Solche ziemlich unwirtliche, unheimliche Gefühle beschleichen einen bei der Lektüre von Giancarlo De Cataldos neuem Roman "Der Agent des Chaos". Schlimmer noch, er macht sie noch ein paar Unlustgrade unbehaglicher. Denn der Kontrast zwischen einer mutmaßlich durchschauten Oberfläche und den abgefeimten geheimen Mächten und Strippenziehern, die im Verborgenen ihre klandestinen Ziele weiter verfolgen, fällt hier noch gravierender aus.

Ein Kleindieb in Manhattan, ein begabtes Bürschchen, nicht nur als Trickser, sondern auch beim Erlernen von Sprachen, gerät in Polizeigewahrsam. Man überredet ihn, statt der Gefängnisstrafe an einem geheimen "Programm" teilzunehmen. Jaroslav sagt: "cool". Und so geschieht es völlig geräuschlos im Winter 1960.

Wer hat ein Interesse daran, die Droge im Ton der Heilsgewissheit zu feiern?

Allerdings ist das "Programm", in das dieser "Jay" einwilligt, ein medizinisches Großexperiment an Menschen, das ein Altnazi aufgesetzt hat. Bislang konnte er es nur an Meerschweinchen testen, doch die reagierten darauf, wie Meerschweinchen eben auf synthetische Drogen reagieren. Nazidoktor Kirk muss dann allerdings feststellen, dass auch Jay dieses "LSD" ganz anders wegsteckt, als von ihm erwartet. Und das wiederum macht den Jungen für die perfiden Mächte hinter Kirk noch interessanter.

Denn die psychedelische Droge wird Anfang der Sechzigerjahre in linken und liberalen Akademikerkreisen, aber auch in den Subkulturmilieus der Großstädte an der amerikanischen Westküste als "bewusstseinserweiternd" gefeiert, immer mit dem gewissen Predigerton von Heilsgewissheit. Timothy Leary, damals der Major Tom in Drogenfragen und prominentester Reiseführer für derlei "Trips", ist da noch Harvard-Professor. Könnte es womöglich sein, dass Learys LSD-Märchen bloß ein großer Schwindel zur Manipulation und Destabilisierung der politischen Linken sind und er in Wahrheit gesteuert wird von Nazischergen und dem CIA?

Giancarlo De Cataldo ist Richter in Rom. Seine Romane "Romanzo Criminale" und "Suburra" wurden Welterfolge. Das liegt daran, dass seine Thriller fast immer einen sehr kalten Hauch zu nah an der Wirklichkeit vorbeischrammen. Ist man also bloß paranoid, wenn man den "Agenten des Chaos" nun tatsächlich zu kennen glaubt? Oder sind sie wirklich hinter einem her?

Giancarlo De Cataldo: Der Agent des Chaos. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Bozen 2019. 270 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 31.10.2019

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