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Debüt:Alle Deutschen fallen weich

Buchcover für die Literaturbeilage vom ET 9.10.2018

Annette Hess: Deutsches Haus. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 368 Seiten, 20 Euro.

Als Drehbuchautorin von "Weissensee" ist Annette Hess bekannt geworden. Jetzt erscheint ihr erster Roman.

Von Frauke Meyer-Gosau

Frankfurt am Main, Anfang der Sechzigerjahre. Im Gasthof "Deutsches Haus" schuftet dessen Besitzer und Koch, Ludwig Bruhns, im Vorweihnachtsgeschäft. Er hat es am Rücken, seine Frau Edith, die eigentlich Schauspielerin hatte werden wollen, arbeitet als Servierkraft: Gänse und Rotkohl, Schnitzel, Bratkartoffeln, Wein und Bier gehen wie nichts über die Theke, das Restaurant ist ein voller Erfolg. Die älteste Tochter Annegret, Ende 20, ist Säuglingsschwester im Krankenhaus, die jüngere, Eva, übersetzt aus dem Polnischen. Einen kleinen Nachzügler namens Stefan gibt es auch noch, zudem den betagten Dackel Purzel - eine brave deutsche Familie: arbeitsam, einander wie den Mitmenschen zugetan, einzig vom Interesse getrieben, ihren Alltag redlich zu bestehen.

Allerdings, auf Annegrets Station geht unter den Neugeborenen eine rätselhafte, lebensgefährliche Infektion um, Annegret selbst ist esssüchtig und stürzt sich in Affären mit verheirateten Männern. Während Eva liiert ist mit Jürgen, dem Sohn eines der Demenz anheimgefallenen früheren Kommunisten, den die Nazis inhaftiert und gefoltert haben. In den Nachkriegsjahren dann hat er es überraschend zum Versandhauskönig und Millionär gebracht. Just aber, als Jürgen im "Deutschen Haus" seine Aufwartung macht, um dabei womöglich um Evas Hand anzuhalten, wird sie von ihrer Agentur zu einer speziellen Arbeit gerufen: In Frankfurt bereitet der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den ersten Auschwitz-Prozess vor, Eva soll polnische Dokumente übersetzen. Später wird sie als Dolmetscherin den Prozess begleiten, Zeugen, Staatsanwälte und auch die Angeklagten kennenlernen und schließlich mit dem Gericht zu einer Tatortbegehung nach Auschwitz fahren.

Deutscher Kleinbürger-Mief und deutsche Schande also - in ihrem ersten Roman mit dem sprechenden Titel "Deutsches Haus" suggeriert die preisgekrönte TV-Serien-Autorin Annette Hess ("Weissensee", "Kudamm 56", "Kudamm 59"), dass beides eng miteinander zusammenhängt: Dass das finster beharrliche Schweigen über den persönlichen Anteil am Holocaust in der Verbindung von offensivem Spießertum und rastlosem Arbeitseifer in der Nachkriegszeit besonders haltbar hat gedeihen können.

Und weil sie für ihren Roman präzise recherchiert hat, ergeben sich hier Zeitkolorit und Atmosphäre aus den Schlagern, die im Radio geträllert werden, den Fernseh-Shows mit Peter Frankenfeld und den Beatles-Songs, die Eva Bruhns so gut gefallen. Selbstverständlich ist daneben ebenso wichtig, wer nicht nur eine Villa mit Swimmingpool in Frankfurt hat, sondern auch noch eine weitere auf Sylt, was für Kleidung die Leute tragen, und dass das Schulkind Stefan zum Geburtstag ein Luftgewehr geschenkt bekommt - er freut sich schon darauf, ein paar Spatzen abzuknallen.

Außer dem schwer auf allem lastenden Behaglichkeits-Mief und der vom Schweigezwang gespeisten unterschwelligen Aggressivität kommt durch die Protagonistin Eva allerdings noch eine andere thematische Linie in das Geschehen. An der jungen Berufstätigen lässt sich zeigen, welche Konventionen und Gesetze sie daran hindern sollen, ein eigenständiges Leben zu führen. Weil ihrem Verlobten ihre Mitarbeit im Auschwitz-Prozess nicht passt (wobei man gerade beim Sohn eines von den Nazis verfolgten Kommunisten nicht versteht, warum nicht), erscheint Jürgen ohne Evas Wissen bei deren Vorgesetztem und kündigt ihre Tätigkeit; mit den Gesetzen ist das konform. Doch Eva denkt nicht daran, sich an dieses Verbot zu halten, und das charakterisiert sie als Heldin des Romans: eine hübsche, ernsthafte und tüchtige junge Frau auf dem Weg zur Emanzipation.

Schwester Annegret, bei einem weiteren Säuglingsmord ertappt, muss den ungeliebten Oberarzt heiraten

Und als offenbar wird, dass ihre eigene Familie, ja, auch sie selbst als kleines Kind direkte Berührung mit dem Komplex Auschwitz hatte, wendet sich Eva von Vater und Mutter ab. Doch auch wenn die Autorin es offenkundig anders sehen möchte: Hier wird am Ende gar nichts gut - im Roman nicht, und mit ihm leider auch nicht. Das liegt zum einen an der Sprache, die sich selbst nie aus dem erstickenden Muff befreit, den sie nachgerade zur seelischen Befindlichkeit der Figuren selbst verdichtet: zu unentrinnbarer innerer Enge, Gefühlsblindheit und Wahrnehmungsblockade. So dass auch absurde Ungeheuerlichkeiten wie die Behauptung der unversehens als Zeugin der Verteidigung im Auschwitz-Prozess auftretenden Gastwirtsfrau, sie habe auf den ekelerregenden Leichenverbrennungs-Geruch im Lager erst von ihrer Nachbarin aufmerksam gemacht werden müssen, unwidersprochen bleiben. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr häufen sich überdies dramaturgische Brachialakte: Figuren, zu denen der Autorin nichts mehr einfällt, werden flugs entsorgt.

So verschwindet der jüdisch-kanadische Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft, der sich als Überlebender seinen ermordeten Glaubensbrüdern gegenüber schuldig fühlt, plötzlich auf Nimmerwiedersehen in den polnischen Wäldern. Schwester Annegret wiederum, auf frischer Tat bei einem weiteren Säuglings-Mordversuch ertappt, muss den ungeliebten, in sie jedoch heftig vernarrten Oberarzt heiraten und mit ihm die Stadt verlassen.

So mündet in "Deutsches Haus" alles in einem einigermaßen rigoros durchgesetzten Triumph literarischer Trivialität, in dem, siehe da, alle Deutschen dann doch weich fallen. Sogar die wackere Eva, die sich wieder mit ihrem Jürgen zusammentut und einer Zukunft als hie und da dolmetschende Millionärsgattin entgegensehen kann. "Sie nahm Jürgens Hände fest in ihre. Sie sagte, eins sei gut. 'Das Gefühl von Liebe in mir, das ist nicht totzukriegen.'" Wer das für ein Happy End hält, darf ins "Deutsche Haus" einziehen und bekommt ein Schnitzel umsonst.

© SZ vom 09.10.2018

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