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Coronavirus:"Keine Panik, sondern Vorsicht"

Das Coronavirus lässt das Geschäft mit der klassischen Musik einbrechen. Nur auf dem deutschen Markt herrscht - noch - Ruhe.

Von Michael Stallknecht

Es hätte ein kultureller Brückenschlag werden sollen am kommenden Wochenende in der Berliner Philharmonie. Unter Leitung des Dirigenten Ilan Volkov wollten die Israel Contemporary Players zeitgenössische Musik aus Israel vorstellen. Doch in Zeiten des Coronavirus ist es auch mit dem musikalischen Grenzverkehr nicht mehr so einfach. Volkov jedenfalls hatte das Pech, gerade aus Deutschland nach Israel zurückgereist zu sein, wo die Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung besonders hoch sind. Man stellte ihn zwei Wochen unter Quarantäne, was sich das Orchester nachvollziehbarerweise ersparen wollte, weshalb es nun erst gar nicht nach Deutschland reisen wird. Das geplante Festival "Tel Aviv - Berlin" muss nun auf nur einen Abend verkürzt werden. Mit einer ähnlichen Enttäuschung müssen Besucher des Bonner Beethovenfests leben, die sich für das kommende Wochenende auf das Mailänder Sinfonie-Orchester "Giuseppe Verdi" gefreut haben. Aufgrund der aktuellen italienischen Reisebestimmungen musste das Orchester den Auftritt absagen.

Solche Meldungen fallen momentan noch auf in Deutschland, wo im Klassikbetrieb bislang ziemliche Routine herrscht. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) hat die von ihnen vertretenen Opern- und Konzertorchester angewiesen, für verstärkte Hygienemaßnahmen hinter den Bühnen zu sorgen. Ansonsten, sagt Gerald Mertens, der Geschäftsführer der DOV, laufe der Spielbetrieb "ganz normal". Das sieht andernorts längst anders aus, in Asien sowieso, aber auch in den USA beginnen bereits Konzertsäle zu schließen. Das besonders betroffene Italien hat vorsorglich sämtliche Opernhäuser des Landes bis vorerst 4. April geschlossen. Im berühmtesten von ihnen, der Mailänder Scala, befinden sich alle Mitarbeiter im Homeoffice beziehungsweise Zwangsurlaub, nachdem zwei von ihnen positiv auf den Coronavirus getestet wurden. Da viele italienische Opernhäuser vom Staat nicht üppig finanziert werden und auf Abendeinnahmen angewiesen sind, könnte das Virus für sie zur Existenzkrise werden.

Auch in der Schweiz ist der Spielbetrieb massiv eingeschränkt, weil der Staat nur noch Veranstaltungen mit weniger als tausend Besuchern zulässt. Die Kantone legen die Regelung unterschiedlich streng aus, weshalb beispielsweise die Zürcher Oper momentan weiterspielt. Das Theater Basel dagegen hat in den vergangenen Tagen das Geld für zehntausend bereits verkaufte Karten an Besucher zurückerstattet, weil das Haus seit Anfang März geschlossen ist. Weil niemand weiß, wann es weitergehen wird, seien die Vorverkaufszahlen auch für kommende Vorstellungen "bis auf die Hälfte gesunken", sagt Henriette Götz, die Kaufmännische Direktorin des Hauses. Normalerweise nehme man durch Kartenverkäufe pro Monat etwa eine Million Schweizer Franken ein. "Den Rest", so Götz, "können Sie sich ausrechnen".

Dass die Fluggesellschaften die Zahl ihrer internationalen Flüge massiv reduziert haben, ist noch das kleinste Problem

Gerald Mertens vom DOV schätzt, dass ein staatlich oder städtisch finanziertes Theater in Deutschland 15 bis 20 ausgefallene Spieltage in der Bilanz notfalls "wegdrücken" könnte. Eine Schließung von drei bis vier Wochen wäre für ein durchschnittliches Haus also verkraftbar, danach freilich entstünden Löcher in den Etats, die auch die Planung für kommende Spielzeiten noch massiv einschränken würden. Wenn einmal auch in einem deutschen Theater ein Ensemblemitglied positiv auf den Coronavirus getestet wird, ist es gut möglich, dass dann der Orchestergraben leer bleibt oder dass nur noch Kammeropern gespielt werden können, weil der komplette Chor in Quarantäne muss.

