Corona-Folgen in der Klassik:Nach reiflicher Überlegung und mit tiefer Trauer

In New York schließt die größte Musikeragentur der Welt. Die "Cami" vertrat Anne-Sophie Mutter, Valery Gergiev und Mirga Grazinyte-Tyla. Droht auch in Deutschland ein Sterben der Musikvermittler?

Von MICHAEL STALLKNECHT

Wer auf die Homepage der Musikeragentur Columbia Artists Management klickt, findet nur noch weiße Seiten. Über Nacht wurden die Künstlerlisten geleert, die bislang einige der weltweit erfolgreichsten Musiker versammelten. Die Geiger Anne-Sophie Mutter und Gidon Kremer, die Dirigenten Valery Gergiev und Mirga Gražinytė-Tyla, die Pianisten Maurizio Pollini und Khatia Buniatishvili, aber auch ganze Orchester wie das London Symphony oder das Leipziger Gewandhausorchester: Sie alle stehen nun ohne Vertretung da - mindestens auf dem wichtigen US-Markt.

Denn die Cami, wie die New Yorker Agentur ebenso liebe- wie respektvoll genannt wurde, hat "nach reiflicher Überlegung und mit tiefer Trauer", wie es auf der Homepage heißt, ihre sofortige Schließung verkündigt. Nach mehr als acht legendären Jahrzehnten gibt die weltweit größte Musikeragentur auf, weil sie im vergangenen halben Jahr keinerlei Einnahmen hatte.

Während in Europa und teilweise auch Asien das Konzertleben momentan wieder ein paar zarte Pflänzchen treibt, wird es in den USA noch auf unabsehbare Zeit lahmgelegt bleiben. Abhängig ist das auch dort von den Corona-Schutzmaßnahmen der einzelnen Staaten. So experimentieren manche Orchester bereits wieder mit Kleinstformaten, doch größere Konzerte oder gar Opernformate gelten gegenwärtig als politisch nicht durchsetzbar und wären schlicht auch nicht finanzierbar. Da amerikanische Opernhäuser und Orchester kaum öffentliche Subventionen erhalten, lohnt sich das Spielen für die meisten nur vor nahezu ausverkauften Häusern.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Die Vermittler leben von den Provisionen der Künstler

Inzwischen haben bereits einige Orchester den gesamten Rest der Spielzeit abgesagt. Auch Peter Gelb, der Intendant der New Yorker Metropolitan Opera, bezweifelt inzwischen öffentlich, dass er den angekündigten Wiedereröffnungstermin des wichtigsten amerikanischen Opernhauses zum 31. Dezember halten könne. Betroffen von den Absagen sind auch zahllose europäische und asiatische Solisten und Orchester, die Tourneen in die Vereinigten Staaten geplant hatten. So müssen sich etwa auch die Münchner Philharmoniker, deren amerikanische Tourneen bislang von Cami organisiert wurden, für eventuelle künftige Auftritte neue Partner vor Ort suchen.

Das Geschäftsmodell der Agenturen ist simpel: Sie leben von den Provisionen ihrer Künstler. Bezahlt werden sie nur im Fall des Auftritts, auch wenn sie oft jahrelange Vorarbeit in die Vermittlung und Betreuung investiert haben. Besonders US-amerikanische und englische Managements haben deshalb bereits in den vergangenen Monaten Mitarbeiter entlassen. Die englische Agentur Hazard Chase ging gleich zu Beginn der Schließungen lieber in die freiwillige Liquidierung, als sich auf ein Spiel mit unabsehbarem Ende einzulassen.

Der Untergang der Cami dürfte nun am stärksten die vielen nicht ganz so prominenten Musiker treffen, denen sie im Fahrwasser ihrer großen Namen Auftritte vermittelte. Gerade Karriereeinsteiger dürften in der gegenwärtigen Lage kaum eine neue Agentur finden, während sehr erfolgreiche Musiker meistens noch weitere Managements etwa für den europäischen Markt haben oder andernorts Unterschlupf finden könnten. Vorstellbar ist auch, dass sich einzelne Agenten aus der Bankrottmasse der Camit mit ihren lukrativsten Künstlern selbständig machen werden.

Dabei gilt die Situation der Künstlervermittler längst auch über Amerika hinaus als dramatisch. Zwar werden etwa deutsche Agenturen momentan vom Kurzarbeitergeld über Wasser gehalten, aber unter der Hand geben viele an, dass sie höchstens bis Jahresende durchhalten. Schließlich werden für die wenigen stattfindenden Konzert oft kleinere Gagen gezahlt und die Agenturen erhalten entsprechend geringere Provisionen. Abgesehen vom Verschwinden einer legendären amerikanischen Musikinstitution dürfte der Untergang der Cami deshalb durchaus auch Signalwirkung für den weltweiten Musikmarkt haben.

© SZ vom 01.09.2020
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