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Fünf Favoriten der Woche:Darth Vaders Stimme

Caravaggio in Dresden, ein Schlagzeuggenie auf Youtube, eine Graphic Novel aus Italien, ein weiblicher Contralto und ein Geburtstagsgruß an James Earl Jones

Von SZ-Autoren

Nathalie Stutzmann

Nathalie Stutzmann

(Foto: Erato)

Manchmal klingt sie wie ein veritabler Countertenor: Die Sängerin Nathalie Stutzmann bezeichnet sich selber als "Contralto"; und so heißt auch ihre neue CD mit Barockarien (Erato). Stutzmann ist - neben ihren großen Opernrollen - die technisch und klanglich perfekte Stimme des Barock. Ihr wunderbar abgedunkelter Alt kann ganz im Sinne der damaligen Musikdramatik plötzlich in hellere Klangfarben umschlagen und gerne auch in ungeahnte Tiefen vorstoßen, die den Hörer kurzzeitig wohlig erschaudern lassen. Vor allem aber birgt die Stimme selber schon einen umfassenden Charakter, der die unterschiedlichsten Rollen wie natürlich annehmen kann, und zwar sowohl weibliche als auch männliche, sofern es sich um die damals von Kastraten gesungenen Hauptpartien handelt. Ein sehr besonderes Album dieser herausragenden Musikerin, die hier auch ihr Begleitensemble leitet. Helmut Mauró

Dreimal spucken

Dreimal Spucken

Reviatis Zeichnungen gleichen oft Traumbildern.

(Foto: Davide Reviati/Avant Verlag)

Ein Dorf in Italien, Sechziger-/Siebzigerjahre. Grisou und seine Freunde schwänzen Schule, hängen rum, kiffen, spielen Billard.

Am Rand des Dorfs und ihrer Wahrnehmung leben die Stančič, eine Roma-Familie, über die nur als "Die" gesprochen wird, die reden ja nichts, die sind komisch. Und die Tochter erst, Loretta, die spinnt doch.

Cees Noteboom schrieb mal, die Erinnerung sei wie ein Hund, "der sich hinlegt, wo er will". Davide Reviati, einer der großen europäischen Comic-Künstler, springt in seiner autobiographischen Graphic Nocel "Dreimal Spucken" vor und zurück in der Zeit, er stromert durch sein eigenes frühes Leben wie durch eine weite, wilde Landschaft (Avant-Verlag. Aus dem Italienischen von Myriam Alfano. 562 Seiten, 34 Euro). Reviati, geboren 1966, zeigt das ländliche Nachkriegsitalien, Kinder, die auf dem Acker ihre wertlosen Schätze finden, die Ungewissheit, was nach der Schule kommt, die weite Sehnsucht und der enge Alltag. Man würde sich nicht wundern, wenn Elena Ferrantes Freundinnen um die Ecke bögen, so ähnlich ist die Grundatmosphäre des ruhigen und dabei so intensiven Jugendlebens; der Freundschaften, bei denen große Gefühle und schäbiger Verrat so nah beieinander liegen. Und dann immer wieder die Konflikte mit den Stančič, die so anders sind. Reviati macht daraus keine rührselig kathartische Geschichte, bei der am Ende alle Freunde werden, die Fremden bleiben fremd, und von heute aus schämt er sich für das eigene Verhalten ("Schande ist wie Rheuma, bei jedem Wetter erwischt sie einen"), aber er schaltet Kapitel dazwischen, die die Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert skizzieren, die Verfolgung durch die Nazis und, im Falle der Stančič, dazu eine Geschichte der Vertreibung aus Titos Jugoslawien. Oder die Geschichte der großartigen Dichterin Bronisława Wajs, deren Texte von der polnischen Regierung für ihre brutale Ansiedlungspolitik missbraucht wurden. Weshalb ihre eigenen Leute Wajs verstießen, woraufhin sie für immer verstummte.

