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Computer und Kunst:Ada Lovelaces jüngste Tochter

Die Installationen der Künstlerin Karina Smigla-Bobinski fordern die Intuition.

"Ich liebe gigantische Sachen", sagt Karina Smigla-Bobinski. "Denn sie zwingen einen, sich auf Augenhöhe mit ihnen auseinanderzusetzen." Alles was dagegen kleiner als der menschliche Körper sei, werde vom Galeristen- und Sammlerbetrieb im Handumdrehen zum besitzbaren Objekt gemacht. Und landet auf dem Kunstmarkt. Oder wird zum Investment. Die Künstlerin spricht das Wort aus wie eine Beleidigung und schiebt sich mit einer resoluten Handbewegung die Brille in die Stirn: "Ich verkaufe nicht. Sonst müsste ich ja ständig etwas Neues produzieren." Man kann sie immer noch spüren, diese Mischung aus Neugier und Trotz, die die studierte Malerin einst dazu trieb, immer größer werdende Kunst-Produktions-Maschinen zu bauen, ihr Publikum sinnlich und körperlich herauszufordern.

Ihre Kunst spricht ein menschliches Urbedürfnis nach Partizipation an

"Meist konsumieren Ausstellungsbesucher nur", sagt Smigla-Bobinski. "Aber ich brauche sie als Co-Produzenten". Auf ihrem Laptop klickt sie eine Dokumentation des amerikanischen Fernsehsenders NBC über ihre gerade in San Francisco ausgestellte Lichtinstallation "Kaleidoscope". Zu sehen ist ein großes hintergrundbeleuchtetes Plastikbrett, auf dem lachende Besucher ihre Hände abdrücken, herumwischen, und dabei immer neue Farbmuster generieren. Letztlich, sagt die Künstlerin, entstehe alles nur im Auge des Betrachters - je nachdem, wie die flüssigen, durch Folien getrennte Farbschichten sich verteilen und überlagern.

Portrait der Künstlerin Karina Smiglia-Bobinski

Der Name von Karina Smigla-Bobinskis Installation „Ada“ bezieht sich auf die Mathematikerin Ada Lovelace, Erfinderin der Computersprache.

(Foto: Caitlind r.c. Brown)

Was offensichtlich ist: Smigla-Bobinskis Kunst spricht ein menschliches Urbedürfnis nach Partizipation an. Sie verwickelt ein Handy- und Computerbildschirm-gewohntes Publikum in übergroße postdigitale Settings. Unwillkürlich sucht man die betongraue Halle ihres Münchner Ateliers nach entsprechenden Gerätschaften ab. Doch an den Wänden lehnen lediglich ein paar bemalte Leinwände - sie gehören einer Malerin, mit der sie sich den Erdgeschossraum auf dem Stadtwerke-Gelände gegenüber des Heizkraftwerks in Thalkirchen teilt. Das liegt zum einen daran, dass viele ihre Installationen wie "Ada", "Simulacra", "Alias" oder "Kaleidoscope" gerade in einem Museum für moderne Kunst am anderen Ende der Welt, etwa in Jeddah, Saudi-Arabien, in Taiwan, Windhuk oder São Paulo zu sehen sind. Zum anderen daran, dass sie nur "live" mit einem Publikum funktionieren.

Portrait der Künstlerin Karina Smiglia-Bobinski

Karina Smigla-Bobinski studierte zunächst Malerei.

(Foto: Christin Schubert)

"Simulacra" zum Beispiel: Ein Rechteck aus nackten Computermonitoren, auf denen nur weißes Rauschen zu sehen ist. Scheinbar. Die LED-Hintergrundbeleuchtung, erklärt die Künstlerin, zeichnet normalerweise mit den Folien, die das Licht polarisieren, ein Bild. Aber erst die letzte Folie macht dieses sichtbar. Diese Folie hat sie weggelassen und stattdessen in Lupen montiert, die rund um die Bildschirme von der Decke hängen "Ich gebe grundsätzlich keine Gebrauchsanleitung zu meinen Kunstwerken", sagt Smigla-Bobinski und klickt ein Video an: Besucher der elektronischen Kunstmesse "File" in São Paulo drehen die Lupen hin und her, stoßen verwunderte bis entsetzte Schreie aus. Je nach Schwenkgrad der Lupen tauchen aus dem Weiß der Bildschirme Finger, Arme Körperteile auf und verschwinden wieder.

