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Corona in Iran:Von wegen Veilchenöl

Die islamische Republik leidet sehr unter dem Coronavirus. Immerhin gibt die Regierung die Schuld daran nicht mehr bösen Geistern. Nicht alle mögen es so pragmatisch.

Gastbeitrag von Katajun Amirpur

Corona hat Iran noch immer im Griff. Die Islamische Republik gehört zu den zehn am stärksten betroffenen Ländern der Welt. Seit Ende Februar haben sich mehr als 200 000 Iraner nachweislich infiziert. Mehr als 9500 sind an oder mit dem Virus gestorben. Unabhängige internationale Quellen und selbst einige iranische Politiker gehen jedoch von deutlich höheren Zahlen aus. Ausländische Beobachter sehen das Land längst mitten in der zweiten Welle.

Nach einem Rückgang der Infektionen im Mai hatte die Regierung die Schutzmaßnahmen gelockert. Jetzt steigen die Infektionen wieder. Gesundheitsminister Said Namaki mutmaßte am Sonntag, dass die Iraner noch zwei weitere Jahre mit dem Virus werden leben müssen. Die Menschen verhielten sich wieder viel zu sorglos.

Inzwischen kommuniziert die Regierung besser als am Anfang. Zu Beginn der Pandemie hatte die Regierung die Krise heruntergespielt. Die Berichte der Ärzte hatte sie ignoriert, wohl um zu vermeiden, dass noch weniger Menschen an den Parlamentswahlen im Februar teilnehmen, als ohnedies angesichts der Systemkrise und der Wählerapathie zu erwarten war.

Mitte Februar wurden die ersten Toten, bei denen man als Ursache Corona vermutete, in der Stadt Qom gemeldet, aber die Regierung verschwieg die Vorfälle. Dass die Pandemie gerade in diesem Pilger- und Studienort ausbrach und sich von hier aus rasch verbreitete, war vermutlich kein Zufall. Wahrscheinlich hat einer der rund 600 chinesischen Religionsstudenten das Virus nach Iran gebracht. Drinnen herrscht immer großes Gedränge, denn nach schiitischem Brauch küssen die Pilger den Schrein der in Qom begrabenen Fatima Masuma, um ihren Bitten Nachdruck zu verleihen.

Nachdem das Vorhandensein des Virus nicht mehr zu leugnen war, bezeichnete Irans oberster religiös-politischer Führer Ali Chamenei es Anfang März als "keine so große Tragödie". Als sich auch die Tragödie nicht mehr leugnen ließ, griff die Führung zu Verschwörungstheorien und machte ausländische Mächte verantwortlich: Hinter der Covid-19-Pandemie stecke eine biologische Attacke des Erzfeindes USA und seines Präsidenten Donald Trump, hieß es von Irans oberster Kanzel.

Dschinne als Schuldige? Das war selbst für iranische Verhältnisse bizarr

Dann erklärte Staatsoberhaupt Chamenei in seiner Predigt zum iranischen Neujahrsfest am 22. März, für den Ausbruch der Pandemie seien neben den üblichen menschlichen Feinden auch Dschinnen, religiöse böse Geister, verantwortlich. Diese Äußerung war allerdings selbst für iranische Verhältnisse so bizarr, dass man sie im offiziellen Transkript strich. Sie ist nur noch in Videos im Netz zu finden und wird von vielen Iranern hämisch kommentiert. Als die Forderung aufkam, die beiden wichtigsten Pilgerorte, Qom und Maschhad, wegen der immensen Ansteckungsgefahr zu schließen, hieß es zunächst, gerade in diesen schweren Zeiten sei Religion ein Anker für die Menschen. Außerdem helfe Beten gegen das Virus.

Schließlich setzte sich aber auch in Bezug auf die religiösen Stätten der Verstand durch. Auf die religiösen Befindlichkeiten der Bürger nahm die Regierung plötzlich nur noch wenig Rücksicht.

Dass hier in der Tat Widerstandspotenzial vorhanden ist, zeigte sich aber, als die Behörden Mitte März ankündigten, sie würden den Schrein des achten Imams der Schia, Reza, in der Stadt Maschhad sowie den seiner Schwester Fatima schließen. Kurz nach der Ankündigung versammelten sich wütende Demonstranten vor den beiden Heiligtümern und versuchten, die Eingangstore zu durchbrechen. Diese Aktionen stießen auf der anderen Seite des religiösen Spektrums sofort auf Kritik. Die Angriffe seien der Inbegriff religiöser Ignoranz, erklärte der moderate Abgeordnete Ahmad Masani.

Religiösen Pragmatismus bewies die Regierung allerdings dann wiederum, als Ali Khamenei ein Rechtsgutachten erließ, das es den Gläubigen erlaubte, die Fastenregeln des Monats Ramadan auszusetzen. Gläubige werden vom religiösen Fasten entschuldigt, wenn der Verzicht auf Essen und Trinken "eine Krankheit verursachen, verstärken oder verlängern" kann, erklärte er. Damit entließ er die Gläubigen in einer für die Schia charakteristischen Art des Pragmatismus aus einer religiösen Pflicht - denn diese Formulierung ist - und so war es sicherlich gedacht - sehr weit auslegbar.

Andere Aussagen im Umgang mit der gegenwärtigen Situation sind weniger hilfreich. Und manche Personen, die sich selbst islamische Heiler nennen, verkomplizieren die Lage deutlich. Abbas Tabrisian, den seine Anhänger als den Vater der islamischen Medizin bezeichnen, meinte schon früh, ein Heilmittel gegen das Virus gefunden zu haben. Er propagierte Anfang März die Einführung von Veilchenöl in den Anus. Schon vor dieser bizarren Idee war er allerdings von islamischen Autoritäten als Scharlatan abgekanzelt worden, nachdem er Harrisons Standardwerk "Innere Medizin" öffentlich verbrannt hatte.

Avicenna forderte schon vor 1000 Jahren die Isolation ansteckender Kranker

Ayatollah Dschafar Sobhani, eine der angesehensten Autoritäten Qoms, regierte darauf mit einem Youtube-Video. Darin mahnte er, es sei gegen den Geist des Islams, das Wissen zu suchen, wenn man medizinisches Wissen beleidige. Dschafar Sobhani dürfte den meisten Iranern aus dem Herzen sprechen: Immerhin wendet er sich an ein Land, dessen berühmtester Arzt, Avicenna, schon vor tausend Jahren in seinem Kanon der Medizin erläuterte, dass man kranke Menschen vierzig Tage isolieren müsse um eine Ansteckung und Verbreitung zu verhindern.

In den iranischen Krankenhäusern orientiert man sich dementsprechend auch eher an Avicenna und Harrison und bekämpft mit ganz normalen medizinischen Methoden das tödliche Virus.

Um sich ein wenig Freude dabei zu erhalten, scheint iranisches Krankenhauspersonal regelmäßig Tanz-Challenges abzuhalten. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Videos, in denen das Personal in voller Schutzmontur zu traditioneller oder moderner iranischer Musik tanzt. Obwohl gemeinsames Tanzen nur verheirateten Frauen und Männern erlaubt ist und in der Öffentlichkeit verboten ist, schreiten die Behörden nicht gegen die Performances ein. Ein Twitter-Nutzer witzelte daher schon, Krankenhäuser mit Coronavirus-Patienten seien die einzigen Orte, an denen sich die religiöse Sittenpolizei nicht blicken lasse.

Katajun Amirpur ist Professorin für Islamwissenschaft am Orientalischen Institut der Universität Köln.

© SZ vom 24.06.2020

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