Dennoch bekommen hierzulande bislang vor allem freiberufliche Musiker und Ensembles die Folgen des Virus zu spüren, sofern sie etwa Auftritte in Italien, Israel oder asiatischen Ländern geplant haben. Dass die Fluggesellschaften die Zahl ihrer internationalen Flüge massiv reduziert haben, ist dabei noch das kleinste Problem. "Uns bricht gerade die Geschäftsgrundlage weg", sagt Sabine Franvon der international tätigen Künstleragentur Harrison / Parrott. Schließlich gilt eine regierungsseitlich verhängte Schließung oder Einreisesperre als höhere Gewalt, kein Veranstalter zahlt da einen Vertrag aus. Agenturen aber leben von den Provisionen, die sie von den Einnahmen der Künstler bekommen. Für Frank ist Corona deshalb schon heute "eine große Krise", die ihre Agentur "richtig, richtig heftig" treffe.

Reihenweise würden Konzerte ihrer Künstler abgesagt, zudem seien etwa in China Musikfestivals bereits für das kommende Jahr suspendiert, weil staatliche Subventionen dort nun anderweitig gebraucht würden. Betroffen sind auch Orchestertourneen, die in die für den amerikanischen und europäischen Klassikmarkt lukrativen asiatischen Länder führen. Dem Freiburger Barockorchester etwa wurden vier geplante Konzerte in Hongkong und Seoul abgesagt, von der geplanten Tournee blieb nur noch ein Auftritt im australischen Melbourne übrig. Im konkreten Fall trug eine Versicherung die Kosten für die ausgefallenen Konzerte. Für die Zukunft wäre das nicht mehr möglich, weil die meisten Versicherer coronabedingte Schäden inzwischen von der Erstattung ausschließen.

Um etwa 20 Prozent, schätzt der Münchner Konzertveranstalter Andreas Schessl, seien die Kartenkäufe für anstehende Veranstaltungen zurückgegangen

Sollten auch in Deutschland Konzerte abgesagt werden, erwägt das Ensemble, Konzerte aus seinem Freiburger Probengebäude live ins Internet zu streamen, wie es beispielsweise das Teatro La Fenice in Venedig mit zwei Konzerten getan hat. Auf Dauer aber würde dabei nicht nur das Finanzierungskonzept für die 29 festbeschäftigen Musiker ins Wanken geraten, schneller noch bekämen die häufig gebrauchten Aushilfen die ökonomischen Auswirkungen zu spüren. "Sie auszubezahlen schafft ein freies Ensemble nicht", sagt Martin Bail, der Pressesprecher des Orchesters, "das ist für Freiberufler ein Horror".

Längst ist denn auch Unruhe bei Konzertveranstaltern zu spüren, die nicht öffentlich finanziert und deshalb besonders auf Einnahmen aus Kartenverkäufen angewiesen sind. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft hat bereits vom Bundeswirtschaftsministerium gefordert, sich Gedanken über ein Hilfeprogramm zu machen. Der Verband fürchtet, dass im Falle flächendeckender Absagen vielen freien Konzert- und Tourneeveranstaltern der wirtschaftliche Kollaps drohe.

Andreas Schessl, der mit MünchenMusik den größten Konzertveranstalter in München leitet, will auf Nachfrage vorerst dennoch den Ball flach halten. Bereits gekaufte Karten würden bei ihm bislang eher selten zurückgegeben, sagt er, Einbußen spüre er aber bei den Vorverkäufen. Um etwa 20 Prozent, schätzt er, seien die Kartenkäufe für anstehende Veranstaltungen zurückgegangen. "Keine Panik, sondern Vorsicht" lautet die Maxime, die Schessl seinem Unternehmen momentan verordnet.

Im Falle einer Konzertabsage aber bliebe auch er auf 40 Prozent der Kosten sitzen, obwohl er dann keine Saalmiete und den Künstlern keine Honorare zahlen müsste. Entsprechend hofft er noch, dass die Krise in Deutschland glimpflicher abläuft als andernorts. "Wir müssen von Tag zu Tag sehen, wie wir weiterkommen."

© SZ vom 09.03.2020

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