bedeckt München

"Crowdsourcing" im Journalismus:Weisse Bescheid

90 Prozent Mist, ein Prozent Gold - "Crowdsourcing" gilt als Hoffnung für investigativen Journalismus. Wie US-Zeitungen bei der Recherche auf unbezahlte Amateure setzen.

Thomas Schuler

Jeder gute Trend braucht einen Namen und deshalb einen Paten, der den Trend benennt. Einen wie den amerikanischen Journalisten Jeff Howe, der für die Zeitschrift Wired schreibt. Er gab dem Phänomen der Internet-Recherche 2006 den Namen "Crowdsourcing" und bevor man Howe erklären lässt, was es damit auf sich hat und wieso es zu einem Modewort unter amerikanischen Online-Journalisten wurde, sollte man die siebte von zehn Regeln erwähnen, die Jeff Howe in seinem Buch Crowdsourcing aufgestellt hat: 90 Prozent von allem ist Mist. Das könnte auch die Regel der Recherche schlechthin sein.

Wer ist hier der echte Journalist? Hape Kerkeling alias Investigativ-Journalist Horst Schlämmer zu Gast bei Günther Jauch. Weisse Bescheid, Schätzeken.

(Foto: Foto: ap)

Jeder gute Trend ist nicht ganz neu, sondern taucht Altbekanntes in ein neues Licht . Crowdsourcing beschreibt, was Journalisten seit Jahrzehnten machen: Sie bitten Informanten um Hinweise.

Nichts anderes tat der New Yorker Journalist Joshua Micah Marshall mit seinem Blog "TalkingPointsMemo", kurz TPM. Gelobt wurde TPM für seine Recherchen zur fragwürdigen Politik der Bush-Regierung, acht unliebsame Justizminister in Bundesstaaten zu feuern. Ihr Vergehen war, dass sie unabhängig von der Parteilinie der Republikaner agierten. Regionale Zeitungen berichteten über die Vorfälle. Aber es war Marshall, der die Fäden zusammenknüpfte, bis auch nationale Medien aufmerksam wurden und am Ende der Justizminister Alberto Gonzales zurücktreten musste. TPM erhielt dafür den bedeutenden George Polk Award.

Die Website lebt davon, dass die Leser, darunter Anwälte, Aktivisten und Geheimdienst-Experten, Hinweise geben. Bei den Recherchen über den ehemaligen Justizminister halfen sie ihm bei der Analyse von 3000 Seiten Dokumenten. Das Justizministerium hatte das Material auf öffentlichen Druck hin im März 2007 veröffentlicht. Die Leser teilten die Seiten auf in Pakete von je 50 Seiten. Während Reporter der Printzeitungen von der Fülle des Materials schlicht erschlagen waren und wegen der späten Veröffentlichung nicht mehr aktuell berichten konnten, präsentierte TPM bereits um ein Uhr nachts neue Details. Dreieinhalb Stunden später hatte Marshall 220 Analysen auf seiner Website. Die größte Zeitungskette der USA, Gannett, die USA Today und 90 weitere Blätter verlegt, hat ihre Redakteure bereits vor drei Jahren angewiesen, verstärkt das Crowdsourcing anzuwenden.

Jeff Howe definiert Crowdsourcing als Arbeit, die von wenigen bezahlten Mitarbeitern zu vielen unbezahlten Amateuren mittels eines Aufrufs im Internet transferiert wird. Gerade im Journalismus gebe es viele Möglichkeiten dafür, zumindest theoretisch. Unter der Bezeichnung "Bürgerjournalismus" werden sie von Sendern und Publikationen umgesetzt. Den Begriff "Bürgerjournalist" findet Howe übrigens so sinnvoll wie den Begriff Bürgerzahnarzt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2 über die Frage der Qualität.

Wikipedia trifft Woodward

Man dürfe Crowdsourcing nicht mit dem Versuch verwechseln, Amateure in Journalisten zu verwandeln, warnt Howe. Die Amateure sind Quellen; die Journalisten haben die Kontrolle, zumindest in der Theorie. Die Washington Post beschrieb Crowdsourcing einmal als "Wikipedia trifft Bernstein und Woodward." Ein Kompliment? Howe sagt, dass Umsetzung und Erfolg "sehr unterschiedlich" seien. Das ist freundlich ausgedrückt für: Vieles ist ungeprüft und fragwürdig. Eben wie bei Wikipedia.

Vor zwei Jahren hat sich der New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen mit seinem Projekt "Assigment Zero" in zweifacher Hinsicht mit Crowdsourcing beschäftigt. Ziel war es, zu erforschen, was es damit auf sich hat, und das sollte mit der Methode des Crowdsourcing selbst geschehen: Führt ein Aufruf an Leser zu Ergebnissen, die es in ihrer Qualität mit der Arbeit von Journalisten aufnehmen können? Das Projekt scheiterte, aber das Nachfolgeprojekt "Off the Bus", bei dem 12 000 Amateure über den Präsidentschaftswahlkampf berichteten, wertet Rosen als Erfolg. Sieht man von Zitaten eines ehemaligen Präsidenten (Bill Clinton) und eines nun amtierenden Präsidenten (Barack Obama) ab, lieferte das Projekt allerdings kaum nennenswerte Erkenntnisse.

Ein schönes Wort

Dennoch glaubt Robert Niles, Chefredakteur der Online Journalism Review der University of Southern California, Crowdsourcing könne bei investigativen Recherchen Hilfe leisten. Er schreibt: "Crowdsourcing könnte den Journalismus stärker verändern, als alle anderen Entwicklungen, die auf das Internet zurückgehen." Die Fürsprecher befinden sich im Aufwind. Zwar warnte Jim Naughton, der ehemalige Leiter des Poynter Instituts, einer Journalistenschule in Florida, Crowdsourcing sei nur ein schönes Wort für Einsparungen von Personalkosten. Doch inzwischen wird Crowdsourcing sogar in Harvard und an der New Yorker Columbia School of Journalism gelehrt, zwei der einflussreichsten Universitäten des Landes.

Ende März kündigte die Onlinezeitung Huffington Post den Aufbau eines gemeinnützigen (also steuerbefreiten) Recherche-Fonds an, bei dem Jay Rosen als Berater fungiert und mittels Crowdsourcing recherchieren lassen will. Dazu will der Fonds, der über 1,75 Millionen Dollar von der Huffington Post und der Stiftung Atlantic Philanthropies verfügt, zehn professionelle und kürzlich arbeitslos gewordene Reporter beschäftigen.

Der Fonds kooperiert mit der Journalistenschule der Columbia University. Erstes Projekt sei die Wirtschaftskrise; jeder könne die Ergebnisse kostenlos veröffentlichen, heißt es. Auch ProPublica, die investigative Redaktion von Paul E. Steiger, dem ehemaligen Chefredakteur des Wall Street Journal, will die Methode nutzen und hat dazu jene Mitarbeiterin eingestellt, die das Projekt "Off the Bus" koordinierte. Sie alle setzen auf Howes Regel Nummer acht, die besagt: Wenn 90 Prozent Mist sind, dann sind zehn Prozent aller Hinweise brauchbar. Und ein Prozent sei richtig gut. Dieses eine Prozent suchen sie.

© SZ vom 15.4.2009/rus
Zur SZ-Startseite