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"Dämonenräumdienst":"Der Dichter arbeitet als Reh im / Innendienst"

Marcel Beyer erhält Georg-Büchner-Preis 2016

Marcel Beyer, Jahrgang 1965, lebte heute in Dresden. 2016 verlieh im die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis. |

(Foto: picture alliance / dpa)

Bewusstseinsarchäologie eines poetischen Spürhundes: Marcel Beyers neue Gedichte.

Von Helmut Böttiger

Die Obsessionen Marcel Beyers lagen seit jeher in seiner bundesdeutschen Kindheit, als im Fernsehen neue Mythen geschaffen wurden und Zeitschriften wie Der kleine Tierfreund ein trauliches Behütetsein vermittelten. Auch in seinen neuen Gedichten blitzen Chiffren dieser scheinbar überschaubaren Welt auf: da gibt es die "Tchibo-Taschenlampe", das Maggifläschchen, den Resopaltisch oder das Rattansofa. Aber das Unheimliche, das in diesen Objekten steckt, wird mehr und mehr beredt. Beyer ist in den Urknall der modernen Pop- und Konsumwelt hineingewachsen, er hat sich bereits mehrfach als Virtuose im Umgang mit diesen Einflüssen gezeigt und etwa den Effekten des Reggae und des Dub glitzernde Farben abgewonnen. Doch auch die dunklen Seiten verkennt er nicht: "So staut die / Kotze sich / in meiner totgetippten linken Schulter / an, Lady In / Red und Dancing Queen und In The Air / Tonight / und Hotel California und Rocket Man."

Beyer verwirbelt in ausgefeilten Improvisationen das Inventar seiner Sozialisation, die Einrichtungsgegenstände, die Tier- und Fabelwesen sowie die popkulturellen Prägungen, und es entstehen ganz neue Muster und Textwelten. Der Humor, der da am Werk ist, verweist in Abgründe, die mit Plüsch ausstaffiert und deshalb umso horrender sind. Dieser Lyriker vermengt das Schöne und das Schreckliche zu etwas ganz Neuem. Die Vätergeneration des 1965 geborenen Beyer war vom Zweiten Weltkrieg und von Elvis Presley geprägt, und entscheidend ist dabei, wie das vielfach gebrochene "Ich" dieser Verse in eine spezifische Las-Vegas-Atmosphäre hineingeboren worden ist, "Elvis in / seiner späten Gospelphase". Und wie es diese "Sacropopjahre" imaginiert, die "kleine Fischbude des toten King" und in "Elvis Presleys letzte Fischbulette" beißt: das ist wirklich ein vielschillerndes Identitätsnetzwerk. Was dem diese Zeit inhalierenden Heranwachsenden bleibt, ist neben den Tierfilmen und Bernhard Grzimeks Sendungen aus dem Zoo der "Gospelhase", der "über die Bühne hoppelt", und dazu ein paar "Sacropopnoten, denn alles andere / wäre mir zu radikal."

"Schreib es auf, Sonst mußt du es / am Ende noch erleben"

Zu den frühen Medienerfahrungen, die das Bewusstsein imprägnieren, gehört auch das "fusselnde Gruselfilmmaterial", als das sich der Flokati-Teppich entpuppt, oder der "Stummfilmhimmel", mitsamt allem "Schriftschrot, Schriftgranulat, // das auf dem Zelluloid zerfließt". Und damit wird das konkrete Zentrum dieser Gedichte benannt. Die "Schrift" ist das Medium, mit dem das Gedicht sich selbst reflektiert, und deshalb geht es hier nicht um bloße Erinnerungsfragmente, sondern um die Art und Weise, wie das alles zu einer Kunstform gerinnt. Das erste Gedicht des Bandes mit dem Titel "Farn" führt dies programmatisch vor. Der Farn ist hier zu einer Torflandschaft geworden, "ein Buch, in unentzifferbarer Schrift verfaßt", und der dichterische Vorgang erscheint dann so: "ich knipse was an: Wildsein, / Erinnern, der Versuch einer / Schwarztorflektüre - schwarz auf / schwarz." In die Bestandsaufnahme dessen, was die eigene poetische Landschaft ausmacht, die Kunst- und Medienwelten der frühen Jahre, mischen sich Zeilen, die benennen, was in diesen Texten passiert: "Schreib es auf, sonst mußt du es / am Ende noch erleben", oder: "Ich brauche morgens viel zu lange, / bis ich mich fremdgeschrieben habe."

