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Damo Suzuki:"Irgendetwas machen"

Kenji Suzuki wurde 1950 in Japan geboren und unter dem Namen Damo Suzuki als Teil der deutschen Avantgarde-Pop-Band „Can“ bekannt, deren Sänger er von 1970 bis 1973 war. Er lebt heute in Köln.

(Foto: Mauritius)

Der Sänger über seine Zeit mit der legendären Band "Can" und die Improvisation als demokratischste aller Künste.

Als Damo Suzuki vor Kurzem im Rahmen seines musikalischen Improvisations-Projekts Damo Suzuki's Network mit der Psychedelic-Rockband Karaba in München auftrat, war das für den japanischen Sänger auch eine Rückkehr in die Stadt, in der seine Karriere als Musiker 1970 begann. Hier wurde der heute 68-Jährige nach einer zufälligen Begegnung Teil der visionären deutschen Band Can, zu deren Verehrern die Talking Heads, Radiohead und Kanye West gehören. Ein Gespräch über seine Zeit mit Can und die Improvisation als demokratischste aller Künste.

SZ: Herr Suzuki, Ihre Musikkarriere nahm hier in München ihren Lauf, als Holger Czukay und Jaki Liebezeit von Can Sie in Schwabing als Straßenmusiker entdeckten und direkt als Sänger engagierten. Wie kam es denn dazu?

Damo Suzuki: Ich habe damals in Deutschland nach Arbeit gesucht, weil ich nach zwei Jahren in einer Kommune in Schweden und einem halben Jahr als Straßenmusiker in Irland wieder zurück nach Japan wollte, aber kein Geld mehr hatte. In München habe ich dann beim Musical "Hair" einen Job als Tänzer gefunden, mit dem ich mir die Rückreise finanzieren wollte. Als ich Holger Czukay und Jaki Liebezeit begegnete, war ich noch auf Probezeit dort - und so genervt von der Tanzerei, dass ich meinem Frust mit einer Straßenperformance Luft gemacht habe.

Was für eine Performance war das?

Ich kann mich gar nicht mehr so recht erinnern, was ich da aufgeführt habe, aber als Holger mich sah, sprang er in diesem Café in der Leopoldstraße auf und rief: "Das ist er!" Damals waren in Europa ja nur wenige Asiaten unterwegs, da fiel ich mit meinen langen Haaren wohl ziemlich auf.

Und wie haben Sie reagiert?

Ich war, ehrlich gesagt, nicht wirklich begeistert von der Idee, Teil einer Band zu werden. Aber Holger wollte es unbedingt. Mein großer Traum war es damals eigentlich, Cartoonist zu werden. Dafür hatte ich jedoch kein allzu großes Talent.

Ihr erstes Konzert mit Can fand noch am selben Abend statt. Wenn man bedenkt, zu was für einer komplexen Musik Sie da improvisieren mussten, erscheint das ganz schön mutig.

Ach, wenn man auf der Bühne machen kann, was man will, ist das doch viel leichter, als einem bestimmten Ablauf folgen zu müssen. Das kann wirklich jeder. Ich hatte aber auch keine andere Möglichkeit, ich konnte ja nichts anderes. Von der Band gab es keine Anweisungen. Ich sollte auf die Bühne gehen und irgendetwas machen.

Mit Ihren englisch-japanischen Improvisationen fügten Sie sich auf den Can-Meisterwerken "Tago Mago", "Ege Bamyasi" und "Future Days" als eine Art vokales Instrument perfekt ein. Warum verließen Sie die Band nach vier Jahren wieder?

Ich war damals 23, frisch verheiratet und bei den Zeugen Jehovas. Ich wollte die Welt sehen und etwas erleben. Das war mir zu dieser Zeit viel wichtiger als die Aussicht auf ein Leben als Pop-Star.

Als Musiker traten Sie erst Jahre später wieder in Erscheinung.

Ja, ich war aber während meiner Auszeit auch schwer krank und ein halbes Jahr arbeitsunfähig gewesen. Wenn man dem Tod sehr nahe kommt und dann eine zweite Chance kriegt, verändert das den Blick. Auch deshalb habe ich später einen ganz eigenen musikalischen Ansatz jenseits der Musikindustrie gesucht.

Sie treten im Rahmen ihres "Networks" jeweils einmalig mit unbekannten Bands aus der Psychedelic- und Krautrock-Szene auf, ohne vorher geprobt zu haben. Worum geht es Ihnen dabei?

Musik ist für mich vor allem eine Form der Kommunikation. Etwas, über das man nicht lange nachdenkt, sondern etwas, das einfach passiert. Und eine solche Kommunikation ist auf diesem Weg am besten möglich. Ich bin da ein großer Idealist, es geht mir um maximale künstlerische Freiheit und um Energie, um ein unverfälschtes Miteinander und um das Durchbrechen des künstlichen Kreislaufs: Songs komponieren, Songs einüben, zum Aufnehmen ins Studio gehen und dann die ganze Promotion - bei so vielen Zwängen stirbt die Kreativität.

Gab es denn diese Zwänge bei Can?

Wir hatten zum Glück den Luxus unseres eigenen Studios in Weilerswist, in dem man ohne Zeitdruck arbeiten konnte. Und wir hatten Holger Czukay, der sich um all das Technische gekümmert hat. Wenn wir keine Lust hatten, haben wir dort auch einfach mal nur Tischtennis oder Schach gespielt. Und wenn es uns gepackt hat, haben wir etwas aufgenommen. Im Nacken saß uns da nie jemand.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bands aus, mit denen Sie heute zusammenspielen?

Es dürfen nur regional bekannte Bands sein. Wie ein guter Koch, der sich seine Zutaten aus der Gegend besorgt, arbeite ich mit regionalen Bands zusammen, die noch nicht von der Musikindustrie vereinnahmt wurden. Was die dann technisch können, ist für mich eher zweitrangig, gerade Fehler können oft zu sehr beglückenden Momenten führen.

Was für Musik hören Sie selbst gerne?

Ich höre abgesehen von etwas Klassik tatsächlich gar keine Musik. Es sind eher Geräusche oder Begegnungen, die mich inspirieren. Das mag arrogant klingen, aber für mich sind Popsongs generell nicht mehr als ein Produkt. Echte Musik hingegen ist für mich etwas, das eng mit der Natur verbunden ist, etwas, das organisch und langsam wächst - und nicht etwas Künstliches, das nach drei Minuten vorbei ist.

© SZ vom 07.06.2018

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