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Demontage des Nobelpreisträgers:Weiß man's?

Jeder muss sein Leben leben: Janning Kahnert, Maximilian Pulst und Felix Mühlen (von links) überzeugen mit Präzision.

(Foto: KONRAD FERSTERER)

Jan Philipp Gloger inszeniert in Nürnberg Peter Handkes "Kaspar" mit drei großartigen Schauspielern. Er webt Interviews des Schriftstellers in das Stück ein - und entlarvt ihn schonungslos.

Von Egbert Tholl

Die Wahrheit hat zwei Seiten. Wie die Tür. Hätte die Tür drei Seiten, die Wahrheit hätte auch drei. Diesen Gedanken entwickelt Peter Handke in seinem Stück "Kaspar", uraufgeführt 1968 in Frankfurt. Die Idee hinter dem gesamten Text ist, dass Sprache Wirklichkeit schafft. Wenn man dieses Stück heute auf die Bühne bringt, hat man einerseits immer noch die Klugheit eines Textes, der darlegt, wie Sprache Ordnung, Realität und Macht schafft. Andererseits hat man einen Autor, der sich selbst eine Wahrheit geschaffen hat, mit der viele ganz und gar nicht einverstanden sind.

Am Staatsschauspiel Nürnberg hat der Regisseur Jan Philipp Gloger das Stück nun mit stupender Präzision und drei tollen Darstellern in Szene gesetzt. Gleichzeitig hat er es mit der Diskussion um seinen Schöpfer, mit dessen Texten zu Serbien und mit dem Nobelpreis verwoben. Das Ergebnis ist leicht und aufregend genau.

Der historische Kaspar Hauser tauchte 1828 in Nürnberg auf, stammelte wenige Worte und war ein Rätsel. In seiner Vorrede schreibt Handke, das Stück "Kaspar" zeige nicht, wie es wirklich war mit Hauser, sondern was möglich sei mit jemandem. Wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden könne. Domestiziert wird. Also keine historische Wahrheit, das ist schon einmal interessant.

Nun zerren zu Beginn zwei Einsager genannte Figuren Kaspar auf die Bühne. Janning Kahnert und Maximilian Pulst traktieren Felix Mühlen vor dem Eisernen Vorhang. Er, Kaspar, soll sprechen, diesen einen Kasparsatz - bei Handke lautet er: "Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist." Kaspar lallt.

Der Kaspar trägt schmutzige Unterhosen, die anderen beiden tragen helle Anzüge. Zwei gut gewaschene Folterknechte - denn eine Sprechfolter ist dies ja -, die der armen Kreatur klar machen, dass so ein Satz Ordnung schafft, man damit andere Sätze lernen und die Dinge benennen kann. So massiv die Einsager auftreten, so skeptisch sind sie auch. Die Bühne öffnet sich, man sieht in einem Kasten einen Biedermeier-Salon, von Judith Oswald liebevoll ausgestattet. Die Einsager erkunden ihn mit größter Komik, haben Angst vor der Natur, das kann auch eine Blume in der Vase sein. Natur entzieht sich der Ordnung.

Die Zurichtungen des Kaspar gehen weiter, es folgt eine aberwitzig rasante Schulstunde - Gloger übersetzt Handkes Text in ein rhetorisches Ping-Pong-Spiel. Zwar kann Kaspar nun sprechen, redet aber blühenden Unsinn, bis er kapiert, Achtung, Analogie: "Der Hund bellt. Der Befehlshaber bellt." Gelernt hat er dies von dem Satz: "Das Tier krepiert. Die Granate krepiert. Könnte das Tier nicht krepieren, könntest du nicht sagen, die Granate krepiert."

Bruch. Cut. Lichtwechsel. Vor dem Vorhang. Maximilian Pulst verwandelt sich in Handke, lange Haare, Schnurrbart. Er verkündet am Rednerpult, es sei unwahr, dass die Verhältnisse den Tatsachen entsprechen. Janning Kahnert schlüpft durch den Vorhang, will ein Autogramm vom Nobelpreisträger und hat Bücher dabei. Nun wird's richtig lustig: "Doch, das ist von dir, ,Gerechtigkeit für Serben', hier 1996, das ist in über 20 Jahren. Und nochmal 23 Jahre später bekommst du den Nobelpreis." Kahnert zitiert aus dem Serbien-Buch, aus einem Handke-Interview. Und immer wieder geht es dabei um die Frage nach dem "tatsächlichen Wissen".

Dieser Abend ist großartig, rasant und böse. Er regt zum Denken an

Nun, wie man dieses Wissen herstellt, hat Gloger ja eben anhand von Handkes Kaspar gezeigt. Der Bühnen-Handke regt sich auf über die 50 Journalisten am Gartentor - das war nach der Bekanntgabe des Nobelpreises. Die Zeitebenen purzeln durcheinander. Schließlich ein Satz aus dem Interview, in dem Handke sagt, er nehme den Müttern von Srebrenica - also den Frauen, die ihre Söhne im Massaker verloren - ihre Trauer nicht ab.

Darauf folgt die einzige direkte Attacke Glogers, gesprochen vom Autogrammjäger: "Wie kann jemand, der dieses Stück geschrieben hat, der so genau über Macht und Sprache nachdenkt, solche Sachen sagen?" Der Aufführung folgend könnte man antworten, weil der Skeptizismus Handkes, der ihm möglich machte, die Mechanismen von Sprache und Macht in "Kaspar" aufzuzeigen, kein anderer ist als der, den er in "Gerechtigkeit für Serbien" zum Ausdruck bringt. Es ist nur ein Umschlagen desselben, Dialektik der Aufklärung.

Irgendwann sind alle drei Handke. Sie begehen das Begräbnis von Miloševic, lassen Lilien fallen, Handke-Text wird auf die Rückwand projiziert, sie suchen nach dem Handkeschen Ich, nach der Wahrheit eines Schriftstellers. Und die finden sie dann wieder bei "Kaspar", der nun endgültig hergerichtet wird wie die beiden Einsager. Eine klinisch reine Trias, die nun zu einem Kitsch-Song ansetzt. Jetzt, wenn Kaspar ins Ordnungssystem Sprache vollkommen eingespeist ist, singen sie: "Jeder muss sein Leben leben, jeder muss sein Bestes geben." Es folgen viele Verse ordnungsradikalen Bürgersinns, die Macht hat gesiegt und das Ich konstituiert. Auf ihre Art.

Das ist ein Theaterabend, der radikal zum Denken anregt und bei dem Denken Spaß macht. Er ist großartig, rasant, böse. Kaspars Resümee, lange nach dem Song: "Ich bin zum Sprechen gebracht. Ich bin in die Wirklichkeit übergeführt." Fragt sich nur, welche Wirklichkeit diese Wirklichkeit ist.

© SZ vom 05.12.2019

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