Die Zuschauer hinter der Plexiglasscheibe steuern den Ball durch Gedankenkraft

Berühmter noch ist Smigla-Bobinski mit "Ada" geworden, einem mit Helium gefüllten Gummiball, der mit 300 an seiner Außenseite angebrachten Karbonstiften wie ein Kugelfisch aussieht - und bei Berührung durch den Raum schwebt. Dabei hinterlässt er an Wänden und Decken seine Spuren: Farbkratzer, Schlieren, Striche. Je mehr Besucher den Ball bewegen, umso komplexer die Zeichnungen, die dann irgendwann an Neuronennetze oder auch die Verschaltungen selbstkonfigurierender Platinen erinnern. Dabei lässt sich der Ball kaum kontrollieren. Er oder besser gesagt sie, begeistert sich Smigla-Bobinski, verhalte sich wie eine künstliche Intelligenz. Schon seit ihrer Kindheit interessiert sich die Künstlerin für Physik und Nanotechnologie: Für "Ada" diente ihr das Modell eines Nanoroboters für die Reparatur abgestorbener Nervenbahnen als Inspiration. Die Materialien - Silikon, Carbon, Helium - sind dieselben. Den Namen aber hat sie Ada Lovelace entliehen, der englischen Mathematikerin und Tochter von Lord Byron, die heute als Erfinderin der Computersprache gilt. "Ada" tourt seit zehn Jahren um die Welt: Balletttänzerinnen wie die Kanadierin Jadie Hill oder das Pittsburgh Ballet haben den Ball mit den Karbonstiften als Tanzpartner auf die Bühne gebracht, Musiker haben aus dem Sound von "Ada" elektronische Musik produziert. Diese Art von Kunst vermarktet sich selbst. So könnte man angesichts von zig Millionen "Ada"-Aufrufen allein auf Facebook meinen. Tatsächlich aber musste Smigla-Bobinski jahrelang um öffentliche Wahrnehmung kämpfen. So feierte "Ada" etwa nicht in einem renommierten Museum Premiere, sondern im Kunstverein Ebersberg. Ihr Publikum musste sich die Künstlerin anfangs im Netz suchen. Und München? Smigla-Bobinski rollt mit den Augen. "Das Gegenteil von einem Heimvorteil." Bei einer ihrer wenigen Performances 2018 in der Muffathalle in München etwa, seien die Veranstalter vollkommen überrascht gewesen, dass die Künstlerin vor Ort wohnt und arbeitet.

Allerdings scheint Smigla-Bobinski das Leben unter dem Radar auch nicht ganz unrecht. Die Tochter zweier polnischer Kunstrestauratoren hatte zunächst in Krakau altmeisterliche Malerei studiert. Bis sie 1983 an die Kunstakademie München wechselte und Bilder mithilfe von Computer- und Videotechnik auf Tüllbahnen projizierte, die sich durch den Luftzug der Besucher bewegen und sich verändern. Oder Tänzerinnen durch rinnende Wassertropfen auf der Linse verflüssigt. Das beeindruckte die Berliner Theaterregisseurin Helena Waldmann so, dass sie Smigla-Bobinski im Jahr 2000 zum Teil ihres Tanztheaters machte. Für "Letters From Tehran" - später "Letters from Tentland" - tourt sie zusammen mit iranischen Tänzerinnen um die Welt. Wegen Zensurvorgaben aus Teheran projiziert Smigla-Bobinski ihre Bilder und Brieffragmente auf züchtig in Zelten tanzende Frauen. Nach Hunderten gefeierten Gastspielen von Berlin bis Kabul, Islam- und Kopftuchdiskussionen, und schließlich Verhaftungen der Schauspielerinnen auf Weisung des damaligen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, hatte sie eines verstanden: "Der menschliche Körper ist hochpolitisch besetzt." Sie holt ein paar Skizzen aus dem Nebenraum. Der Entwurf einer Noppenwand, an der Grafitbälle der Schwerkraft folgend eine Zufallsbahn zeichnen - während die durch Plexiglas getrennten Zuschauer ähnlich wie bei einem Glücksspiel nur durch Gedankenkraft eingreifen können. "Die Materie durch den Geist zu lenken - versuchen wir das nicht alle mehr oder weniger?"