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Das Hörbuch:Bloß nicht auffallen

Erwin Geschonneck berichtet vom Leben im Lager Dachau -der Rundfunk der DDR wollte dieses Stück, als es entstand, nicht ausstrahlen.

Von Tobias Lehmkuhl

Erstaunlich, das vorweg, ist an dem Feature "Widerstand und Anpassung" schon die Entstehungsgeschichte. Sie ist im Grunde eine Verhinderungsgeschichte. Der Rundfunk der DDR nämlich, für den es ursprünglich erarbeitet wurde, wollte das Feature am Ende nicht senden, zu unideologisch war offensichtlich die Herangehensweise des Regisseurs Thomas Heise.

Im Booklet der jetzt vorliegenden CD ist ein Brief von Heises damaliger Redakteurin abgedruckt, eine Stellungnahme aus der Abteilung Agitation des Zentralkomitees der SED und eine abschließende Notiz des Leiters der Hauptabteilung Funkdramatik. Welches dieser Dokumente das perfideste ist, lässt sich schwerlich sagen. Erwin Geschonneck selbst plädierte unbedingt für die Ausstrahlung des Features, auch wenn es nach Meinung der Entscheidungsträger seiner Person nicht gerecht werde: "Ich bin da ganz anderer Ansicht." Auf diese Weise ist die nun erschienene CD ebenso ein Dokument über Zensur und Propaganda in der DDR geworden wie über das Leben im Konzentrationslager.

Denn darum geht es eigentlich, um die vier Jahre, die Erwin Geschonneck, einer der bekanntesten Schauspieler der DDR, im Lager Dachau verbrachte. Geschonneck schildert, wie er einmal abkommandiert wurde, die sich über mehrere Tage hinziehende Ermordung von sechzig russischen Politkommissaren zu dokumentieren, berichtet davon, wie man sich an die Allgegenwart des Todes gewöhnt: "Wenn ich mich heute daran erinnere, an die makabere Situation, wie der abgespritzt wurde, mit Benzin, muss Benzin gewesen sein, das wirkt ja schneller als Wasser, wie?"

1943 führten die Häftlinge ein selbstgeschriebenes Spektakel um den Grafen Adolar auf

Geschonneck erzählt, immer wieder stockend, wie er als Block-Ältester unfreiwillig zu einem Teil des Drangsalierungsapparats der SS wurde. Doch Anpassung war absolut notwendig: Bloß nicht auffallen, nur so hatte man eine Chance. Zur Überlebensstrategie gehörte aber auch, das zumindest die These des Regisseurs Thomas Heise, Widerstand.

Widerstand leistete man, indem man lachte, indem man die SS zum Lachen brachte. Und dies geschah an einem denkwürdigen Abend des Jahres 1943, als Geschonneck mit einigen anderen Häftlingen neben der Dachauer Desinfektionsbaracke "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein" aufführte, ein selbstgeschriebenes Ritterspektakel, dessen Hauptfigur Graf Adolar eine Karikatur Adolf Hitlers war. Dass aber fiel nur den Häftlingen auf, nicht der SS, und so lachten die Zuschauer aus ganz unterschiedlichen Gründen.

"Die Blutnacht auf dem Schreckenstein" zieht sich als roter Faden durch dieses Feature, das scheinbar kunstlos, als Zusammenschnitt eines längeren Interviews daherkommt. Nach und nach aber merkt man, wie geschickt es gebaut ist. Wer genau hinhört, dem fallen bald die irritierenden Geräusche auf, vermeintlich Hintergrundgeräusche, von Heise äußerst dezent, aber um so wirkungsvoller eingesetzt: Zündhölzer, die angerissen werden, ratternde Eisenbahnen, Löffelklirren, das zum Stundenschlag wird, ein blechernes Scheppern, als würden Waggontüren zugezogen - eine versteckte Klangspur, die die doppelte Zeitzeugenschaft des Features und das Verhältnis von Ausgesprochenem und Unausgesprochenem in zwei Diktaturen vor Ohren führt.

Thomas Heise: Widerstand und Anpassung - Überlebensstrategie. Ein Gespräch mit dem Schauspieler Erwin Geschonneck. Chr. Links Verlag, Berlin 2016. 1 CD, 54 Min., 13 Euro.

© SZ vom 18.10.2016

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