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Das Ende des "Summer of Love":Kindergeburtstag mit LSD

In weiter Ferne, noch immer so nah: Im Oktober 1967 wurden in San Francisco der "Summer of Love" und die Hippie-Kultur zu Grabe getragen. Eine Erinnerung an blumige Kuschelkommunen, Krieg und Mörder im regenbogenfarbenen Schulbus.

Eric Burdon aus dem neblichten Newcastle empfahl damals, so lange zu sparen, bis das Geld reiche für einen Flug nach San Francisco, und Scott McKenzie aus dem weit sonnigeren Florida beriet die Ankömmlinge praktischerweise gleich in der Etikette, nämlich dass man sich dort an der Westküste ja nicht ohne Blumen im Haar blicken lassen solle.

In San Francisco, einem Vorort der Universität von Berkeley, hatten sich zehn Jahre zuvor die Beatniks herumgetrieben, hatten Allen Ginsberg und William Burroughs Ausschau gehalten nach reschen Matrosen, ahnte der unruhige Jack Kerouac noch längst nichts davon, dass seine Erlebnisse als Autostopper einmal von dem Weinbauern Francis Ford Coppola verfilmt würden, und dort dichtete Richard Brautigan seine wehen Miniaturen: "Someday / Time / will die, / and / Love / will / bury it."

Und dann kamen die Hippies. Keine Aussteiger, keine Homosexuellen, nicht mal Künstler, sondern solider Mittelstand, weiß vor allem, Wohlstandskinder, die sich über Nacht der Macht ihrer Jugend bewusst wurden. Ein Professor namens Timothy Leary propagierte, nicht ganz ohne Unterstützung der CIA, die neue Droge LSD, Musik lag in der Luft, und die Welt wurde jung. 1967 in San Francisco war ein Rausch, von dem andere nur träumen konnten.

Pillen zum Abendmahl

In Berkeley scharte ein Ex-Knacki vernachlässigte Mädchen um sich, die Blumen verdeckten, dass er vom Gefängnis her noch recht kurzgeschoren war. Manch feines Lied sang Charles Manson zur Gitarre, und eine jede seiner Maiden mochte sich als Feinsliebchen fühlen. Er laberte sie voll mit dem scientologischen Müll, den er im Knast erlernt hatte, und die Mädchen folgten ihm, als wäre er ein neuer Messias.

Wie die eher akademischen Blumenkinder wollten auch die Mitglieder der Manson-Kommune von Mutter Erde leben, ernährten sich dann aber von den Lebensmittelabfällen, die sie in den Containern der Supermärkte fanden. An hohen Festtagen teilte Manson LSD-Pillen aus und gab anschließend seinen Leib frei. Es war jedes Mal wie ein letztes Abendmahl.

San Francisco erlaubte solchen Unsinn großzügig. Hippie war die Singspiel-Version der sechziger Jahre, ein einziger großer Kindergeburtstag: buntbuntbunt sind alle meine Kleider, die Haare lang, die Luft schwer vom Rauch und dazu die Stimme von Erdmutter Grace Slick, wenn sie das Wort "Love" haucht. Ja, bitte hören Sie sich das an, und wenn's geht, gleich jetzt, indem Sie auf Youtube ihren Namen und "Somebody to love" eingeben. Großartig, oder?

Aus den Sommer-der-Liebe-Blüten sind später die Pril-Blumen geworden, vor denen die mehrfach belastete Hausfrau gleich viel fröhlicher in den Pudding seufzte. Aber das war nicht 1967, nicht der fröhliche Sommer der Anarchie. Wer nicht völlig taub ist, hört aus all dem jugendlichen Frohsinn die Paranoia heraus, die mit den Drogen kommt, und die doch berechtigt ist, weil im Hintergrund die Angst wabert. Die Angst, dass die jungen Männer, die zum ersten Mal von zu Hause fort sind, sich zart an den Händen halten und singen und rauchen und vielleicht mit dem Nächsten sich hinter die Büsche verziehen, dass die morgen schon den Einberufungsbefehl erhalten, und ab mit ihnen nach Vietnam.

In der Ausstellung zum "Summer of Love", der vor vierzig Jahren jäh erblühte und beinah ebenso schnell wieder zusammensackte, zeigte das New Yorker Whitney-Museum in den vergangenen Wochen noch einmal die Wiederkehr des Jugendstils, dieses seltsame Gebräu aus Protest und Lethargie. Es war alles wieder da: die schwer lesbare Blasenschrift, die kruscheligen Haare, die psychedelischen Farben, und sogar die Drogen schienen in der Luft zu liegen. Und doch war das alles so weit entrückt.

Aber die Oma weiß es noch, wie es war damals. Die Oma hat die Kinder mit ins Museum genommen, und die Kinder staunen. Sie folgen der Oma vor ein bunt-verschwommenes Bild, Künstler unbekannt. Es besteht in dem berühmten Foto von My Lai. Die Soldaten, die Hubschrauber sind abgezogen, nur der unbekannte Fotograf ist geblieben, der Fotograf und die Toten - Alte, Frauen und Kinder - liegen zum Abtransport aufgereiht auf einem monsunnassen Feldweg.

Ins Bild gedruckt die Frage "And babies?" mit der gleichlautenden Antwort: "And babies." Es steht nicht dabei, aber der sparsame Dialog stammt aus dem CBS-Interview mit einem der mörderischen Soldaten. Als Paul Meadlo 1969 im Fernsehen Auskunft über das Massaker gab, war er sich noch immer keiner Schuld bewusst, warum auch, Befehl ist Befehl, und darum hat er alles umgebracht, was sich rührte in dem vietnamesischen Dorf. Die Frau, die mit ihren Enkeln durch die Ausstellung geht und vielleicht an Räucherstäbchen denkt und dass auch sie gern in Woodstock dabei gewesen wäre, erkennt das Bild wieder und erinnert sich an ihr Entsetzen, als sie das Foto im Time-Magazin sah. Sie konnte den Anblick nicht ertragen. Deshalb riss sie die Toten aus und begrub sie im Garten. Die Liebe kam gar nicht nach mit dem Verschaufeln der Zeit.

Alcatraz als Nudistencamp

Das Gerücht vom sorgenfreien, vom friedliebenden, leicht beweihräucherten, quasiparadiesischen Hippie verbreitete sich im Nu um die Welt. Jeder wollte sein wie Adam und Eva in San Francisco. (Einmal wurde sogar versucht, die Gefängnisinsel Alcatraz draußen vor der Küste in eine amtlich anerkannte Nudisten-Kolonie verwandelt zu bekommen.) Die Beatles, die Rolling Stones sandten ihre Leute zum Pop-Festival in Monterey, auf dem strahlend als neuer Star Jimi Hendrix erstand.

Am 7. Oktober 1967, es ist jetzt vierzig Jahre her, feierten die Hippies von San Francisco den "Tod des Hippie". Haight-Ashbury war "Haschbury" geworden, jeder Laden führte Räucherstäbchen und Holzketten und indische Schals, und die Blumen taten, was sie doch nicht lassen konnten, sie welkten dahin.

Charles Manson hatte da mit dem Sommer der Liebe bereits abgeschlossen. Er kaufte sich einen alten Schulbus, strich ihn bunt an in allen Farben des Regenbogens und fuhr damit die Westküste auf und ab, um weitere Jüngerinnen zu finden. Im Sommer 1969, als Amerikas Jugend sich in Woodstock feierte, ließ er seine "Familie" im Drogenrausch wenigstens acht Menschen umbringen.

© SZ vom 5.10.2007
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