Reviati lässt sich Zeit, gerade deshalb ist da Raum für Zwischentöne, Stimmungen, Kneipenerlebnisse. Seine großartigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen erinnern oft an Skizzen, die trügerischen Erinnerungen werden durch Schraffurnebel nur umso intensiver. Alex Rühle

Caravaggio in Dresden

"Caravaggio. Das Menschliche und das Göttliche", ein Saal in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden

(Foto: David Pinzer/SKD)

Ein Superstar des frühen 17. Jahrhunderts, Maler der Kardinäle, Günstling des Adels! Michelangelo Merisi da Caravaggio brachte einen lichtprallen Realismus in den Frühbarock, der für die Künstlerkollegen schockierend neu war. Schon zu seinen Lebzeiten reisten sie aus Europa nach Rom und Neapel, um die Werke des lombardischen Malers zu studieren. Die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dokumentiert genau dies: Caravaggios phänomenale Wirkung auf die Kunst. Ausgehend von seinem Gemälde "Johannes der Täufer" (1602) zeigt man im "Zwinger", aber auch in virtuellen, kostenlosen, geführten Live-Rundgängen (Gemaeldegalerie.skd.museum, eine Führung dauert 45 Minuten) mehr als 50 Werke, die Caravaggios weitreichenden Einfluss auf Künstler aller Generationen und Nationen belegen. Bernd Graff

Darth Vaders Stimme - James Earl Jones wird 90

Cecilia Hart, James Earl Jones

Großes Understatement: Der Schauspieler James Earl Jones.

(Foto: Charles Sykes/Charles Sykes/Invision/AP)

Es ist ja selten möglich, von der Stimme auf den Menschen zu schließen und umgekehrt. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der ewig schlecht gelaunte Arno Schmidt eine sehr angenehme, geradezu radiotaugliche Stimme hatte? Oder dass sich hinter der Stimme eines der fiesesten Filmbösewichte überhaupt - Darth Vader aus "Star Wars" - ein so sympathischer Mensch wie James Earl Jones verbirgt? Der leiht dem dunklen Lord seit dem ersten Film von 1977 im englischen Original seine finstere Stimme. Die Rolle ist mit Abstand seine größte, und das obwohl er am Anfang gar nicht als Schauspieler dafür genannt werden wollte - für ihn waren das nur Special Effects. Erst beim dritten Film und inzwischen bei den Neuauflagen wird er auch im Abspann genannt. Sonst hätte man ja auch den Special Effects irgendwie Unrecht getan.

Dieses Understatement zieht sich durch seine ganze Karriere, von der ersten Rolle als Crewmitglied in Stanley Kubricks "Dr. Strangelove" bis zum CIA-Direktor Admiral James Greer in den Anfang der Neunziger so beliebten Tom-Clancy-Romanverfilmungen und dazwischen immer wieder in Erzähler- und Sprechrollen. Kaum zu glauben, aber hinter Darth Vader und dem gütigen Mufasa aus "König der Löwen" steckt dieselbe Person. Im Kino sind es meistens Nebenrollen, in denen James Earl Jones zu sehen ist. Den großen Stars wie Harrison Ford in "Das Kartell" spielt er dann die Bälle so souverän zu, dass klar ist, er könne den Film notfalls auch allein tragen. Macht er im Theater auch regelmäßig, in Shakespeare-Stücken genauso wie am Broadway. Aber große Auftritte sind nicht sein Ding und selbst wenn er mal die Hauptrolle spielt, sind es trotzdem immer ruhige und nachdenkliche Rollen, in denen sich der große Mann wohlzufühlen scheint.

In einem Interview erzählte er übrigens, er habe seine Darth-Vader-Stimme nur ein einziges Mal als Scherz eingesetzt, denn eigentlich habe er auch ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu seiner Stimme, die ihn als Stotterer oft im Stich gelassen habe. James Earl Jones, einer der größten und zugleich bescheidensten Schauspieler Hollywoods, wird am Sonntag 90 Jahre alt. Nicolas Freund

JD Beck

Nach der Beat- und Bass-Revolution des Mainstream-Pop seit Beginn der Nullerjahre durch die Ideen von Produzenten wie Timbaland und Missy Elliott und Musikern wie D'Angelo und Questlove gilt ja besonders für Drummer, dass ein Fehler nur dann einer ist, wenn man ihn nicht sofort wiederholen kann. Und dann noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Betont stolpernde und gebrochene Rhythmen sind seither allgegenwärtig, sogenannte Drunk Beats, die in irrsten Kombinationen um die Taktschläge herumwabern, die ein Metronom anzeigen würde, mal zu früh, dann wieder zu spät, Hauptsache niemals "Four-to-the-Floor", also geradeaus im Viervierteltakt. Einer neuer, ganz junger Großmeister dieser Kunst ist jetzt auf Youtube zu bestaunen: der aus Dallas stammende, erst 17-jährige Drummer JD Beck. Man sehe und höre allein das Video, das er gerade zu Ehren des kürzlich verstorbenen Avantgarde-Hip-Hop-Pioniers MF Doom aufgenommen hat! Jens-Christian Rabe

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