Roman "Die nicht sterben":Ein Vampir, ein Fürst und ein Diktator gehen in eine Bar

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Ironie und Enthaltsamkeit sind zwei Problemthemen des Vampir-Genres. Hier Bela Lugosi als der berühmteste "Dracula" (1931).

(Foto: Colin Slater/imago/Hollywood Photo Archive)

Dana Grigorceas Rumänien-Roman "Die nicht sterben" ertrinkt in den Klischees, die er eigentlich überwinden will.

Von Lothar Müller

An Fledermäusen herrscht kein Mangel in diesem Roman. Auch nicht an Grüften mit schauerlich zugerichteten Toten, aus deren Augenhöhlen Fliegen schwirren. Aber wenn die Ich-Erzählerin nächtens über den Friedhof streicht, summt sie unwillkürlich den Ohrwurm aus der Operette "Die Fledermaus" vor sich hin. "Ja, sehr komisch, hahaha, / Ist die Sache, hahaha. / Drum verzeihn Sie, hahaha / Wenn ich lache, hahaha!"

Die Schweizer Schriftstellerin Dana Grigorcea, geboren 1979 in Bukarest und dort aufgewachsen, hat ihren neuen Roman "Die nicht sterben" in der kleinen Ortschaft B. in der Walachei angesiedelt, "südlich von Transsilvanien gelegen, am Fuß der Karpaten". Das ist zwar eine Region, die sich im Atlas finden lässt, vor allem aber die literarische Heimat der Vampire, die "immer neue Opfer suchen und so die Übel der Welt ins Ungemessene vermehren".

So steht es in den Sätzen aus Bram Stokers Roman "Dracula", die diesem Roman als Motto dienen. Die nicht sterben, das sind die Volksmythen längst vergangener Jahrhunderte, zu deren fortwährender Vitalität in der Moderne alte Künste wie die Literatur beitragen und jüngere wie der Film, spätestens seit "Dracula" Bela Lugosi weltberühmt gemacht hat. Sie haben dabei das Schauerliche in Anführungszeichen entdeckt, die Nähe der Untoten zum Hahaha, die bizarren Halleffekte in den Grüften.

Der Roman will den rumänischen Folklorismus zerpflücken und neu zusammensetzen

Die Ich-Erzählerin in diesem Roman hat in dem kleinen Ort B. in der Walachei mit ihrer Bukarester Familie die Sommermonate der Kindheit verbracht, in einer zwangsverstaatlichten Villa, zu der Zeit, als Nicolae Ceaușescu den Part des Volksaussaugers gab. Sie ist Malerin, in Paris ausgebildet, bestens vertraut mit der Bilderwelt der heimischen Folklore, die nach 1989/90 aufblüht. Ihre Abschlussarbeit an der Akademie, die Tuschezeichnung "Mensch im Ziegenkostüm", war eine Variation über den traditionellen Ziegentanz zur Vertreibung böser Geister. Als erst Ungarn, dann Rumänien Mitglied der EU wird, kehrt sie in die Karpatenwelt ihrer Kindheit zurück. Ihre Großtante Margot, nunmehr Gastgeberin in der rückerstatteten Villa, empfiehlt ihr, dauerhaft auf die rumänische Folklore zu setzen. Das tut sie auch, aber anders als empfohlen: "nicht mit der Überhöhung arbeitend, sondern mit dekonstruktivistischer Verve, manchmal sogar mit karikaturalem Zugriff".

In das Programm der Malerin hat Dana Grigorcea das Konzept ihres Romans eingezeichnet. "Dekonstruktivistisch" heißt hier Zerlegung des Dracula-Stoffes und Verwirbelung der Einzelteile, "karikaturaler Zugriff" meint die zeithistorische Aufladung mit den Untoten der postkommunistischen Gegenwart. Sie entstammen, wie der Bürgermeister von B., der Welt vor 1989 und treiben immer noch ihr Unwesen, zweigen EU-Gelder für ihre Vergnügungsressorts ab, geben die Macht an ihre Söhne weiter, während ganze Familien den Ort verlassen und ihr Glück in Italien oder Spanien versuchen.

In ihren Adern fließt das Blut des finsteren Fürsten Vlad des Pfählers

Schon immer unterhielt die Macht gute Verbindungen zur Folklore, noch aus der Administration des Dracula Ceaușescu stammt der Plan eines "Dracula-Parks" in B. Der wird nun wiederbelebt, inklusive Versicherungsbetrug, und die Ich-Erzählerin ist dabei weit mehr als nur Berichterstatterin. In der Gruft ihrer Familie wird das Grab von Vlad dem Pfähler lokalisiert, und daraus ergibt sich mit einer gewissen Folgerichtigkeit, dass in ihren Adern das Blut des Fürsten fließt.

