Connie Palmen im Interview "Wittere ich Drama, bin ich dabei"

"So ist mein Leben, und so muss ich schreiben", sagt die niederländische Autorin Connie Palmen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zwei große Lieben, zwei Todesfälle. Verlust ist allgegenwärtig im Leben und Werk von Connie Palmen. Ein Besuch bei der Grande Dame der niederländischen Literatur.

Von Anne Backhaus

Durch die Innenstadt Amsterdams jaulen Sirenen. Krankenwagen und Polizeifahrzeuge rasen vorbei. Connie Palmen, die sich gerade hingesetzt hat, kann sich nicht konzentrieren. Das Geheul durchdringt ihr Wohnzimmer in dem schmalen mehrstöckigen Bau an der Herrengracht. Es hört gar nicht mehr auf, unzählige Einsatzfahrzeuge sind unterwegs. Palmen springt auf, hastet zur Eingangstür und reckt ihren Kopf hinaus. Dann ruft sie ins Haus: "Ich muss kurz gucken. Nicht, dass Freunden etwas zugestoßen ist."

An diesem Samstagnachmittag kommt keiner zu Schaden, der ihr nah ist. Palmen, 60, die Grande Dame der niederländischen Literatur, fürchtet aber nicht ohne Grund den Verlust. Sie hat schon zu viele Menschen verloren. Zwei große Lieben, enge Freunde und Verwandte. Der Tod ist so auch zu einem Teil ihres Lebenswerks geworden - und sie zur Expertin für das Verkraften von Schicksalsschlägen.

Zusammen mit ihrem ersten Mann bildete sie das Paar der intellektuellen Szene Amsterdams

Nach dem Erscheinen ihres ersten Romans "Die Gesetze", ein internationaler Bestseller, der sie 1991 sofort berühmt macht, lernt die damals 35-jährige Autorin den bekannten niederländischen Journalisten und Talkshow-Moderator Ischa Meijer kennen. Sie verlieben sich schlagartig, werden zu dem Paar der intellektuellen Szene Amsterdams. Vier Jahre später stirbt Palmens erste große Liebe überraschend an einem Herzinfarkt. Da erscheint gerade ihr zweiter Roman "Die Freundschaft". In ihrem dritten, dem intimen Beziehungsportrait "I.M. Ischa Meijer - In Margine, In Memoriam", wird sie die Trauer um ihren Partner und seinen Tod verarbeiten.

Heute stehen in ihrem Wohnzimmer gerahmte Fotos von Familie, Freunden und ihrem 2010 an Leberkrebs verstorbenen Ehemann, dem ehemaligen Außenminister der Niederlande, Hans van Mierlo. Er war ihre zweite große Liebe. Das erste Jahr nach seinem Tod hat sie eine Art Tagebuch, ihr "Logbuch", geführt, sonst hätte sie, wie sie sagt, nie wieder schreiben können. In ihrem ersten Buch, das sie seitdem geschrieben hat, geht es ebenfalls um den Tod eines geliebten Menschen.

Der Roman "Du sagst es", der nun in Deutschland herauskommt, ist die fiktive Biographie des Lyrikers Ted Hughes, dessen Frau sich das Leben nahm. Hughes und Sylvia Plath sind das tragische Paar der modernen Literatur, verbunden durch eine teils zerstörerische Liebe. Der Selbstmord der Schriftstellerin im Jahr 1963 ließ ihren Ehemann, aus dessen Sicht Palmen schreibt, in den Augen der breiten Öffentlichkeit als Schuldigen zurück. Er selbst hat sich nie ausführlich zu seinem Leben mit Plath geäußert.

Palmen spricht ruhig und besonnen, keiner ihrer Sätze ist beliebig

"Dieser Selbstmord hat mich fasziniert", sagt Palmen. "Es hat etwas Verräterisches, wenn man auf diese Art verlassen und bestraft wird." Die Schriftstellerin ist ganz in schwarz gekleidet, trägt über ihrem T-Shirt eine fedrige Plüschweste. Sitzt sie auf ihrem großen, roten Sofa, ist es, als würde der ganze Raum sich auf sie konzentrieren. Ihren neuen Roman nennt sie eine "Elegie auf eine verlorene Geliebte"; es sei für sie ein "Bruderbuch" ihrer beiden autobiografischen Werke, ihren eigenen, sehr intimen "Klageliedern" über ihre beiden geliebten Männer.

"So zu leben kostet Kraft", sagt die zierliche Palmen. "Sobald ich sie rieche, renne ich so schnell wie möglich auf die große Emotion zu. Wittere ich Drama, bin ich dabei." Sie spricht ruhig und besonnen auf Deutsch, manchmal wechselt sie ins Englische oder Französische, wenn ihr die richtigen Wörter fehlen. Keiner ihrer Sätze ist beliebig. Zwischendurch fährt sie sich mit den Händen durch ihre kurzen Haare und lässt sie zu allen Seiten abstehen.

Ihre Augen funkeln, wenn sie von Ted Hughes und seinem Verlust spricht. Reicht es nicht langsam mal mit dem ganzen Drama? Nein. "Meine großen Themen sind Liebe, Tod und Freundschaft", sagt sie. "So ist mein Leben, und so muss ich schreiben." Zugegeben, gut tue ihr die Vehemenz und Echtheit, mit der sie schreibt, nicht immer unbedingt. Ihren Büchern aber schon.

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