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DDR: Westpakete zu Weihnachten:Ein Paket, ein Paket!

Das DDR-Versorgungssystem hatte aber so viele Löcher, dass die Gaben von Verwandten und Freunden nur manche stopfen konnten. Von Wissenschaftlern ist das alles aufgearbeitet worden. So weiß man, dass der Gesamtwert der privaten Sendungen aus dem Westen sich zum Beispiel im Jahr 1988 auf 4,3 Prozent des Einzelhandelsumsatzes belief.

Statistiken, wie sie in dem von Christian Härtel und Petra Kabus herausgegebenen Band "Das Westpaket" zu finden sind, zeigen auch, dass bei bestimmten Produkten ein Vielfaches der Menge, die laut Plan im eigenen Land produziert wurde, per Paket aus dem Westen kam. Extrem hoch sind, wieder im Jahr 1988, die Zahlen bei Kakao, Damenblusen und Strümpfen.

Wenn man von diesen im Auftrag der SED erhobenen Zahlen auch gar nichts ahnte, im Haushalt meiner Eltern waren die Pakete aus dem Westen tatsächlich eine feste Plangröße. Sie kamen von überall, manchmal von Menschen, die wir persönlich gar nicht kannten. Mein Vater pflegte viele Kontakte das ganze Jahr über mit Briefen, deren Tonlage keineswegs ins Devote kippte, die aber doch den Bedürfnissen der Familie Nachdruck verlieh. Im Ergebnis reichte der Kaffee, den wir Weihnachten auspackten, mindestens bis zum September des folgenden Jahres. Die Schokolade auch, was daran lag, dass mein Vater sie verwaltete und nach jedem Mittagessen jedem Kind nur ein Stück zuteilte.

Schlimm war es, wenn etwas Verdorbenes ankam, ganz schlimm: Apfelsinen. Blieb einem nichts übrig als zu vermuten, dass die Sendung von den "Zollorganen" bewusst zurückgehalten worden war, damit wir die Orangen aus Kuba kaufen sollten. Sie lagen wie Ladenhüter in der Kaufhalle. Kuba-Orangen waren außen grün, und ihr Inneres blieb, so lange man es auch kaute, unzermalmbar. Nachdem ein Freund erzählt hatte, sein Vater, der Chirurg war, habe schon Kinder mit Darmverschluss operiert, weil sie Kuba-Orangen hinuntergewürgt hätten, wurde bei uns die Kuba-Orange als Orange gar nicht mehr ernst genommen.

Paradies mit Lackgürtel

Am schönsten war es, wenn wir von Verwandten aufgefordert wurden, uns etwas zu wünschen. Aufgrund der rauschhaften Erfahrung beim jährlichen Auspacken waren unsere Wünsche recht detailliert. Denn man stellte sich den Westen vor wie das Paradies. Man geht in ein Geschäft. Man sagt zu einer Verkäuferin nicht: Haben Sie vielleicht oder wann kriegen Sie mal wieder? Man sagt: Mir schwebt, als Beispiel nur, eine Hose vor, deren eines Bein rot-grün kariert, deren anderes aber blau-weiß gepunktet ist, dazu ein schwarzer Lackledergürtel. Die Verkäuferin eilt los, bitte gerne, bringt nach kurzer Zeit genau die gewünschte Hose. So muss der Westen sein. Im Grunde verklärten wir als Kinder und Jugendliche den Westen nicht nur zum Paradies, wir überhöhten auch die Menschen, die dort leben durften. Der Westdeutsche bekleckerte sich nicht mit auslaufenden Milchflaschen. Er musste nicht mit durchsuppenden Quarkbatzen nach Hause rennen. Er musste nicht anstehen und roch auch besser. Er hatte Westgeld, konnte reisen und fuhr die besseren Autos. All das machte den Westdeutschen zum besseren Menschen.

Dieser Werteordnung konnten auch kleine Ausrutscher nichts anhaben. Tante K. zum Beispiel schrieb immer Mitte Oktober schon, dass die Kaltmiete wieder gestiegen sei. Auch wenn der Begriff uns nicht geläufig war, fühlten wir uns gerüstet für den Inhalt ihres Paketes. Tante K. schickte Graupen und Mehl und Nylonstrumpfhosen, denen ihre eigenen Beine und ihr Gesäß schon die rundliche Form aufgezwungen hatten. Sie schickte angebrauchte Seifenstücke, denen die Flüchtigkeit ihres hektischen Greifens noch anhaftete. Man sah es daran, dass Seife und Zellophantüte aneinander klebten, woraus ich schloss, dass Tante K. die Seife eben noch benutzt und dann in nassem Zustand in die Tüte hatte rutschen lassen. Ich sah das und hörte sie über viele hundert Kilometer zu sich selbst murmeln: Ach, macht nichts, für die Sowjetzone reicht's wohl noch.

Das schlechte Gewissen

Das aber war wirklich die Ausnahme. Den meisten Paketen sah man die Mühe an, die Liebe, vielleicht auch ein schlechtes Gewissen, weil die Packenden bei Kriegsende oder Mauerbau zufällig auf der richtigen Seite gewesen waren, und nicht im Osten, wo die Russen gesiegt hatten und: blieben. Die meisten Pakete waren eine Verausgabung. Das nun wieder beschämte den Ostdeutschen. Was hatten wir schon zu bieten, was mit dem Reichtum, der zu Weihnachten in unser Wohnzimmer kam, zu vergleichen gewesen wäre? Schallplatten mit Bach-Kantaten, Thomanerchor und Peter Schreier? Dresdner Christstollen?

Doch vieles von dem, was für uns gedacht war, erreichte uns gar nicht. Erst nach dem Fall der Mauer erfuhr man, dass die ominöse "Stelle 12" der Staatssicherheit für die Fledderungen der Westpakete zuständig gewesen war. Dass die Leute von "Stelle 12" Geld stahlen, und Schmuck und Tonbandkassetten, die dann benutzt wurden, um Abgehörtes aufzuzeichnen. Die "Stelle 12" war in allen Postämtern der DDR-Bezirksstädte präsent.

Ihre Leute müssen es auch gewesen sein, die ein Paket von Tante Rosemarie aus Düsseldorf "dem Regellauf entzogen", wie es im Jargon hieß, es "behandelten" und dann dem "Regellauf wieder zuführten". Nach der Behandlung fehlte: ein Globus. Ein Globus! Warum? War es ein Vorkriegsglobus mit den Grenzen von 1937? Undenkbar. War es ein Nachkriegsglobus, die Grenzlinie zwischen der BRD und der DDR aber zu fein und provisorisch gestrichelt? Könnte sein.

Wir schrieben eine Eingabe. Keine Antwort. Wir schrieben noch eine Eingabe, keine Antwort. Darüber fiel die Mauer, und der kleine graue Staat versank im Nichts. Zu betrauern ist einzig, dass mit ihm auch die Pakete verschwanden. Jetzt ist überall Westen.

© SZ vom 24.12.2008/rus
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