Beyer schließt an die Selbstreflexionen an, die seit Beginn der Moderne das Schreiben ausmachen und es gleichzeitig in Frage stellen. Den Gegensatz zwischen Hoch- und Populärkultur, der lange Zeit als selbstverständlich definiert wurde, hat es für diesen Schriftsteller von Anfang an nicht gegeben. Aber das Charakteristische an ihm ist, wie er diese Erfahrung verschiebt und seinen Umgang mit Populärkultur zu ästhetischen Reizen vorantreibt, die an die lyrische Tradition hinterrücks wieder anschließen. Es ist deshalb mehr als ein bloßer Budenzauber, wenn er seinen Amanda-Lear- oder Micky-Maus-Imaginationen auch Anspielungen auf Dichter unterjubelt, die dem Hausbuch deutscher Poesie entstammen. Gerade identifikatorisch wird es bei einem alten König des Absurden: "Lesen Sie Günter Eich. Das / Spätwerk. Zweiunddreißigmal." Oder, in einer irrwitzig kalauernden Anrufung Gottfried Benns: "In meinem / Elternhaus lagen keine Marlboros, / wurde kein Dujardin serviert." Hier werden den Gemälden "Gainsboroughs" bei Benn neue Mängel in der Generationenerfahrung entgegengestellt, und auf Benns heroische Welten zielt in der Folge auch die Erkenntnis: "und zugleich ist es / unendlich schwer, an Orten wie / diesen ein Mann ohne Laserschwert / zu sein."

Natürlich merkt man im aktuellen Hölderlinjahr besonders auf, wenn ein Gedicht den Titel "Weh mir" trägt, den berühmten Ausruf des schwäbischen Weltenzerreißers aus dessen Gedicht "Hälfte des Lebens" zitierend. Und die Umspielungen dieses Gedichts tragen noch weiter, auch Marcel Beyer sieht sich zweifellos in der Hälfte seines Lebens angelangt, aber er liest das alles gegen den Strich: "und wo / nehmt ihr, ihr holden Schweine, wenn // es Zeit ist für euch, für die Hölle, den / Sonnenschein, Marienkäfer und / süße punktierte Haut, und wo das / tüchtige Wasser, eure heillosen // Schädel zu tunken und die heillosen / Birnen und Rosen."

Die Gedichte in "Dämonenräumdienst" haben eine klassische Anmutung: sie bestehen allesamt aus zehn Vierzeilern, die hübsch geordnet anzusehen sind, auch wenn sie sich nicht reimen. Aber innerhalb dieser strengen äußeren Form geht es kreuz und quer, überlagern sich die Zeiten und die Assoziationen. Die Anfänge wirken dabei oft wie hitverdächtige Tracks: "Wie unter milden Drogen geht / der Tag dahin", oder: "In meiner Hasenzeit habe ich so häufig / mit Joseph Beuys geschlafen, ich / weiß wirklich nicht mehr, wann er / endlich schwanger war". Die Bilder werden jedes Mal konsequent weiterentwickelt, so dass ein flirrender selbstreferenzieller Rahmen entsteht. Am meisten groovt wahrscheinlich die Eingangssentenz: "Der Dichter arbeitet als Reh im / Innendienst" - was daraus dann wird, ist ein Meisterstück aus Autorpoetik, Hochkomik und Gesellschaftsanalyse. Rezeptionsgeschichtlich unübersehbare Figuren wie Hildegard Knef oder Rudolph Moshammer erweisen sich im Nachspüren ihrer Bedeutungsfacetten als besonders ergiebig, wobei "Daisy", der Yorkshire-Terrier des letzteren, äußerst effektvoll die Tiermotivik fortsetzt.

Den Schluss dieses bezwingenden Bandes bildet der sechsteilige Zyklus "Die Bunkerkönigin", der den Hintergrund der Gedichte noch einmal ausleuchtet: es geht um die Nachkriegstraumata, die in diesen Kindheitsbildern mitschwingen, um das Unbewusste in den Aufschwungphasen der alten Bundesrepublik und um den "Dämonenräumdienst", um das Zerschreiben der Märchenwelten und Fabelwesen, die sich früh festgesetzt haben. Die Wohlstandsfassaden zeigen Risse, die erst heute richtig sichtbar werden. Diese Gedichte sind die Bewusstseinsarchäologie eines poetischen Spürhundes: "ich lasse (...) / die Bunkerlauge, den ewig / nachtropfenden Bunkerschweiß, / lasse das ganze faule Gebräu sich // mit Kriegs- und Nachkriegsdreck / vermengen, lasse Betondecken / Moorboden sein: Ich räume / auf vor meinem inneren Auge."

Marcel Beyer: Dämonenräumdienst. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 173 Seiten, 23 Euro.

© SZ vom 22.09.2020

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