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Debüt von Rosie Price:Sie muss nicht stark sein

Die Post-"Me Too"-Literatur beginnt: In ihrem Debütroman "Der rote Faden" zeigt die britische Autorin Rosie Price den Umgang von zwei Frauen verschiedener Generationen mit einer Vergewaltigung.

Von Nora Noll

Schwache Frauen jammern, ohne sich zu wehren. Und leiden umso mehr. So zumindest die Moral, wenn man auf das tragische Ende der Heldinnen des klassischen Kanons blickt. Wäre Effi Briest so tief gefallen, hätte sie ihr Leben mit einem lieblosen und, zugegeben, ziemlich furchteinflößenden Mann akzeptiert? Ging Emma Bovary, nicht auch an mangelnder Resilienz zugrunde? Anna Kareninas Schicksal, bedingt durch ihre Unfähigkeit zu erdulden?

Im Umkehrschluss wird Schweigen mit Tapferkeit und Stärke gleichgesetzt. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker - eine Vorstellung, die in der Kritik an der "Me Too"-Bewegung häufig vorkam. Von "Opferfeminismus" war dann die Rede, der das Klischee der schwachen Frau nur noch verstärke. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler erkannte in ihrem Buch "Die potente Frau" stellvertretend für eine ältere Feministinnen-Generation bei "Me Too" gar die Tendenz, Frauen zu passiven "Kindsfrauen" zu degradieren. Die jüngeren "Hashtag-Feministinnen" hielten dem entgegen: Übergriffe nachträglich öffentlich zu machen sei ein Schritt hin zur Ermächtigung und raus aus dem erlernten Schuldgefühl.

Nun ist die "Me Too"-Debatte schon wieder zwei Jahre her, sexualisierte Gewalt bleibt ein Thema. Nach der medialen Aufregung ist jetzt Zeit und Ruhe genug für langsamere Auseinandersetzungen. Der Debütroman "Der rote Faden" der britischen Autorin Rosie Price lässt sich als Produkt eines Post-"Me Too"-Erzählens verstehen. Price nimmt sich viel Raum, um das Leben der Protagonistin vor und nach einer Vergewaltigung zu erzählen. Dabei berührt sie wie nebenbei den feministischen Generationenkonflikt. Aber anstatt festgefahrene Frauenbilder gegeneinander auszuspielen, hebelt der Roman die Kategorien "schwach" und "stark" aus. Übrig bleiben zwei Geschichten vom Weiterleben nach einer Vergewaltigung, die obwohl sie zeitgeschichtliche Unterschiede repräsentieren, der Unvergleichbarkeit von Traumata gerecht werden.

Der Wille anderen Frauen Verletzlichkeit vorzuwerfen, sitzt tief

Auf den ersten hundert Seiten lernen wir die Protagonistin Kate kennen, eine zurückhaltende und einfühlsame Studentin, und ihren besten Freund Max, einen Sunnyboy aus einer steinreichen Akademikerfamilie. Familieninterne Konflikte werden zum Teil etwas langatmig ausgeführt, auch lässt sich der Plot stellenweise durch allzu eindeutige Hinweise vorhersehen. Wirklich mitreißend wird es, so zynisch das klingt, nach Kates Vergewaltigung. Price schreibt sensibel und eindrücklich von Kates erster Flucht ins Schweigen, von Schuldgefühlen und Autodestruktion, und von ihrer Erleichterung, in Zara, der Mutter ihres besten Freundes, eine Verbündete zu finden, die ihre Erfahrung teilt.

Die Frage, warum sie das Erlebte in Worte fassen muss, stellt sich nicht, so existenziell ist das Reden für Kate - nicht, um Vergeltung zu erfahren, sondern um mit dem roten Filter klar zu kommen, durch den sie seit der Vergewaltigung alles wahrnimmt. Auch Zara macht eine Entwicklung durch. Im ersten Teil des Buches eine scheinbar unterkomplexe Figur, die als weise Mutter den verkorksten Männern in ihrem Umfeld psychologisch zur Seite steht, muss sie ihr Selbstbild als starke, unverletzte Frau hinterfragen. Der Wille, die eigene Vergewaltigung totzuschweigen und anderen Frauen Verletzlichkeit vorzuwerfen, sitzt tief. Price macht daraus zum Glück keine Gegenüberstellung von "gutem" und "schlechtem" Umgang mit Gewalt. Sie zeigt, wie beide Frauen, geprägt von ihrem feministischen Zeitgeist, auf unterschiedliche Art mit dem Trauma umgehen. Und sie schaut dabei genau genug hin, um Heilung nicht als linearen und irgendwann abgeschlossenen Prozess zu verkitschen.

Es tut gut, so schonungslos und einfühlsam vom Weiterleben zu lesen. Es hilft auch dabei, die Debatte um eine "richtige" feministische Reaktion auf sexualisierte Gewalt in weniger dogmatische Bahnen zu lenken. Das Bedürfnis, in den Augen Fremder nicht zum Opfer reduziert zu werden, kann neben dem Verlangen bestehen, das Erlebte anderen an den Kopf zu schmeißen. "Der rote Faden" macht diese Widersprüchlichkeiten auf schmerzhafte Weise nachvollziehbar.

© SZ vom 01.09.2020
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