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Das Tier und wir:Das Nagetier der Herzen

Josef H. Reichholf: Das Leben der Eichhörnchen. Mit Illustrationen von Johann Brandstetter. Carl Hanser Verlag, München 2019. 223 Seiten, 20 Euro.

Eichhörnchen sind die Sympathieträger unter den Stadttieren. Doch ihre Munterkeit sollte man sich genauer anschauen, rät Josef Reichholf, denn sie ist tatsächlich ihr größtes Problem.

Wenn ein buschiger, rostroter, elegant gebogener Eichhörnchenschwanz neben einem dünnen, spärlich behaarten, schlangenhaft zuckenden Rattenschwanz liegt, ist ziemlich klar, wie die Sympathien verteilt sind (Rattenfans müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen). Vielleicht, überlegt der Evolutionsbiologe und Ökologe Josef Reichholf, verbinden Menschen mit dem fast nackten und deshalb räudig wirkenden Rattenschwanz "instinktiv Krankheit, weil räudigen Tieren die Haare ausgehen"; ein dicht behaarter Eichhörnchenschwanz signalisiert stattdessen das genaue Gegenteil. Weitere Sympathiepunkte ergattert das Eichhörnchen mit seinem rundlichen Kopf, den großen Augen und einer Munterkeit, die weder Verfettung noch zwielichtiges Hinter-der-Mülltonne-Herumlungern verträgt.

Vokabeln wie "zwielichtig" würde Reichholf wohl eher vermeiden, weil es ihm nicht ums Psychologisieren geht. Ausschlaggebend sind Ernährung, Körpergröße und -temperatur, Nestbau und Lebensräume. Zudem vergleicht er den Sympathieträger unter den Stadttieren mit anderen Nagern, mit Vögeln oder mit Menschen, um das jeweils Spezifische des Eichhörnchen-Lebensstils herauszupräparieren. Wie viel wiegt es, was frisst es, und warum flitzt es so aufgedreht durch die Gegend? Wieso hält es keinen Winterschlaf, und warum spielt es mehr als etwa Ratten oder Vögel? Wie hängen Kohlenhydrate, Fette und Proteine mit Wachstumsphasen und Lebensweisen zusammen?

Die Munterkeit, die uns so gefällt, kostet Energie, viel Energie

Wer sich bei einem populären Sachbuch über Eichhörnchen ein wenig vor Tierfabeln fürchtet, kann beruhigt sein. Hier geht es um knallharte Energiehaushaltsdebatten, und verblüffend ist, wie "Das Leben der Eichhörnchen" dabei auch Nichtbiologen fesselt. Tier-Mensch-Vergleiche bedeuten bei Reichholf vor allem: Darmlängenvergleiche. "Menschen und Eichhörnchen entsprechen einander erstaunlich gut in der relativen Darmlänge", klärt der Biologe auf, und die wiederum lässt Rückschlüsse auf den Energieaufwand für die Verdauung zu. Grob zusammengefasst. Die relative Darmlänge drückt aus, dass überschüssige Energie durch akrobatische Stunts und viel Bewegung abgearbeitet wird (Eichhörnchen) oder abgearbeitet werden sollte (Mensch).

Solche Hörnchen-Stunts - zum Beispiel ein Sprung aus der Baumkrone auf ein meterweit entferntes Haus - beschreibt Reichholf mit Liebe zum Detail: "Mit ausgebreiteten Beinen klatscht es an die Wand und verharrt einen Moment wie angeklebt. Das sieht aus, als ob ein plattgefahrenes Eichhörnchen an die Wand geworfen worden wäre. Dann schiebt es sich ruckartig empor bis zum zweiten Stock", wo es Männchen macht und einen Balkon besteigt.

"Was uns an den Eichhörnchen so gefällt, ist tatsächlich ihr größtes Problem. Die Munterkeit kostet Energie, viel Energie. All das Hüpfen, Flitzen, Klettern und Ausprobieren, wo es etwas geben könnte, leistet der Körper nicht zum Nulltarif", führt Reichholf aus. Nüsse, die Hauptnahrungsquelle der Hörnchen, bieten sich als Energielieferanten für Bewegung und Körperwärme an und enthalten zugleich Proteine, die zur Reproduktion benötigt werden. Bis genügend Proteine aufgenommen sind, entsteht ein Überschuss an Fetten und Kohlenhydraten, der in die hübsch anzuschauende Hektik übersetzt wird. Wie sehr Ernährung und Stoffwechsel das Leben bestimmen, zeigt sich dann auch bei der Spielfrage. Warum Menschen spielen, ist in der Geistesgeschichte lang und tiefgründig erörtert worden, von Johan Huizingas "Homo ludens" bis zur aktuellen Spielpsychologie; warum Tiere spielen, ist ebenfalls noch nicht letztgültig geklärt. Reichholf geht hier, auch für Laien verständlich, gewissermaßen an die ernährungsberatende Grundsubstanz: Er erklärt, "dass Tiere umso ausgiebiger spielen, je mehr sie beim Wachsen Proteine verbrauchen", und zeigt im Detail, wie sich die Zusammensetzung der Muttermilch auf Menschen-, Katzen- oder Eichhörnchenbabys auswirkt.

Aber der Biologe belässt es nicht beim Blick in die Energiehaushalte. Er vergleicht das Eichhörnchen mit seiner "Nachtausgabe", dem Siebenschläfer - und erzählt voller Begeisterung und Empathie von "Schmurksi", einem zahmen Vertreter dieser nachtaktiven Spezies. Der Winzling wurde bei Aufräumarbeiten in einem Gartenhäuschen entdeckt, mühevoll großgezogen und lebte jahrelang in der Wohnküche der Familie Reichholf. Mit seinen Kletterkunststücken verzauberte Schmurksi seine Mitbewohner; jetzt liefert er den Beweis dafür, welch hohen Stellenwert die teilnehmende Beobachtung im Tier-Mensch-Verhältnis hat.

"Tiere sind Lebewesen mit individuellen Eigenschaften, keine Objekte", hält Reichholf fest. Ein zentrales Anliegen ist ihm ein neu zu denkender Arten- und Tierschutz; die Absurditäten, die sich auf beiden Feldern ergeben, prangert er an: die Massentierhaltung, die sich immer wieder mit ökonomischen Argumenten durchsetzt, oder eine Mentalität, die "heimisch" und "fremd" unterscheidet und das amerikanische Grauhörnchen als schädlichen Eindringling bewertet. Seine Aufnahme in die Schwarze Liste der invasiven Arten wird in dieser Hörnchenkunde mit klaren Worten verurteilt: "Xenophobie".

Reichholf wirbt für Tiere, die sich in menschlichen Ballungsräumen eingerichtet haben. Tiere in der Stadt sind für ihn keine "Natur zweiter Klasse", sondern fester Bestandteil einer Umwelt, die sich ständig verändert und sowieso nicht mehr in monolithische Natur-Kultur-Blöcke aufgeteilt werden kann. Kaum ein Tier führt das so kunstvoll vor wie das Eichhörnchen, der Nager der Herzen.