Daniel Kehlmanns neues Buch "Ruhm" Sudoku ist kein Roman

Es ist auf bemerkenswerte Weise misslungen. Denn es offenbart, erstens, eine Schwäche dieses Autors, seine Grenze: Er kann keine Figuren erfinden, die ihrem Autor ernsthaften Widerstand entgegensetzen, die ihm gegenüber Geheimnisse bewahren, die er nicht auflösen könnte. Und es gründet, zweitens, seine erzählerische Dramaturgie auf eine Theorie, die es sich mit ihrem Gegenstand, den modernen Kommunikationstechnologien, allzu einfach macht.

Beginnen wir mit dieser unausgereiften Theorie. Sie herrscht schon in der ersten Geschichte, "Stimmen", in der sich ein Techniker widerwillig, weil alle seine Unerreichbarkeit beklagen, ein Mobiltelefon zulegt und irrtümlich eine Nummer zugeteilt bekommt, die einem berühmten Filmschauspieler gehört. Die Theorie behauptet, dass Handys als Agenten der Ortlosigkeit, der Anonymisierung und der Begünstigung des Identitätsverlustes wirken. Flugs wird so der Techniker, weil ihm Kehlmann eine Stimmenähnlichkeit mit dem Schauspieler zugeschrieben hat, zum Doppelgänger seiner selbst, der in das Leben des Filmstars eingreift, dessen aktuelle Affäre ruiniert, wichtige Termine storniert, einen weniger erfolglosen Kollegen in den Selbstmord treibt.

In der Komplementärgeschichte "Der Ausweg" wird dann der Schauspieler, der plötzlich keine Anrufe mehr erhält, dazu getrieben, anonym als Double seiner selbst aufzutreten, bis aus dem Spiel mit dem Verschwinden ungewollt ernst wird und ihm der Rückweg in seine Starexistenz versperrt ist.

Das läuft wie geschmiert und liest sich schnell weg, aber nur scheinbar zwanglos gehen in diesen ausgeklügelten Geschichten die alten, romantischen Gespenster der Selbstverdoppelung aus der modernen Technik hervor. Denn diese Technik ist, wie nicht nur besorgte Eltern wissen, die ihre Kinder per Handy-Ortung überwachen, ebenso sehr ein Instrument der Identifizierung, der Lokalisierung und Kontrolle wie der Verleugnung und Maskierung der Identität. Spannend werden Geschichten, wie sie Kehlmann wohl vorgeschwebt haben, erst dann, wenn sie diese widerstreitenden Energien gegeneinander antreten und sich in die Quere kommen lassen.

"Wie lange kann so etwas gut gehen?", fragt sich in der Erzählung "Wie ich log und starb" der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma (es ist natürlich die Abteilung, die für die Vergabe der Schauspieler-Nummer an den Techniker verantwortlich ist), nachdem sein Doppelleben zwischen Ehefrau und Geliebter schon seit Monaten unentdeckt ist: "Wie ging das eigentlich früher vor sich? Wie log und betrog man, wie hatte man Affären, wie stahl man sich fort und manipulierte und richtete seine Heimlichkeiten ein ohne die Hilfe hochverfeinerter Technologien?"

Kehlmann hat dieser schlichten Frage des Abteilungsleiters, der das Produkt, das er verkauft, anstaunt, ohne es zu verstehen, in seiner Plotentwicklung wenig voraus. Damit, dass die Technologien der Überwachung und des Misstrauens denen denen des Lügens und Täuschens ebenbürtig sein könnten, rechnet er nicht. Stattdessen erfindet er dem fremdgehenden Abteilungsleiter eine Ehefrau und eine Geliebte, die beide in komischer Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit brillieren. Logische, oder wie hier: logistische Unstimmigkeiten und Flachheiten können sich große Romane locker erlauben. Sie verstimmen aber in Büchern wie diesen, eben weil sie die Logistik, der sie folgen, so ostentativ hervorkehren.

Eine Figur setzt sich in einen Zug und landet in einem Tunnel, der die Form eines Albtraums annimmt. Mit diesem Dürrenmatt-Modell schickt Kehlmann seine Figuren gern ins Unheil. In der Geschichte "Osten", in der eine prominente Kriminalromanschriftstellerin in einem fernen asiatischen Land verschollen geht, nachdem der Akku ihres Handys ausgefallen ist, beherzigt er zudem den Rat Dürrenmatts, eine Geschichte sei erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wem gelingt, was Kehlmann misslingt.