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"Demolition":Alles kurz und klein

Weil seine Schokoerdnüsse im Automaten stecken bleiben, dreht Jake Gyllenhaal komplett durch.

Von David Steinitz

Die Tragikomödie "Demolition" ist eine Emotionsstudie in Sachen Trauerarbeit, und an ihrem Anfang steht eine Übersprungshandlung. Der Protagonist des Films verliert gleich zu Beginn seine Ehefrau bei einem Autounfall - seine größte Sorge gilt danach aber einer kleinen gelben Packung mit kandierten Erdnüssen.

Im blutbefleckten Hemd steht der Investmentbanker Davis (Jake Gyllenhaal) vor dem Snackautomaten eines New Yorker Krankenhauses. Er saß auf dem Beifahrersitz, und während seine Frau am Steuer zerquetscht wurde, hat er wie durch ein Wunder überlebt. Jetzt hat Davis Hunger. Aber die verdammten M&Ms bleiben in der Spirale des Automaten hängen.

Die Sache nimmt ihn dermaßen mit, dass er sich während des Leichenschmauses für seine Gattin zurückzieht und auf teurem Briefpapier ein Schreiben an die Automatenfirma aufsetzt. Es geht ihm nicht um die vier Vierteldollarmünzen, die er ohne Gegenleistung in der Maschine versenkt hat, sondern ums Prinzip: Wenn ein hungriger Mann gerne einen Snack essen möchte und diesen auch bezahlen kann, dann sollte er ihn verflucht noch mal auch bekommen. Dass seine schöne junge Frau unter der Erde liegt, macht Davis nur insofern zu schaffen, als er sich eingestehen muss, dass sie ihm eigentlich vollkommen egal war. Er hat sie geheiratet, stimmt. Er hat auch jahrelang mit ihr in einem teuren Designerhaus zusammengelebt und geschlafen, sicherlich. Aber seinen Gefühlshaushalt ficht ihr Tod nicht an. Stattdessen möchte er sein Leben auf den Kopf stellen.

Lachen fällt dem Witwer Davis (Jake Gyllenhaal, rechts) schwer, Trauern auch - nur Zertrümmern geht ganz einfach.

(Foto: Fox)

Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée, der für sein Aids-Drama "Dallas Buyers Club" für den Oscar nominiert wurde und Reese Witherspoon in "Wild" auf Selbstfindungstrip schickte, ist in Hollywood mittlerweile der große Spezialist für Querulanten, die gegen das gesellschaftliche Normsystem revoltieren. So lustvoll wie in "Demolition" hat er den Gesellschaftsvertrag aber noch nie auseinandergehobelt: Sein Wutbürger Davis kann zwar nicht trauern, wie man es von ihm erwartet; dafür entdeckt er aber plötzlich, dass das große Glück dieser Erde im Baumarkt liegt. Die fast schon obszöne Varietät all der Hammer und Bohrer und Sägen und Kleinbagger weckt in ihm das pure Verlangen, alles zu zertrümmern, was ihm in die Finger kommt. Zum Beispiel das Büroklo im schick verglasten Wall-Street-Hochhaus, in dem sein fassungsloser Chef und Schwiegervater ihn zur Rede stellt: Warum um Gottes willen kann er nicht um die Verstorbene weinen, wie es sich für einen Witwer gehört? Stattdessen fängt Davis auch noch eine Affäre mit der Automatenfirma-Mitarbeiterin Karen (Naomi Watts) an - sie hat seine Kundenbeschwerde bearbeitet. Gegenseitig beichten sie sich die ganze Mittelmäßigkeit ihrer nordamerikanischen Lebensentwürfe und beraten, wie sie aus diesen Biografien ausbrechen könnten.

Der Drehbuchautor Bryan Sipe, der zuletzt den Roman "The Choice" von Nicholas Sparks adaptiert hat, bedient für den daraus resultierenden Emotionsrausch bekannte Aussteigermotive des Hollywoodfilms. Geistige Verwandte des Zertrümmerers Davis finden sich haufenweise im US-Kino, wo die Ideologie des amerikanischen Traums regelmäßig auseinander genommen wird - in "Falling Down" oder "American Beauty" zum Beispiel. Sprich: Der Film ist stellenweise etwas vorhersehbar. Aber wie man einen Amoklauf schließlich nach allen Regeln der Hollywoodkunst in ein zärtliches Melodram umschreibt, das nichts mehr mit M&M-Komik, sondern mit der Melancholie einer verblassten Liebe zu tun hat - das muss ihm so erst mal einer nachmachen.

Demolition, USA 2015 - Regie: Jean-Marc Vallée. Buch: Bryan Sipe. Kamera: Yves Bélanger. Mit: Jake Gyllenhaal, Naomi Watts, Chris Cooper, Heather Lind. Fox, 101 Minuten.

© SZ vom 16.06.2016

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