Mit hoher Umdrehungsgeschwindigkeit setzt Dana Grigorcea ihren dekonstruktiven Mixer in Bewegung. Während die Malerin die amerikanischen Touristen im "Dracula Style" porträtiert, erteilt sie ihnen einen kleinen historischen Nachhilfekurs über die Gestalt des Fürsten der Walachei, über Vlad den Pfähler als Herrscherfigur zwischen ungarischem Großreich und dem Reich der Osmanen. Für seine grausame Pfählungstechnik hat sie eine wiederkehrende Formel: der Pfahl, der durch die Körper der Opfer getrieben wird, ist "das kalte Rückgrat für jene ohne Rückgrat". In dieser Formel verdichtet sich die Satire auf den Postkommunismus, als "Rache der Gerechten" kommt die Nachfahrin des Fürsten über die lokalen Machthaber, die zu Zeiten Ceaușescus den Fürsten als Vorläufer des "Nationalkommunismus" entdeckten.

Plötzlich kommen Vampire ins Spiel, doch es bleibt nicht bei peinvoller Enthaltsamkeit

Zur Rächerin der verratenen Gerechten kann die Erzählerin nur werden, weil Dana Grigorcea sie ihrerseits in eine Figur der Folklore verwandelt. Neben dem Pfahl, dem Instrument der Grausamkeit, Macht und Gewalt, holt sie dafür das zweite Requisit der Dracula-Erzählung aus dem Fundus, den Biss des Vampirs. Er weckt in der Malerin die Nachfahrin des Fürsten der Walachei. Mit dem Biss, der nächtlichen Verwandlung und Ekstase, begibt sich Dana Grigorcea auf das Terrain von Stephenie Meyer und ihrer Vampirromane.

Großtante Margot, liebevoll Mamargot genannt, liest zur Auffrischung ihres Englisch im Garten der Villa einen Roman der "Twilight"-Tetralogie, die dadurch zu einem O-Ton-Auftritt kommt: ",And so the lion fell in love with the lamb', he murmured. I looked away, hiding my eyes as I thrilled to the word." Es bleibt jedoch, was die Ich-Erzählerin und ihren nächtlichen Besucher im schwarzen Umhang betrifft, nicht bei der "peinvollen Enthaltsamkeit" zwischen dem schönen Vampir und der jungen Frau.

Roman "Die nicht sterben": Dana Grigorcea: Die nicht sterben. Roman. Penguin-Verlag, München 2021. 264 Seiten, 22 Euro.

Dana Grigorcea: Die nicht sterben. Roman. Penguin-Verlag, München 2021. 264 Seiten, 22 Euro.

Dana Grigorceas Roman hat dem Bestseller das Lokalkolorit voraus, die zeithistorische Karikatur. Sehr großen Biss hat die aber nicht. Die Harmlosigkeit der "dekonstruktiven Karikatur" entspringt dem Sprachklima des Romans, der es darauf angelegt hat, die Folklore dem Bündnis mit der Macht zu entziehen. Das gelingt ihm im Laufe der Handlung so ungefährdet wie der Erzählerin ihr Sieg beim nächtlichen Flutlicht-Tennis über den Sohn des korrupten Bürgermeisters. Aber scharfe Zähne hat diese Prosa nicht, vor allem dort nicht, wo er die Geschichte der Verwandlung seiner Heldin in eine Schreckensgestalt erzählt, die wie ihre männlichen Vorgänger kein Spiegelbild hat.

Kein dekonstruktivistischer Furor treibt die Sprache der Vampirflüge an, die Endlosschleife eines Hits der Ace of Base, den die Malerin aus den Neunzigerjahren noch im Ohr hat, findet kein aktuelles Echo, es bleibt beim Spiel mit der künstlichen Patina alter Schauergeschichten, der augenzwinkernden Parodie verblichener Sprachregister. "Ein Jauchzen stieg aus aller Munde", "Ich bedeutete ihm zu schweigen", und dann und wann ertönt "ein gellender Schrei, der nichts Menschliches an sich hatte", oder "der süße Odem sterbender Blumen" weht heran.

Es gibt im Roman eine Figur, eine Hausangestellte, in der sich der Volksaberglaube verdichtet. Sie begleitet die Erzählerin bis in die eher matte Schlussszene hinein. Ob die Dracula-Gestalt im sprachlichen Retrodesign die Dämonen des Postkommunismus dauerhaft zur Strecke bringt, bleibt fraglich. Wahrscheinlich sind sie eher in Untote verwandelt, die nicht sterben können.

© SZ/fxs
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