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Vom Autor von "Robinson Crusoe":Am Luna-Pranger

Die "Andere Bibliothek" bringt ein verschollenes Buch von Daniel Defoe: "Der Consolidator" erzählt von einer Mondreise und ist eine Satire über das englische Parlament.

Jeder (das schließt buch- und bildungsferne Schichten ein) kennt den Robinson Crusoe, die Geschichte des Schiffbrüchigen, der ganz allein auf sich gestellt eine komplette Zivilisation erschafft; und die meisten sind auch noch im Bilde, dass sein Verfasser Daniel Defoe hieß. Doch wer wüsste darüber hinaus irgendetwas über den Autor? Dabei war er einer der fruchtbarsten Schriftsteller seiner Zeit, der Hunderte von Titeln verfasste, und dazu Kaufmann, Politiker, Bankrotteur, Spion, wurde steckbrieflich gesucht, saß im Gefängnis und stand am Pranger - aber die Anprangerung, als Schandstrafe für ein allzu freches Pamphlet verhängt, verwandelte sich in Triumph, als das Volk seine Partei ergriff, ihn statt mit faulen Fischen, wie sonst üblich, mit Blumenkränzen bewarf und ihn hochleben ließ. (So wenigstens will es die Legende.) Von so einem Autor würde man gern mehr lesen.

Die Andere Bibliothek, seit Langem auf schöne Editionen entlegener Bücher geeicht, hat nun ein besonders verschollenes Werk des Briten ans Licht befördert, eines, das selbst in der Originalsprache mehr als hundert Jahre lang nicht zu greifen war und nun offenbar das erste Mal auf Deutsch erscheint; übersetzt, ediert und kommentiert, also eigentlich hierzulande als Buch zur Welt gebracht hat es Rolf Schönlau. Es trägt den zeittypisch umständlichen Titel "Der Consolidator oder Erinnerungen an allerlei Vorgänge aus der Welt des Mondes". Mit einer Art grausamtenem Maulwurfspelz bezogen, liegt es wunderbar in der Hand, und so befriedigend schwer, wie das eben nur bei der Anderen Bibliothek der Fall ist.

Der Mond als Gegenwelt zur Erde und die fantastische Reise, die zu ihm hinführt, das hatte damals schon eine gewisse Tradition; Schönlaus Nachwort zählt die Vorläufer auf, vom antiken Satiriker Lukian über den "Rasenden Roland" Ariosts in der Renaissance bis zu Cyrano de Bergerac und einigen heute vergessenen Engländern. Wer vom Mond spricht, diesem uns nächsten und selbst mit bloßem Auge bis in seine Details kenntlichen Himmelskörper, der sagt in Wahrheit etwas über die Erde; will es aber nicht gesagt haben, da er doch den Transfer vollzieht; und hofft, auf diese letztlich ziemlich transparente Weise die irdischen Autoritäten zu äffen.

Den Himmel über London bevölkerte Daniel Defoe mit politischer Satire. 1748 erläuterte das „Universal Magazine“ dem Publikum, wie bei einer „Eclipse“ der Mond die Sonne ganz oder teilweise verdeckt.

(Foto: mauritius images)

Bei Defoe sieht das so aus: Ein recht plumpes Raumschiff, genannt der Consolidator, steigt Richtung Mond in den Himmel auf, beflügelt von 513 exakt identischen Federn, 256 links und 256 rechts, sowie einer Steuerfeder in der Mitte. Diese präzisen Angaben verschafften den Zeitgenossen die befriedigende Gewissheit, dass hier eine Satire auf das britische Unterhaus mit seinen 513 Abgeordneten einschließlich Parlamentspräsident vorlag. Was das Verständnis damals beschwingte, erschwert es freilich in der Gegenwart. Ohne Anmerkungen erschließt sich dem Leser die satirische Allegorie nicht mehr.

Damit hat das Buch schwer zu kämpfen. Defoe, engagierter Bürger, der er war, steckt bis über beide Ohren in den um 1700 aktuellen Debatten und Streitereien. Er bezieht dabei durchgängig die Position des Missvergnügten, der mit sarkastischer Präzision alle Schurkerei und Heuchelei durchleuchtet. Aber es ist heute fast unmöglich, ihm in diese komplexen Windungen hineinzufolgen. Schönlaus Kommentare tun hier ihr Möglichstes. Doch dieser Wust aus Namen, religiösen Strömungen, politischen Intrigen schlägt über dem Haupt des Lesers zusammen und lässt ihn ratlos zurück.

Man versteht Defoe sehr gut, wenn er nach der Erfahrung des Prangers (mit Blumen oder ohne) einem weiteren Prozess wegen "seditious libel", aufrührerischer Verleumdung also, aus dem Weg gehen wollte. Er wird gerade eben so deutlich, dass sein Publikum ihn begriff, und bleibt undeutlich genug, um der Strafverfolgung ein Schnippchen zu schlagen. Eine literarische Qualität ist das nicht. Seiner Transponierung englischer in lunare Verhältnisse muss man eine gewisse ermüdende Mechanik bescheinigen. Die Anglikaner werden zu "Solunariern", die Katholiken zu "Abrogatziern", die Dissenter (Protestanten, die sich von der Staatskirche distanzierten und denen Defoe selbst nahestand) zu "Crolianern". Und gerade so wie auf der Erde finden die englische Glorious Revolution, der Spanische Erbfolgekrieg und überhaupt alles in striktester Parallelität statt. Defoes Buch ist sicherlich eine unvergleichliche Quelle; aber ist es im engeren Sinn ein Buch?

Daniel Defoe: Der Consolidator oder Erinnerungen an allerlei Vorgänge aus der Welt des Mondes. Aus dem Englischen übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Rolf Schönlau. Die Andere Bibliothek, Berlin 2018. 299 Seiten, 42 Euro.

Wenn, dann jedenfalls ein ziemlich schlampig komponiertes. Aus dem Mond als Schauplatz macht Defoe gar nichts. Als satirischen Gegenpol zu Europa baut er zunächst China auf (das damals, im frühen 18. Jahrhundert, auf seinem imperialen und zivilisatorischen Höhepunkt stand), vergisst das aber unterwegs, und dann erst fällt ihm der Mond ein. Auch die Optik blühte damals, Mikroskop und Teleskop standen zur Verfügung und verblüfften das Publikum. Defoe denkt sich entsprechende Instrumente aus, mit denen man moralische Qualitäten lupenrein selbst aus großem Abstand erkennen kann. Das ist ein Scherz von mäßiger Tragweite. Den Schluss bildet ein imaginärer Bibliotheks-katalog, dessen satirisches Ziel nicht einmal der bewanderte Übersetzer und Kommentator Schönlau in jedem Fall hat dingfest machen können.

Defoe hielt nicht viel von seinem Kollegen und Zeitgenossen Jonathan Swift. Doch haben die beiden unverkennbare Ähnlichkeiten: Sie stürzten sich ins Getümmel der Politik, griffen zur Satire, eckten an - und von beiden hat im Wesentlichen nur je ein Buch überlebt, das von einer Seereise handelt, welche im Schiffbruch endet. Bei Swift waren es "Gullivers Reisen". Darin spottet auch er über die verbissene Pedanterie der religiösen Gegensätze. Doch er tut es, ohne sie sklavisch nachzuzeichnen, sondern fasst sie insgesamt in einen Einfall von bezwingender Komik. Die Zwergenreiche Liliput und Blefuscu lässt er einen Krieg darum führen, ob man die Eier oben oder unten aufschlagen soll. Diese erfrischende Art von Perspektive fehlt Daniel Defoe leider völlig.